What’s so funny about peace, love and understanding?

Ja, mein Gott, es mag ja sein, dass die Worte „für Fans ecken- und kantenloser Ohrwürmer“ sowie „der Frontmann zelebriert mit grossen Gesten den stadion- und openairtauglichen Mainstreamrock“ die Jungs irgendwie passend umschreiben. Mag ja sein, dass einige Leute wirklich nur „auf das eine Lied“ gewartet haben.

Ich nicht. Und ich kann mich immer wieder gottsjämmerlich (um vermutlich mal wieder einen Helvetismus zu benutzen) über Schreiberlinge nerven, die Konzerte von massenkompatiblen Bands besuchen, nur um dann einen arroganten Artikel in diesem „Jaja, für den Pöbel war es sicher spassig“-Stil aufs Papier zu rotzen. Ich kann ja auch nix dafür, dass fast keine meiner Lieblingsgruppen ein ‚The‘ im Namen tragen und folglich nicht trendy, hip und happening sind.

Es mag ja sein, dass sie eine Schwäche für Pathos haben. Und ja, sie sehen halt aus wie Musiker und nicht wie Stars. Natürlich ist ihre Message der Lebensbejahung nicht cool, da nicht zynisch und abgefuckt. Und meine Güte, ihr Sound mag ja nicht innovativ und originell sein.

Scheiss drauf. Ich liebe Reamonn trotzdem. (Womit auch klargestellt wäre, welches das ‚eine‘ Lied ist: Supergirl.)

Denn Pathos, meine liebe Leserschaft, birgt genau wie Kitsch oft eine tiefere Wahrheit in sich als distanzierte Arroganz. Wie ich zu sagen pflege: If it’s corny, it’s probably true. Und wer musikalisch dermassen viel drauf hat wie die Jungs, der braucht halt keine stylischen Outfits, um von mangelndem Können abzulenken. Wenn mir jemand von der Bühne runter ein „Live your dreams!“ runter ruft, dann berührt mich das mehr, als wenn jemand mir über seine Sonnenbrille hinweg einen ‚Fuck you!‘-Blick zuwirft, und wer braucht schon innovativen und originellen Sound, wenn man von einer simplen Ballade zu Tränen gerührt werden kann?

Mich berührt bei Reamonn nicht nur die Musik, sondern auch die Band. Ich hab zugegebenermassen nicht mal eine CD der Jungs in meiner Sammlung, aber wenn ich die Möglichkeit habe, sie live zu sehen, lasse ich mir das nicht entgehen. Einfach weil sie eine ganz besondere Stimmung in mir und im Grossteil des restlichen Publikums auslösen.

Klar, auch bei Reamonn gibt es Konzertbesucher, die ich jetzt nicht zwingend wahnsinnig toll finde (als könnte man von mir etwas anderes erwarten, muah!). Als Beispiel seien der Herr vor mir genannt, der mich verblüfft anblickte, als ich am Ende eines Songs „Woohooo!“ brüllte – nun gut, es ist schön, dass Sie sich auch mal an ein Konzert im Bereich der U-Musik gewagt haben, sehr geehrter Vordermann, aber dann müssen Sie sich auch damit abfinden, dass man um Sie herum nicht nur gepflegt applaudiert -, sowie die beiden jüngeren Damen hinter mir, die sich nicht entblödeten, während ‚Alright‘ lauthals „Reaaaaa, du bisch so geiiiiil!!!!“ zu kreischen. Meine Damen, es gibt einen guten und einen schlechten Zeitpunkt für alles. Unterhalten Sie sich mal mit meinem Vordermann darüber.

Aber im Grossen und Ganzen ist ein Reamonn-Konzert eben schon etwas sehr Besonderes, was die Beziehung zwischen Zuschauern und Band angeht, auch wenn es mit der Kommunikation nicht immer zu 100% klappt (Warum nur fühlte ich mich bei der Szene, wo wir ‚People‘ und ‚Power‘ brüllen sollten und Rea blanke Verwirrung aus dem Saal entgegenschlug, an Monty Python’s ‚Life of Brian‘ erinnert? „Ihr seid alle Individuen!“ – „Ja, wir sind alle Individuen!“).

Reamonn strahlen einfach so etwas Echtes, Wahrhaftiges aus, dass man als Konzertbesucher nicht anders kann, als sich dieser positiven Welle zu ergeben (Also, ausser man ist Journalist bei der Berner Zeitung, siehe oben) und darauf mitzureiten. Wenn Rea da oben sagt „We love you!“, dann glaubt man ihm das. Aber zu hundert Prozent sowas von. Und spätestens wenn bei ‚Alright‘ die Textzeile „You don’t have to cry“ kommt, dann wird bei mir aus Pathos Bathos und ich ertrinke im Tränenbad. Because I do have to cry. Weil es so schön ist. Und gut. Und einfach. Ich schäme mich ja gerne mal wegen allen möglichen Dingen, aber fürs Weinen bei schöner Musik kann ich mich nicht schämen.

Dafür schämte ich mich spätestens dann, als es bei ‚Josephine‘ ans Hüpfen ging. Ich kann echt überhaupt nicht im Takt hüpfen, nicht mal richtig im Takt wippen. Ich steh dann jeweils peinlich berührt in der tobenden Masse und schwanke unbestimmt hoch und runter. Und schäme mich, weil ich der Band nicht das gebe, was sie verdient.

Das ist ja auch so eine meiner blöden Angewohnheiten: Ich will ja immer, dass nicht nur ich ein geiles Konzert erlebe, sondern dass die Jungs da oben auch merken, wie viel Spass wir da unten haben. „Here we are now entertain us“ ist sowas von nicht mein Ding. Also gebe ich mein Bestes, um ein perfekter Publikumsbestandteil zu sein – aber beim Hüpfen versage ich. Na ja, dafür verhalte ich mich nicht wie obengenannte Hinterfrauen und Vordermänner. Immerhin etwas. (Allerdings nerven mich die wiederum auch deswegen, weil sie eben meine Kriterien fürs Bestandteil eines Superpublikums sein nicht erfüllen. Ach Gott, es ist einfach nicht einfach…)

Kurz: Reamonn sind wunderbar. Und wenn es tatsächlich stimmt, dass sie dieses Jahr beim Gurtenfestival dabei sind, liebe ich den 4-Tagespass, der bei mir an der Pinnwand hängt, gleich noch viel doller. Allerdings würde ich die Band wirklich auch gerne mal beim Quasi-Heimspiel in Freiburg erleben, aber 40 Euro sind ein happiger Ticketpreis. Und die mehrfachen „Haaach, ich würde ja soooo gerne ans Konzert in der Rothaus-Arena gehen, aber das ist soooo teuer“-Hinweise in Richtung Ehemann wurden bisher nur mit „Zweimal im Jahr Reamonn muss halt reichen“ und ähnlichem quittiert, da ist also derzeit keine Unterstützung zu erwarten. Na ja. Bis Oktober dauert es ja noch lange, da kann ich noch einige Male vieldeutig seufzen und leise aber penetrant vor mich hinwimmern. Und mir gleichzeitig einreden, dass mir die Rothaus-Arena ja für ein Reamonn-Konzert eh viel zu gross ist und überhaupt.

Aber verdammt. Die Jungs sind live einfach unschlagbar. Da sind nur noch The Ark toller (Oh, eine Lieblingsgruppe mit einem ‚The‘ im Namen. Bin doch nicht uncool!). Aber das ist eine andere (und ebenfalls seeeehr lange) Geschichte und soll ein andermal erzählt werden…

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