Olli kahn Grösse zeigen oder auch You Will Be Assimilated

Mein Mann ist Bayern München-Fan. Latent. Er selbst sieht das natürlich nicht so, ich hingegen schon. Seiner Meinung nach hegt er vermutlich allerhöchstens leichte Sympathien für den Klub. Geringfügig.

Ich meinerseits kann Bayern ja nicht leiden. Also, den Fussballklub jetzt. Gegen den Freistaat per se sag ich ja nix, schliesslich entstammt Tobias Regner dem Bayernland. Aber Bayern München hat für mich halt den Status „Viel Geld, Grosse Klappe“. Quasi der Tom Cruise unter den deutschen Sportvereinen, mit weniger dubiosen religiösen Ansichten und geringerer Neigung zum Sofahüpfen in Talkshows. Ich mag die einfach nicht. Zumindest den Vorstand. Für mich ist es einfach unschicklich, wenn jemand dauernd und überall raushängen lässt, dass man in seinem Ressort die wichtigste Rolle spielt und deswegen gefälligst auch mehr zu sagen haben soll als die anderen. Sowas stinkt mir. Ich steh nicht auf Platzhirsche, egal ob sie sich ihr gewaltiges Geweih rechtmässig erkämpft oder im Jagdsouvenirladen für teures Geld erstanden haben (und für Bayern München gilt ja irgendwie beides).

Nee, der Bayern München-Vorstand kann mir gestohlen bleiben. Die Spieler sind mir egal, irgendwie. Na ja, Deisler muss man ja irgendwie mögen, die arme Sau. Mehmet Scholl hat einen guten Musikgeschmack. Gegen Bixente Lizarazu darf ich aus Gründen der hier nicht weiter zu erörternden Frauensolidarität nix sagen (ich wüsste auch nicht, was ich gegen ihn sagen sollte, ausser dass sein Name mich beim Tippen mehr anstrengt als der seines Teamkollegen Lucio). Bastian Schweinsteiger macht Werbung für BiFi, auch in Zeiten der Vogelgrippe. Das zeugt ja auch von einem gewissen Mut. Ballack ist halt Ballack, um den zu würdigen oder zu hassen, verstehe ich zu wenig von Fussball. Der steht halt auf dem Feld und ist angeblich total gut und massgeblich am Erfolg der Mannschaft beteiligt. Sagen die anderen. Und Roque Santa Cruz? Lecker und mit einer Sportfreunde Stiller-Single gewürdigt. Top also.

Kurz: Ich hab nix gegen die Spieler, ausser dass sie mehr Geld verdienen als ich. Dafür stecken sie auch mehr öffentliche Haue ein als ich. Die Lohndiskrepanz dürfte also bis zu einem gewissen Grad berechtigt sein.

Aber Olli Kahn. Also nee. Nee. Nee. Nee. Geht ja mal gar nicht. Nee. Olli Kahn. Der fleischgewordene Brunftschrei. Das fehlende Glied in der Entwicklung vom Affen zum Menschen. Die Personifizierung des Unsympathischen Deutschen. Nee. Geht gar nicht.

Und trotzdem. Als am Freitag bekanntgegeben wurde, dass Lehmann bei der WM die Nummer Eins im deutschen Tor sein wird, tat Olli Kahn mir leid. Lehmann mag ich nämlich noch weniger. Warum? Ach, ich wollte ich könnte hier eine fachlich beeindruckende Erklärung abgeben. Schlussendlich ist es aber so: Immer, wenn ich in der Presse was von ihm oder über ihn lese, wirkt der wie der Unsympathische Deutsche Version 2.0. Und, vermutlich noch massgeblicher: Mein Mann mag den nicht.
Das scheint irgendwie verdammt gut auf mich abgefärbt zu haben, im Gegensatz zur Bayern-Sympathie.

Olli Kahn tat mir aber auch leid, weil ich bei ihm während der ganzen WM-Vorbereitung immer das Gefühl hatte, dass die WM-Teilnahme wirklich sein grosser Lebenstraum ist, dass er dafür alles geben wird und dass ihm extrem viel daran liegt, bei der WM im eigenen Land im Tor zu stehen. Während ich bei Lehmann immer eher das Gefühl hatte, dass es ihm vor allem um eins geht: Dass er Kahn aussticht.

Hat er ja nun geschafft. Er ist, so möchte man meinen, der Gewinner.

Aber heute hat Olli Kahn das Spiel noch mal gewendet, obwohl es schon abgepfiffen schien. Er fährt nämlich mit an die WM, auch wenn er nur die Nummer 2 ist. „Es ist keine einfache Situation, wenn man zwei Jahre auf das Ziel Weltmeisterschaft hinarbeitet. Aber es geht nicht um persönliche Belange, sondern um das ganz Grosse. Die Mannschaft hat meine volle Unterstützung.“
Ha. Held. Ich hab tatsächlich applaudiert. Vielleicht hat es genau das gebraucht, diese Grösse in der Niederlage, um den Leuten (mich eingeschlossen) zu zeigen, dass sich hinter der Neandertalerfratze halt doch etwas verbirgt, das den Menschen eindeutig näher ist als den Affen. Dass der Olli eben auch ganze Sätze formulieren und nicht nur brüllen kann.

Olli Kahn ist, um es mal extrem abgedroschen zu formulieren, für mich der Gewinner der Herzen. Und jetzt 5 Euro ins Phrasenschwein.

Ach ja: Dass Kahn immerhin die Genugtuung verspüren darf, dass er mit seiner Entscheidung Jürgen Klinsmann vermutlich grauenhaft nervt und dass er vermutlich in der Gewissheit agiert hat, dass Tonya Harding bereits jetzt im Auftrag des FC Bayern München mit einer Eisenstange im Gepäck unterwegs Richtung Arsenal ist… nun ja, auch das ist menschlich, nicht wahr?

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.