Das Amt schimmelt

Ich bin ja der Typ Mensch, der sich nach Möglichkeit genau an die Regeln hält und trotzdem panische Angst davor hat, etwas falsch zu machen. Deswegen denke ich immer, wenn ich irgendwelche amtliche Post kriege, sofort das Schlimmste. Heute brachte mir mein angebeteter Angetrauter einen Brief vom Schweizerischen Generalkonsulat in Stuttgart. Meine ersten Gedanken: „Oh Gott, was habe ich falsch gemacht?“ gefolgt von „Hoffentlich kostet was auch immer ich getan habe nicht zu viel Strafe“ und schon waren wir mitten in „Nein bitte, nicht zurück in die Schweiz abgeschoben werden“ und „Waaah, ich will nicht ins Gefängnis“.

Wohlgemerkt, ich hatte den Brief noch nicht geöffnet.

So, und nun begeben wir uns auf eine kleine Reise in die nicht allzu ferne Vergangenheit.

Ich hab ja geheiratet. Und das bringt so einiges an Amtsschimmelwiehern mit sich, vor allem wenn man als Schweizerin einen Deutschen in Deutschland heiraten will. Unter anderem führte die bevorstehende Trauung zu einigem Hin und Her, was meinen Geburtsschein anging, und als ich den Wisch endlich in meinen Händen hielt, musste ich feststellen, dass ich statt um 08:20 (wie man mir bisher immer erzählt hatte) bereits um 07:50 geboren worden war! Ich bin also eine halbe Stunde älter, als ich 33 Jahre lang gedacht hatte – ich denke, dass man mir deswegen meine chronische Unzurechnungsfähigkeit etwas leichter nachsehen kann. Genauso wie meine ständige Unpünktlichkeit. Aber ich schweife ab.

Ich bin also nun eine rechtmässig standesamtlich und kirchlich getraute Frau und hatte mich entschlossen, den Namen meines Göttergattens anzunehmen. Erstens weil ich es schöner finde, wenn ein Ehepaar den gleichen Namen trägt und zweitens weil mir sein Nachname besser gefällt als meiner. Diese Namensänderung führt allerdings zu weiteren amtlichen Handlungen, da ja alles neu beantragt werden muss. Das resultierte dann in verwirrenden Gesprächen mit meiner Bank, bei denen ich vor lauter Unterlagen und Unterschriften schon fast danach gefragt hätte, wo und wann ich denn bitte schön zur Blut- und Urinprobe antreten muss, in sinnlosen Briefen an meine andere Bank (die schicken mir nämlich immer noch alles mit meinem alten Namen adressiert) und in einem gemütlichen Morgen in den heiligen Hallen der Ausländerbehörde Freiburg. Okay, ‚heilige Hallen‘ ist vielleicht etwas übertrieben, es handelt sich dabei um einen Korridor mit Holzbänken und Wänden im trostlosen 70er-Jahre-Beige. Aber hey, ich hab auch schon an hässlicheren Orten zwei Stunden gewartet. Denke ich. Bestimmt. Naja, ich hätte mich auch vorher informieren können, dann wäre ich nicht nach zwei Stunden Warten und 30 Sekunden im Büro mit dem Bescheid nachhause gezuckelt, dass ich die neue Aufenthaltserlaubnis nur mit einem neuen Pass erhalte.

Gesagt, getan, wir fordern uns also einen neuen Pass an. Erste Panik: Waaah, ich will aber nicht nach Stuttgart fahren deswegen! Erste Beruhigung: Muss ich auch nicht, da wir genau 201,43 Kilometer von Stuttgart entfernt wohnen und man ab 200 Kilometern Distanz sich den Pass auch zuschicken lassen kann. Nächste Panik: Bitte WIE müssen die neuen Passfotos aussehen?

Heutzutage muss so ein Pass ja viel mehr können als früher (früher = vor dem 11. September 2001). Und dementsprechend sind auch die Anforderungen an Passfotos gestiegen. Hier kann man zur allgemeinen Belustigung und Verwunderung nachlesen, wie die neuen Schweizer Passfotos auszusehen haben. Pikantes Detail: Die Schweizer Passfotos unterscheiden sich von den deutschen erlaubten Passfotos offenbar dahingehend, dass man bei den Schweizern noch lächeln darf und bei den Deutschen nicht. Inwiefern dies etwas mit der Wirtschaftslage der beiden Nationen zusammenhängt, sei dahingestellt.

Allerdings gibt es noch einen zweiten Unterschied zwischen dem neuen Schweizer Passfoto und dem neuen deutschen Passfoto, den mir allerdings keiner der beiden deutschen Fotografen glauben mochte, die ich konsultierte. Okay, beim ersten Mal war das noch verständlich, da die Dame hinter der Kamera sicher über 80 war und ich den Wisch mit den Schweizer Passfotoregeln nicht dabei hatte. Unsere Kommunikationssschwierigkeiten waren also verständlich. Beim zweiten Mal war der Herr aber ca. 2 Jahre jünger als die Dame und ich hatte den Wisch dabei. Er wollte ihn aber gar nicht sehen und beteuerte mir, dass er für Passfotos nur das strukturierte Papier habe und dass dies das einzig erlaubte Papier sei. Für deutsche Passfotos schon, mein Herr. Aber für Schweizer Bildchen eben nicht. Ich kam an jenem Tage zum Schluss, dass sich Fotografen noch weniger in ihre Arbeit reinreden lassen als Ärzte. Und das will was heissen. Nun denn, nachdem ich beim Bahnhof noch die Variante Farbig-Überbelichtet und Schwarzweiss-Überbelichtet im Automaten erstanden hatte, klappte es beim Passfotoautomaten im Bürgeramt schliesslich ganz hervorragend, und ich konnte endlich meinen Pass, die Passfotos und den Antrag für den neuen Pass abschicken.

Es folgten drei Wochen Warten und einiges an Panik beim Gedanken an bevorstehende Schweizbesuche ohne gültigen Reiseausweis. Unnötige Panik natürlich, denn am Morgen des ersten solchen Schweizbesuches erhielt ich die neue Identitätskarte und einige Tage später den neuen Pass. Hat also alles wunderbar geklappt und mich auch fast keine Nerven gekostet. (An diejenigen Leser, die sich jetzt denken, dass ich ja wohl total selber schuld bin, wenn ich mir solche Hektik und Panik wegen sowas mache: Hallo?!? Schon mal einen meiner vorherigen Blogeinträge gelesen? Panik ist mein zweiter Vorname, Hektik mein dritter, und grundsätzlich sollte ich mich in Sinnlos Genervt umtaufen lassen)

Aber zurück zum Anfang. Heute also dieser Brief vom Amt. Ich also panisch. Und wenn ich verrate, was drin stand, darf sich der geneigte Leser sich sein Teil über die konsulatsinterne Kommunikation sowie die Schnelligkeit des Amtsschimmels denken.

„Sehr geehrte Frau XXX

Die vor Ihrer Heirat ausgestellten Reiseausweise sind durch die Namensänderung nicht mehr gültig und müssen ersetzt werden.

Sie erhalten anbei das Formular zur Beantragung des neuen Reiseausweises, eine Anleitung dazu sowie einen Auszug aus dem Bundesgesetz über die Ausweise für Schweizer Staatsangehörige…“

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