Deutschland-ABC

Ich wohne ja seit April 2005 in Deutschland und habe das Land bereits vorher durch ständige Besuche kennengelernt. Dabei sind mir einige Besonderheiten an meiner neuen Heimat aufgefallen, welche ich festhalten wollte. Hier nun meine Beobachtungen in alphabetischer Reihenfolge – Deutschland aus der Sicht einer Schweizerin…

A wie Aldi: Legendärer Billigsupermarkt, es gibt rechtsdrehende und linksdrehende. Der Unterschied ist allerdings bloss, dass man am gleichen Ramsch in entgegengesetzter Richtung vorbeiläuft. Oftmals sind Aldi-Produkte übrigens Markenartikel in billiger Verpackung. Da bei mir aber das Auge nun mal mitkauft, geh ich lieber in Supermärkte, wo die Waren nicht so arrangiert sind, als wären sie mal eben vom Lastwagen gefallen.

B wie Beckenbauer, Franz: Kaiser, der vom deutschen Volk ungefähr so verehrt wird wie Franzl von Sissi. Kann nichts falsch machen. Hat für Deutschland die WM und später die WM nach Deutschland geholt. Könnte den Starnberger See zu Fuss überqueren, wenn er wollte. Ganz bestimmt.

C wie Campino: Frontmann der Toten Hosen, Deutschlands Antwort auf Bono, zumindest was die Medienpräsenz und Diskussionseinmischungsfreudigkeit angeht. Mit dem öffentlichen sozialen Engagement hapert es im internationalen Vergleich noch ein bisschen, die Betroffenheitssongtexte geben aber zu Hoffnung Anlass.

D wie Du bist Deutschland: Kampagne zur Wiederaufwertung des deutschen Selbstbewusstseins. Krankt an drei grundlegenden Problemen: 1. Der Slogan wurde damals auch von den Nazis eingesetzt, 2. Man mag sich nicht zwingend von jemandem, der vermutlich so 82 Millionen HAT sagen lassen, dass man 82 Millionen IST und 3. Die Hintergrundmusik des TV-Spots stammt aus dem Film „Forrest Gump“, und ob der die richtige Identifikationsfigur ist, sei dahingestellt. Lauf, Deutschland, lauf!

E wie Elton: Angeblich lustiger Sidekick von Stefan Raab. Repräsentiert die dunkle Seite des deutschen Humors, welche nach dem Motto „Schadenfreude ist die beste Freude, aber nur wenn nicht ich geschädigt werde“ und der Maxime „Die Gürtellinie befindet sich am grossen Zeh“ agiert.

F wie Fool’s Garden: Ja, die mit dem Song mit dem kaputten Glas und dem Zitronenbaum. Ja, das sind Deutsche. Nein, die hatten sonst keinen anderen Hit. Feiern aber grosse Erfolge im Osten, legendäre Konzerte fanden z.B. in Vilnius, Moskau und Kaliningrad statt. Und übrigens: Bei „Lemon Tree“ machen sie auf der Bühne immer ein Glas kaputt.

G wie Germany Twelve Points: Wird man aus der Schweiz nie nie nie hören. Tut uns leid, da sind wir so. Und so lange Deutschland Acts wie Corinna May, Stefan Raab oder Gracia ins Eurovisions-Rennen schickt, wird das auch so bleiben. (Okay, die Schweizer Acts waren zugegebenermassen auch nicht besser. Aber im binationalen „Komische Frauen singen von David Brandes produzierte Lieder“-Wettstreit hatte die Schweiz eindeutig die Nase vorn. Nänänä.)

H wie Heidi Klum: Deutscher Exportschlager Nummer Eins im Gutaussehende-Frauen-Bereich. Immer fröhlich, immer lächelnd, immer irgendwie ihrem Namen Heidi entsprechend. Inspiriert die Bild-Zeitung zu Kosenamen wie „Klum-Kugel“ für den Heidibabybauch und „Klümchen“ für das Heidibaby. Kurz: Immer das Vorzeigefräuleinwunder und demzufolge immer auch leicht brechreizerzeugend. Da hat ja Claudia Schiffer mehr Persönlichkeit.

I wie ICE: Schneller deutscher Zug. Leider auch oft unpünktlicher Zug, weswegen man bei Bahnreisen durch Deutschland immer mindestens 20 Minuten zum Umsteigen einplanen sollte. Grundsätzlich gilt: Wenn man Geld für eine Platzreservierung im ICE ausgegeben hat, ist der Zug leer, wenn man riskiert, keinen fixen Sitzplatz zu haben, ist der Zug überfüllt. Es existieren übrigens Gerüchte, dass es demnächst einen eigenen Studiengang zum Verstehen des deutschen Bahnticketsystems geben soll.

J wie Jürgens, Udo: Der ist in Wirklichkeit Österreicher und lebt in der Schweiz, also denkbar ungeeignet für dieses ABC. Nehmen wir also lieber Jürgen Klinsmann. Der ist derzeit laut dem Bahn-Magazin „mobil“ noch Mann des Jahres. Das kann sich aber schon in ein paar Monaten rapide ändern, und dann sind alle froh, wenn er statt brav hierzubleiben, wie es sich für den Coach der deutschen Nationalelf gehört, wieder in die USA zurückfliegt. Siehe auch N wie Nationalmannschaft.

K wie Kanzlerin. In der Version „Bundeskanzlerin“ Wort des Jahres 2005. Gleich vor „Wir sind Papst“, was ja eigentlich kein Wort ist. Auch in der Liste zu finden: Gammelfleisch. Nein, bei dem Wort geht es weder um den Papst noch um die Kanzlerin, auch wenn böse Zungen da vielleicht gleich bildliche Assoziationen haben. Mit Gammelfleisch sind Schlachtprodukte gemeint, die noch in der Zeit vor der Euroeinführung ihr Leben lassen und seitdem in Kühlhäusern auf ihre Weiterverarbeitung warten mussten. Igitt bäh halt. Und nein, auch die letzte Phrase bezieht sich weder auf Frau Merkel noch auf Benedikt XVI. Okay, vielleicht ein bisschen…

L wie Lautstärke: In Deutschland gibt es keine Lautstärkenbegrenzung an Konzerten. Es werden auch nicht wie in der Schweiz Ohrstöpsel kostenlos ausgehändigt oder Flyer mit dem Slogan „Tinnitus on Tour“ verteilt. Da setzt man hierzulande auf Eigenverantwortung. Was für mich zur Folge hat, dass ich gerne weit hinten stehe, wenn ich mir mal eine musikalische Livedarbietung zu Gemüte führe. Die Akkustik ist ja eh oft auf dem Klo am besten.

M wie Merkel: Siehe auch: K wie Kanzlerin. Erste Frau in diesem Amt. Manche finden sie deswegen toll, andere sind der Meinung, dass eigentlich nicht nach Geschlecht, sondern nach Kompetenz gewählt werden sollte. Hat im Laufe ihrer Karriere eine erstaunliche optische Wandlung durchgemacht und jetzt haben sie fast alle lieb. Was auch einiges über das Politikverständnis der Deutschen aussagt.

N wie Nationalmannschaft: Im Fussball-WM-Jahr 2006 natürlich DAS Thema. Wer steht im Tor, im Tor, im Tor, und wer dahinter? Ist Kahn der Titan oder wird Lehmann zum Buhmann? Ist Ballack auf Zack, müssen wir vor Huth auf der Hut sein, oder wird der gar nicht mitgenommen? Eines ist auf jeden Fall klar: Falls die Deutschen allerdings tatsächlich den Titel holen sollten, sind hier ausnahmslos alle Eingeborenen a) Weltmeister und b) Das Wunder von Berlin.

O wie Otto Rehagel: Der Trainer von dem mittlerweile wieder keiner mehr spricht. Der Mann, der die Griechen zum Fussballeuropameister machte und sie danach direkt ins WM-Aus führte. 2004 war er noch Rehakles und alle hier waren auch ein bisschen Europameister, weil Otto ja ein Deutscher ist. Heute sieht man ihn lieber wieder als „griechischen Nationaltrainer“.

P wie Papst: Sind hier seit April 2005 alle. Dass viele in diesem Papstvolk nicht die Meinung des Papstes in Rom teilen, was die Weltanschauung angeht, tut nichts zur Sache. Hauptsache „wir sind wieder wer“. Und wenn es nur Papst ist. Papa Ratzi sei Dank.

Q wie Quarktorte. Ist in Deutschland Käsekuchen. Quark ohne Torte heisst aber trotzdem Quark, und eine Torte heisst auch Torte. Nein, ich weiss auch nicht warum. Und lasst uns lieber gar nicht über „Schmand“ reden.

R wie Raser: Nicht nur die Lautstärke an Konzerten ist grenzenlos, auch die Geschwindigkeit, mit der man sich auf Autobahnen fortbewegen darf, ist in Deutschland oftmals nicht strikte beschränkt. Eine Tatsache, die von Schweizern gerne ausgenutzt wird, um mal zu testen, was ihr Auto eigentlich kann. Problematisch wird es dann, wenn das Auto bei hoher Geschwindigkeit mehr kann als der Fahrer. (Die Deutschen rasen übrigens nur, wenn ihre Mütter berufstätig waren, sagen meine Schwiegergrosseltern, und die müssen es ja wissen)

S wie SB. Es gibt sehr viele SB-Dinge in Deutschland. SB-Tankstellen, SB-Banken, SB-Solarien und so weiter. Nein, SB ist kein multinationaler Grosskonzern, der in vielen Branchen tätig ist. SB heisst Selbstbedienung. Und ich gebe zu, bei mir fiel der Groschen, bzw. der Cent erst nach einigen Wochen.

T wie Tanken: Machen Deutsche gerne im Ausland, weil die Benzinpreise im Inland so hoch sind. Ich hege immer noch die leise Hoffnung, dass mich mein Mann nicht nur geheiratet hat, damit er bei Verwandtenbesuchen in der Schweiz regelmässig zu billigem Treibstoff kommt.

U wie Urlaub, Farin: Wenn wir schon Campino erwähnen, darf der Mann mit den 52 Zähnen nicht fehlen. Sänger und Teilzeitfrontmann der Die Ärzte, Teilzeit deswegen, weil die Band ja sooo demokratisch ist und der Drummer Bela B auch oft und der Bassist Rod ab und zu was sagen bzw. singen dürfen. Farin Urlaub ist weniger medienfreundlich gesinnt als sein Gegenstück Campino, was daran liegen dürfte, dass er keinen Fernseher besitzt und die Bravo mal behauptet hat, dass er Fans verprügelt. Heisst eigentlich anders, reist aber gerne, deswegen heisst er so. Leidende Eltern, deren Kindern wegen Herrn Urlaub plötzlich total punkig geworden sind, seien damit getröstet, dass die Blagen dann wenigstens getreu ihrem Vorbild weder trinken noch rauchen werden.

V wie Verkehrsteilnehmer: Wer auf dem Drahtesel sitzt, hat immer Recht. Wer sich dieses Gesetz verinnerlicht, kommt als Fussgänger einigermassen unbeschadet durchs Leben. Ansonsten sei auf die ersten Zeilen des Tocotronic-Liedes „Freiburg“ verwiesen, welches die hiesige Verkehrs- und meine Gemütslage bezüglich dieses Themas sehr gut illustriert.

W wie Wurst: Des Deutschen liebste Fleischform neben dem Schnitzel, welches übrigens hierzulande mindestens den Durchmesser eines Fussballs haben muss, um als echtes Schnitzel zu gelten. Würste gibt es in tausenden von Variationen, von der Curry- bis zur Weisswurst. Letztere kann ich nicht beurteilen, erstere ist lecker, man sollte sich allerdings vom Begriff „Curry“ nicht irreführen lassen: Es handelt sich eigentlich bei einer Currywurst um ein in Rädchen geschnippeltes Wienerähnliches Wursterzeugnis, das in einer scharfen Ketchupsauce mit etwas Billigcurrygemisch schwimmt. Fast Food ist eben international zwar schmackhaft, aber doch irgendwie eklig.

X wie Xtina Aguilera, XBox, Xylophon u.ä.: Kennt man hier auch. SO unterschiedlich sind die Schweiz und Deutschland dann doch nicht. Der Teufel steckt wie so oft auch hier im Detail. Ein Beispiel gefällig? In Deutschland wird „Serie“ so ausgesprochen: SErié. In der Schweiz sagt man Seriii mit Betonung auf dem iii. Ich bin mittlerweile soweit assimiliert, dass ich die deutsche Aussprache sogar im Schweizerdeutschen benutze. Achja, und Peperoni heissen nun mal Peperoni und nicht Paprika, liebe deutsche Mitbürger. Grrr.

Y wie YPS: Deutsche Kult-Kinderzeitschrift. Die mit dem karierten Känguruhtier, Ossi und Wessi, äh sorry Yinni und Yan und natürlich dem Gimmick, das theoretisch ganz toll war und praktisch selten funktionierte. Legendär war der Eier-Baum. Yps erschien ab letztem August wieder, es entzieht sich aber meiner Kenntnis, ob der Relaunch erfolgreich war. Immerhin kann man die Urzeitkrebse mittlerweile auch bei coolen Internet-Händlern bestellen, und dort heissen sie erst noch Triops.

Z wie Zone: Alter Begriff für den östlichen Teil Deutschlands, das Gebiet das früher einen anderen Namen trug und ein anderer Staat war. Mittlerweile haben sich offiziell alle Deutschen lieb, und man sagt nicht mehr Ossis, sondern Leute aus den neuen Bundesländern. Das Ganze funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie der Röstigraben: Eigentlich wird mit Vergnügen gestänkert und gejammert, aber wehe ein Aussenstehender äussert sich dementsprechend. Der ist schliesslich nicht Deutschland, Papst, Kanzlerin, Weltmeister…

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.