Barrage-Rage

Also erstmal: Tief durchatmen. Es ist nur ein Spiel. Es ist die schönste Nebensache der Welt, klar. Aber Nebensache fängt eben mit ‚Neben‘ an, und das illustriert doch relativ klar, dass es sich nicht um eine Hauptsache handelt. Sprich: Eigentlich lohnt es sich nicht, deswegen so einen Aufstand zu machen. Weder für uns Schweizer noch für die Türken.

Dass wir (und sie) uns trotzdem dermassen wegen dem heutigen entscheidenden Barrage-Spiel der Türkei gegen die Schweiz echauffieren, deutet ja vor allem auf etwas durchaus Positives hin: Wir (und sie) haben offenbar keine anderen Probleme. Zumindest nicht, bis das Spiel abgepfiffen ist. Dann können wir uns wieder dem Alltag zuwenden, der ja doch hüben und drüben des Bosporus zugegebenermassen trist ist. Aber jetzt, hier, heute ist dieses Fussballspiel eben weit mehr als die schönste Nebensache der Welt: Dem kleinen Rassisten in uns (und ihnen) gibt es die Chance, unter dem Mäntelchen des rechtschaffenen Fussballpatriotismus endlich mal ordentlich zu stänkern. Dem kleinen Kind in uns (und ihnen) erlaubt es, nach dem Motto ‚Die haben aber angefangen‘ zu agieren und reagieren und jegliche Schuld von sich zu weisen. Und der kleine Träumer in uns stellt sich schon vor, wie es dann nächstes Jahr wird, wenn wir ‚dabei‘ sind. Dasselbe stellt sich der kleine Träumer in ihnen vor, nur sind dann eben sie ‚dabei‘. Leider gibt es beim Dabeisein kein Und, nur ein Oder. Sprich, entweder sind wir nicht dabei oder sie. Und darin liegt ja gerade der strittige Punkt, nicht wahr?

Irgendwie ist es ja schon komisch, dass Sport, der doch eigentlich nach dem Motto Höher, Schneller, Besser funktionieren sollte, immer wieder an das Niedrigste und Schlimmste in den Menschen appelliert. König Fussball ist eben ein Despot, der seine Armeen hinter sich weiss, egal was passiert. Wir sehen uns im Röstigraben an der Kebapfront wieder.

Und ich freue mich trotzdem darauf, heute Abend die Übertragung zu verfolgen, in irgendeinem Basler Restaurant, wo das Spiel gezeigt wird. Okay, eine kulinarische Abteilung schliesse ich dabei vielleicht doch aus: An einer Dönerbude gucke ich dann wohl lieber nicht mit. Aus Rücksicht auf die patriotischen Gefühle der Besitzer und weil ich bei einem allfälligen Torjubel meinerseits meinen Döner dann eventuell entgegen meinem Wunsch doch ‚mit scharf‘ kriegen würde.

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.