Schau mir in die kleinen Augen

N… O… A… R… Z.

Der geneigte Leser ist vermutlich jetzt etwas verwirrt. Und weil das natürlich nicht angehen kann, sei dieser kryptische Bloganfang hiermit erklärt:

Ich war heute beim Optiker.

Wieder einmal will ich mich auf das Abenteuer Kontaktlinsen einlassen, oder wie es in den Schaufenstern der einschlägigen Fachgeschäfte so schön heisst: Contactlinsen. Nein, der Grund ist nicht, dass ich immer noch dem Glauben fröne, mit kleinen Kunststoffscheiben in den Augen auf das andere Geschlecht attraktiver zu wirken als mit einem Nasenfahrrad im Gesicht. Darüber bin ich mittlerweile doch hinweg. Und ausserdem: Wer sich nur für mich interessiert, wenn ich keine Brille trage – tja, der interessiert mich dafür nicht.

Der Grund ist vielmehr folgender: Ich heirate. Und weil das tolle teure Märchenprinzessinnenkleid halt doch etwas romantischer aussieht, wenn ich keine schicke, aber doch eher unterkühlt-stylishe Brille dazu trage, mute ich mir jetzt eben wieder die Tortur des Kontakt… Contactlinsentragens zu. Ja, ich bin mir bewusst, dass der Grund ‚Ich will an meiner Hochzeit so rattenscharf wie möglich aussehen’ sich nicht wirklich vom Grund ‚Ich will dass mich alle Jungs toll finden’ unterscheidet. Aber da der berühmt-berüchtigte kleine Unterschied zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit beschworen wird, sei ihm hiermit eine Plattform gewährt. Und ausserdem: Als Frau bestehe ich a) auf dem Recht auf freie Meinungsänderung und b) auf die jederzeit mögliche Anwendung des Satzes ‚Das ist etwas GANZ anderes!’

Nun gut, ich tauchte also bei Fielmann (hey, ich bin nicht öffentlich-rechtlich, ich darf schleichwerben) auf und erfuhr als Erstes, dass ich für Kon… Contactlinsen einen Termin brauche. Dies zumindest deutschte mein Angebeteter für mich aus, da ich den badischen Dialekt in seiner reinsten Form halt immer noch nicht überall sofort verstehe. Dies mag daran liegen, dass sich meine berndeutschen Ohren instinktiv gegen eine Sprache sträuben, die für mich klingt, als ob ein Deutscher versucht, Baseldeutsch zu sprechen. Ich mag Baseldiitsch ja nicht mal, wenn ein reinrassiger Bebbi es spricht.

Methinks the lady doth abschweif too much. Aber was Hildegunst von Mythenmetz recht ist, kann mir ja nur billig sein. Immerhin war ich heute ja in einem Billigbrillenladen. So, Kurve gekriegt, unelegant zwar, aber trotzdem. Ich besitze ja schliesslich auch keinen Führerschein.

Heute war nun der Tag des Termins. Kaum war ich zur Tür hereingekommen, stürzte sich ein dienstbeflissener, höflicher aber leider badisch sprechender Azubi auf mich. Da ich diesmal ohne Angebetetenanwesenheit auf mich allein gestellt war, entnahm ich seiner Antwort auf meine Anfrage punkto Ko… Contactlinsentermin nach kurzem Nachdenken, dass ich nach hinten durchgehen sollte. Ich ging also nach hinten durch (in der Hoffnung, dass der Azubi nicht nur dienstbeflissen und höflich, sondern auch kompetent war) und setzte mich in die kleine Warteecke neben der Tür mit der Aufschrift Sehtest, da ich noch einen Sehtest zu absolvieren hatte. Und wartete. Und wartete. Und dachte immer still bei mir: ‚Warum setzen die mich hierher zu den anderen Leuten, die einen Sehtest machen lassen wollen? Was habe ich hier inmitten des unangemeldeten Spontanaugenuntersuchungsplebs verloren? Ich habe einen TERMIN! Hallo? Bedienung?!’

Nach etwa 20 Minuten erbosten Schmollens stand ich auf, schlenderte etwas herum und entdeckte auf der etwa drei Meter entfernten zweiten Tür die Aufschrift ‚Sehtest Contactlinsen’.

Ja, ich brauche eine neue Sehhilfe. Ehrlich gesagt brauche ich auch eine DENKhilfe. Könnte bitte mal jemand Linsen für den Kopf erfinden? Er darf sie dann auch Copflinsen nennen.

Zu meinem grossen Glück – ich hatte mir schon alle möglichen Ausreden von ‚Da war ein Autounfall vor dem Geschäft, äh ja, in der Fussgängerzone, genau’ bis zu ‚Der Hund hat mein Terminkärtchen gefressen’ überlegt – war die Optikerin (Opticerin? Verwirrende Sache) sowieso im Verzug und bat mich erst nach weiteren fünf Minuten Warten zum Sehtest für meine K… Contactlinsen.. Und damit ging’s vom Regen in die Traufe.

Ich habe nämlich zwei gröbere Probleme, wenn es um Sehtests geht. Das erste Hindernis ist, dass bei mir der Ehrgeiz einkickt, sobald ich mich in den Untersuchungsstuhl setze. Da fühle ich mich dann wie im Kandidatensessel bei Wer Wird Millionär, die Optikerin sah Günther Jauch plötzlich verdammt ähnlich, und bei jedem Buchstaben, der etwas verschwommen aussah auf dem Testbild, verspürte ich den inneren Drang, meinen Telefonjoker zu verlangen oder die Leute draussen in der Warteecke nach ihrer Meinung zu befragen. „Frau Optikerin, können Sie bitte zwei der vier Buchstaben streichen?“

Das zweite Problem gestaltet sich folgendermassen: Mein Hirn mag zwar wie oben erläutert nicht immer hundertprozentig funktionstüchtig sein, dafür ist mein Gedächtnis umso besser. Was dann dazu führte, dass ich nach dem dritten Mal, wo ich durch das Viele-Augenglasstärken-enthaltende-vor-das-Gesicht-geschobene-Kinn-und-Stirn-stützende-Gerät (für den korrekten Fachbegriff fragen Sie Ihren Augenarzt oder Optitheker, ich meine Optiker) die gleiche Zeile lesen sollte, verzweifelt aufschrie: „Warum soll ich das vorlesen? Ich kann die Zeile doch seit dem zweiten Mal auswendig! N… O… A… R… Z steht da! Ich weiss doch nicht, ob ich die Buchstaben erkenne, weil sie scharf sind, oder ob ich sie erkenne, weil ich schon weiss was da steht! Was hat das denn für einen Sinn? Hilfe!“

Ich gehe davon aus, dass mich beim Contactlinsen-Anprobetermin nächsten Montag eine andere Optikerin bedient.

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