Oh Happy Day

Rückblende: Februar 1997. Sestriere. Meine beste Freundin und ich sitzen gebannt vor dem Bildschirm und beschäftigen uns abwechselnd mit ‚Oh Happy Day‘-Singen und ‚Du bist laaaangsaaam‘-Brüllen.

Der Grund: Ski-WM, Abfahrt der Männer.

Der etwas spezifischere Grund: Bruno Kernen. Der 25-jährige Berner Oberländer ist schnell. Sehr schnell. Was uns natürlich freut – und was er sicherlich nur unserem ‚Oh Happy Day‘-Gesinge zu verdanken hat. Und irgendwann ist klar, dass heute keiner mehr schneller sein wird als er. Oh Happy Day indeed.

Des Schweizers Verhältnis zu ’seinen‘ Ski-Athleten ist ein gespanntes. Natürlich weiss man, was realistisch möglich ist. Das hält einen aber nicht davon ab, regelmässig auf das Unmögliche zu hoffen. Bruno Kernen hat damals eben dieses Unmögliche geschafft und den WM-Titel geholt. So etwas verpflichtet natürlich für die Zukunft. Auch uns Fans. Deswegen haben meine beste Freundin und ich in den letzten neun Jahren auch immer wieder brav ‚Oh Happy Day‘ gesungen, manchmal mit gutem Erfolg, öfter mit wenig Konsequenzen.

Heute war es dann wieder so weit. 2006. Sestriere.

Der Grund: Olympische Spiele, Abfahrt der Männer.

Der etwas spezifischere Grund: Bruno Kernen. Der mittlerweile 33-jährige Berner Oberländer ist schnell. Sehr schnell. Aber diesmal nicht schnell genug. Er landet hinter dem Österreicher Michael Walchhofer auf Rang 2. Dennoch: Oh Happy Day. Denn für die arg gebeutelten Schweizer Skihelden ist eine Medaille schon fast ein Sieg, und gerade Bruno würde man es so gönnen, denn er ist irgendwie einfach sympathisch, auf eine Art, wie es nur ein Schweizer Skirennfahrer sein kann.

Dann beginnt, wie schon 1997, das Warten.

Bode Miller, du bist laaangsaaam. Hermann Maier, du bist laaangsaaam. So weit, so gut. Die Beschwörungen vor dem Fernseher zeigen Wirkung. Marco Büchel, du bist auch laaangsaaam. Nicht böse gemeint, eigentlich finden wir die Liechtensteiner ganz toll, aber wenn ein ‚richtiger‘ Schweizer vorne ist, brauchen wir dich nicht.

Antoine Dénèriaz, du bist laaaa… Oh. Okay, du bist schnell. Schneller als alle anderen. Na gut. Immerhin hat Bruno Bronze. Und das zweite wichtige Detail für einen fast perfekten Schweizer Skitag ist auch erfüllt, wie meine beste Freundin es so treffend zusammenfasst: „Wenigstens hat kein Österreicher gewonnen.“

Achja, falls die ‚Oh Happy Day‘-Sache den Leser verwirrt: Die Ski-WM wurde 1997 vom Saft-Hersteller Rauch gesponsort. An der Piste stand deswegen ein riesiger Tetra-Pak Happy Day-Orangensaft. Ja, wir lassen uns gerne von Kleinigkeiten inspirieren…

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