Sissifiziert

„Was für eine Frau hat der Himmel mir geschenkt!“ sagt der Kaiser von Österreich kurz vor dem Ende des dritten Sissi-Films. Ha, und was für einen Mann hat der Himmel dann erst MIR geschenkt. Der Mann verschenkt nämlich auch Sachen, nicht nur der Himmel, und ebendrum bin ich seit Weihnachten stolze Besitzerin der Sissi DVD-Box Royal Edition in rot und Pseudosamt und total schick.

In der Altjahreswoche konnte mein Mann folglich ziemlich ungestört sein Strategie-PC-Spiel zocken, da ich vorm Fernseher klebte.

Ich muss zugeben, liebe Herren der Schöpfung: Ich weiss auch nicht genau, was die Faszination der Sissi-Filme ist und warum wir Frauen diese Werke so innig lieben. Wir wissen ja auch, dass es sich dabei historisch gesehen um Kaiserschmarrn handelt und ästethisch gesehen um Kitsch. Aber ich habe da eine Theorie, warum zumindest ICH diese Geschichte so wahnsinnig toll finde.

Ich steh auf Aschenputtelstories und ich steh auf Frauen, die sich ihren Platz in der Welt erobern. Und für mich zeichnen die Sissi-Filme eben gerade die Geschichte eines jungen Mädchens, das zur starken Frau wird und sich dabei von niemandem verbiegen lässt. Aschenputtel hört damit auf, dass das arme Mädchen den tollen Prinzen heiratet. Sissi auch – aber nur der erste Teil. Im zweiten und dritten Teil sehen wir, dass eben auch bei Familie Kaiser das Ehe- und Familienleben nicht immer perfekt läuft, dass man in einer Beziehung oftmals den gleichen Problemen wiederholt begegnet und dass man an diesen Problemen arbeiten und einander entgegenkommen muss. Damit meine ich jetzt nicht das bildliche Entgegenkommen, wie es in den Filmen mehrfach dargestellt wird und bei dem die Entzweiung mit einem erlösenden ‚Sissi!‘ – ‚Franzl!‘ endet. Das Ehepaar hat seine Hochs und Tiefs und oftmals kommt der Alltag oder die Familie in die Quere, das kann ich absolut nachvollziehen, auch wenn bei uns jeweils nicht gerade ein Krieg mit Russland droht und meine Schwiegermutter im Gegensatz zu Sophie (uaaah, bitte wie gruselig ist die!) die tollste Schwiegermutter der Welt ist (mein Schwiegervater zeigt ab und zu ganz leichte Ansätze von Ähnlichkeit mit dem Kaiservater, aber das ist auch nur auf das selektive Gehör bezogen). Ich mag das Kaiserpaar, weil sie so menschlich sind und weil sie trotz allem wissen, dass sie alles zusammen durchstehen können, wenn sie nur zueinander halten. Da können Nene und Graf Andrassy lange verliebt gucken, die Sissi und der Franzl bleiben zamm‘! Hach ja.

Apropos hach ja: Die Filme bieten ja so viele unvergessliche Momente und Zitate. Von „Na bravo!“ über „Evviva la mamma!“ bis hin zu „Wenn du einmal im Leben Kummer und Sorgen hast, dann geh‘ mit offenen Augen durch den Wald. In jedem Baum, jedem Strauch, jeder Blume und jedem Tier wird dir die Allmacht Gottes zu Bewußtsein kommen und Trost und Kraft geben.“ Die geneigte Leserschaft darf jetzt ruhig zugeben, dass beim Lesen dieser Worte die dazugehörigen Bilder im Kopf entstanden sind. Wir sind doch alle ein bisschen Sissi und Naivität, Kitsch, Idealisierung und Simplifizierung manchmal einfach von einer zwingenden Notwendigkeit. Das Bewusstsein, dass die Realität ganz anders aussah, bleibt ja. Es wird halt nur für die Dauer der Filme in die Abstellkammer des Hinterkopfs geschickt. Ich kann daran nichts Schlimmes finden.

Und irgendwann schaffe ich es auch noch, meine Sissi Tours-Geschäftsidee umzusetzen. Dann reise ich mit einem Bus voller Frauen an die Schauplätze der Filme und wir ergötzen uns an unserer eigenen Bescheuertheit, wenn wir für den Zitherkurs den Bergwald bei Bad Ischl hochkraxeln, uns bei Gödöllö von als Fahrende verkleideten Laiendarstellerinnen mit Wasser beschütten lassen und schliesslich als Krönung des Ganzen in Venedig über den roten Teppich am Markusplatz schreiten. Natürlich in historischen Kostümen. Man wird doch wohl noch träumen dürfen – und gebt es ruhig zu, Mädels, ihr wärt gerne mit von der Partie…

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