Nobody puts Baby in a corner!

Es gibt Sätze, die kann man einfach nicht auf Deutsch übersetzen. Man sollte es nicht mal versuchen. Denn „Mein Baby gehört zu mir, ist das klar?“ – das klingt einfach tausendmal schlechter als „Nobody puts Baby in a corner!“ Keiner steckt diese junge Frau einfach in die Ecke. Das hat sie nicht verdient. Das ist doch eine viel schönere Aussage als „Reich mir mal meine Ische rüber!“ Okay, vielleicht habe ich das jetzt gerade etwas frei interpretiert, aber ich bin eben wirklich der Meinung, dass Johnnys Satz im englischen Original sehr viel romantischer ist als die Variante in der deutschen Synchronfassung.

Wer sich jetzt fragt, wer Johnny ist und was es mit diesen Sätzen auf sich hat, muss nicht weiterlesen. Er (mal ehrlich, in 99% der Fälle wird es sich um einen Mann handeln) wird das, was folgt, eh nicht verstehen. Er kann gerne woanders hinsurfen oder irgendetwas Männliches tun. Hirsche jagen oder Motoren reparieren oder was Männer halt so tun.

Wir anderen lehnen uns jetzt zurück, seufzen hingerissen und stellen uns folgende Szene im Kopf vor:

Das Schlagzeug setzt ein. Körnige Schwarzweissbilder von tanzenden Paaren. Die typische 60er-Orchestrierung. Dann beginnt die Stimme: „The night we met I knew I needed you so…“

Jaaa, nicht wahr? Kennen wir alle. Lieben wir alle. Dirty Dancing. Die Abenteuer von Frances „Baby“ Houseman im Sommerurlaub mit ihrer Familie.

„That was the summer of 1963 – when everybody called me Baby, and it didn’t occur to me to mind. That was before President Kennedy was shot, before the Beatles came, when I couldn’t wait to join the Peace Corps, and I thought I’d never find a guy as great as my dad. That was the summer we went to Kellerman’s.“

Und wir wissen alle, was dann passiert. Sie trägt eine Wassermelone und landet dort, wo nicht so getanzt wird, wie man normalerweise tanzt. Dort, wo Johnny so tanzt, wie er tanzen möchte, nicht wie er in seinen Tanzkursen tanzen muss.

Baby, die vermutlich spätestens im Sommer danach lieber Frances genannt wird, lernt eben doch einen Typen kennen, der genau so toll ist wie ihr Vater. Wenn nicht toller.

Und wir sitzen da und schmachten und denken „Ich will auch!“ Wir wollen auch einen harten Kerl mit weichem Herz, einen Mann mit Vergangenheit, dem wir eine rosige Zukunft zeigen können, einen Mann, mit dem wir innerhalb von Tagen zur perfekten Mambotänzerin werden.

(Falls irgendein Mann doch bis hierher gelesen haben sollte: Wir können sehr wohl zwischen Film und Realität unterscheiden, und wir wissen absolut zu schätzen, was wir an euch haben. Im Alltag ist uns nämlich ein Kerl lieber, der unmusikalisch ist und dafür den Müll runterbringt, die kaputte Glühbirne wechselt und für uns Hirsche jagen und Motoren reparieren würde. Aber seht uns unsere Frauenfilme nach, wir tun ja auch so, als ob wir euch glauben würden, dass ihr Tomb Raider wegen der spannenden Geschichte spielt.)

„I carried a watermelon.“ Manchmal beginnen ganz grosse Geschichten eben ganz banal. Und machen wir uns nichts vor, Dirty Dancing ist grosses Kino. Nicht zuletzt, weil die Hauptrollen perfekt besetzt sind. Patrick Swayze ist ja eigentlich nicht wirklich nett anzusehen, aber als Johnny Castle… huah! Und Jennifer Grey ist als Baby Houseman die vermutlich unscheinbarste Frauenfilmheldin aller Zeiten, weswegen wir uns gerade mit ihr so wahnsinnig gut identifizieren können. Sie ist das Mädchen, das ein bisschen schlauer ist als die anderen Mädchen. Das sich nicht gross zurechtmacht, weil sie den Sinn darin nicht sieht. Das die Welt verändern will.

Sie ist das Mädchen, das wir alle manchmal sind. Und deswegen ist es gerade so toll, dass sie den tollen Johnny abkriegt. Und dabei den Respekt ihres Vaters neu gewinnt. Und die Welt verändert, wenn auch nur ein klitzekleines Stückchen davon.

Dirty Dancing war der erste Film, den ich mehrfach im Kino gesehen habe. Damals war das noch total ungewöhnlich, und wir fühlten uns wie kleine Abenteurerinnen, wagemutig und cool. Mittlerweile kann ich den Film ziemlich gut mitsprechen, und den Abschlusssong Max Kellermans kriege ich auch jetz spontan hin: „Join hands and hearts and voices, voices hearts and hands, at Kellerman’s the friendships last long as the mountain stands…“

Und meine Freundschaft mit Dirty Dancing wird wohl auch noch eine Weile dauern. Deswegen hat sich auch einiges an unnützem Wissen zum Thema angesammelt:

Patrick Swayze ist ja mittlerweile mehr so ein Nebenrollenstar, allerdings beileibe kein schlechter. Wer ihn in einer unkonventionellen Rolle sehen will, dem sei „To Wong Foo, Thanks for Everything, Julie Newmar“ empfohlen. Auch in „Donnie Darko“ ist er zu sehen, aktuell auf der Leinwand sieht man ihn in „Keeping Mum“. Aber Vorsicht: Manche Idole der Teeniezeit altern nicht so gut wie andere…

Jerry Orbach ist 2004 verstorben. Ihn kann man immer noch in „Law & Order“ sehen, und auch wenn die Figur des Polizisten Lennie Briscoe vermutlich die Rolle ist, an die sich viele Leute immer erinnern werden – für mich ist und bleibt er Babys Vater. Und ein bisschen auch Lumière, der Kerzenständer aus „Beauty and the Beast“.

Cynthia Rhodes, die Penny aus Dirty Dancing, ist seit 1989 mit dem US-Sänger Richard Marx verheiratet. Nein, den muss keiner kennen. Aber sein Song „Right Here Waiting“ dürfte einigen bekannt sein. Cynthia hat übrigens auch in „Flashdance“ und „Staying Alive“ mitgespielt.

Und was wurde aus Baby? Eine Frances, welche die Welt verändert hat? Leider nein. Aus Jennifer Grey wurde eine Schauspielerin, die ihre Nase verändert hat (angeblich gleich mit zwei Operationen), daraufhin jede Erkennbarkeit verlor und folglich vorwiegend im Bereich der „Made for TV Movies“ herumdümpelt.

Was lernen wir daraus? Manchmal ist es besser, man selbst zu bleiben, auch wenn das bedeutet, dass man nicht immer den tollen Johnny abkriegt. Aber man braucht auch nicht immer einen Johnny, um aus seiner Ecke rauszukommen.

„Nobody puts Baby in a corner!“ gegen „Mein Baby gehört zu mir, ist das klar!“? Also bitte – das ist doch kein Vergleich.

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Ein Gedanke zu “Nobody puts Baby in a corner!

  1. Mein Freund und große Liebe (Kanadier), hat vor ein paar Tagen zum ersten Mal den Film Dirty dancing gesehen…. Nun er ist nicht sonderlich begeister und glaubt nicht das es ein Meisterwerk der cinematographie ist, aber….. jetzt sagt er bei jedem passenden Anlass zu mir : Nobody puts Baby in a corner……Wenn das nicht romantisch ist…weiss ich nicht was romantisch ist…..

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