Doctor, doctor

Wer jetzt einen Eintrag über die deutsche Band Die Ärzte oder eines ihrer Mitglieder erwartet, den muss ich enttäuschen. Es geht tatsächlich um Weisskittel in Ausübung ihrer Tätigkeit. Na ja, mehr oder weniger.

Ich war gestern im Fernsehen. Nein, Sie haben es vermutlich nicht gesehen. Macht aber auch nichts. Ich sass nur dumm im Publikum. Na ja, eigentlich nicht im Publikum, aber dazu später mehr.

Erst mal muss ich erklären, wie ich zu der Ehre kam: Meine Schwester wurde kurzfristig als Gast zu einer Sendung eingeladen, weil sie unter Eisenmangel litt/leidet. Nennen wir die Sendung, äh… (ich muss mir Pseudonyme überlegen, ich will ja nicht wegen Lästern verklagt werden) „Krankheit-Wartezimmer“. Zu sehen ist sie nicht auf SF1. Meine Schwester durfte zwei Angehörige/Bekannte mitbringen, und ich war die Angehörige, der Freund meiner Schwester war – gilt man als Lebenspartner als Angehöriger? Schon, oder? So modern ist vermutlich sogar das Schweizer Fernsehen. Ich kenn diese Probleme nur aus Krankenhausserien im TV, wo die Leute immer gefragt werden, ob sie ein Angehöriger sind, es dann nie sind, und trotzdem immer irgendwie erfahren, wie es dem Kranken auf der Intensivstation geht.

Aber ich schweife ab. Hier nun meine allgemeinen Erkenntnisse zum Erlebnis Fernsehstudio:

Die Lounge beim SF (Schweizer Fernsehen, dies als Hinweis für die deutsche Leserschaft) ist sehr rot-schwarz eingerichtet und erinnert vom Stil her ein bisschen an das Set Design irgendwelcher futuristischer SciFi-Filme, in denen die Leute alle die gleiche Uniform oder total stilvolles-Understatement-mässige einfarbige Kleidung tragen.

Im Studio selbst hängen ungefähr 32483 Scheinwerfer. Die Kulissen sehen aus der Nähe irgendwie überhaupt nicht so edel aus wie im Fernsehen, und was man später im TV an Kameraausschnitten präsentiert kriegt, zeigt bei weitem nicht alles, was innerhalb des Raums vor sicht geht. Ist übrigens auch besser so.

Bei der Sendung – wie habe ich sie schon wieder genannt? Ach ja, „Krankheit-Wartezimmer“ – geht es um, wer hätte es gedacht, die Gesundheit des Menschen. Thema des gestrigen Abends waren intime Frauenprobleme. Nein, NICHT die Fragen „Was ziehe ich heute an?“, „Woran denkst du?“ oder „Findest du, dass ich zu dick bin?“ wurden analysiert, obwohl es sich dabei um die häufigsten Frauenprobleme überhaupt handelt. Es ging um Dinge, die im Bauch der Frau abgehen, nicht im Kopf. Also z.B. Gebärmuttermyome, Gebärmuttersenkung, Gebärmutterentfernung, Blasenschwäche und eben auch Eisenmangel. Alles wirklich – und das meine ich jetzt ausnahmsweise mal ernst – wichtige Themen. Ich hab da so einiges gelernt. Aber was ich über meine Gesundheit gelernt habe, war nicht halb so amüsant wie die Erkenntnisse zum Thema TV-Produktionen, weswegen ich den eigentlichen Inhalt der Sendung jetzt nicht weiter ausführen werde. Na ja, mit einigen Ausnahmen, damit ich fiese Bemerkungen machen kann.

Die Sendung „Krankheit-Wartezimmer“ ist eine Live-Sendung. Das heisst, man muss die ganze Sache proben, weil Rausschneiden und Wiederholen ist nicht. Und wir Glücklichen durften bei der Generalprobe dabei sein. Die dauerte meiner Einschätzung nach an die zwei Stunden. Die eigentliche Live-Sendung dauert ca. 55 Minuten. Daraus folgern wir, dass in der Probe die Sendung nicht 1:1 durchgespielt wurde. Ging auch nicht, denn es ergaben sich einige Schwierigkeiten:

1. Musste man mal ausarbeiten, wohin das Modell des weiblichen Beckens gestellt werden musste, damit man auch gut zeigen konnte, wo sich was in der Frau befindet

2. Wurden die vorbereiteten medizinischen Bilder für die Hintergrundbildschirme nie in der richtigen Reihenfolge gezeigt, worüber sich der Moderator (zu ihm später mehr – einiges mehr!) wiederholt empören konnte. Die Ausrede der Redaktion war irgendetwas von „Der Grafiker arbeitet auf dem Mac und wir auf dem PC“, was mir nicht einleuchtete, aber ich verstehe davon ja auch nichts.

3. Musste immer auch gleich festgelegt werden, wo der Moderator durchlaufen würde, wann es Applaus geben würde, was in welcher Reihenfolge erzählt würde und was der Moderator wen fragen würde.

4. Suchte man verzweifelt nach einem Tisch, auf dem der Pelvitrainer gut präsentiert werden konnte. Am Schluss fand man dann irgendetwas und legte ein grünes Tuch (das wirkt dann so schön chirurgisch) darüber. Ein Pelvitrainer ist übrigens etwas, das unten wie ein Koffer und oben wie ein Torso aussieht, in dessen Bauchgegend sich schwarzer Gummi befindet, durch den man eine Kamera und einen Greifarm stecken kann und… ach, man muss dabei gewesen sein.

Kurz: Hektik war angesagt. Aber vermutlich muss man beim Bewerbungsgespräch beim Fernsehen immer noch eine Kostprobe zeigen, wie gut man hektisch sein kann. Die konnten das zumindest alle bravourös.

Apropos bravourös: Kommen wir jetzt zum Moderator. Nennen wir ihn, hm… Dr. Simon Stuss. Das passt. Der Herr entspricht dem Typ Moderator, den ich in meiner Radiozeit gelernt habe zu hassen: „Hallo, ich bin’s, das Flaggschiff, ich hab gerade noch keine Ahnung, worum es geht, aber das klären wir dann noch ab, übrigens habt ihr alle noch weniger Ahnung als ich, aber hey, dann wirke ich gleich noch besser, finde ich super. Ach ja, und hier reisst keiner Witze ausser mir, kapiert?“

Am tollsten war der Moment, als er feststellte, dass man zwar für Gebärmutterleiden und Blasenschwäche jeweils einen Experten im Studio hatte, dass aber keiner der anwesenden Ärzte besonders viel Ahnung von Eisenmangel hatte. Kurzerhand beschloss Herr Dr. Stuss, dass halt einer der Ärzte sich noch schnell vor der Sendung weiterzubilden hätte, notfalls anhand des Artikels in der Zeitschrift zur Sendung. Den Einwand meiner Schwester, dass sie mittlerweile durchaus auch etwas fachlich Kompetentes zur der Eisenmangelproblematik sagen könnte, da sie sich intensiv damit befasst hat (siehe hier), ignorierte Herr Dr. Stuss grundsätzlich, denn wenn eine Regel ja wohl immer gilt, dann gefälligst diese: Der Patient hat keine Ahnung. Informieren darf nur der Experte, also der Arzt. Was für die Glaubwürdigkeit der Sendung meinetwegen passend sein mag, aber wenn ich etwas nicht ertrage, dann sind es Ärzte, die Patienten per definitionem entmündigen. Grrr.

Schönstes Zitat der Generalprobe: Man bringt den ungefähr dritten Tisch für den Pelvitrainer, denn es lässt sich irgendwie keine Ablage finden, die passt. Herrn Dr. Stussens Kommentar: „Der ist doch viel zu klein, das fällt ja runter, da kann man ja nicht mal ein Baby darauf wickeln, ich muss das wissen, ich habe sechs Kinder!“

Nun ja.

Nach dem Abendessen haben der Freund meiner Schwester und ich wohl den richtigen Moment verpasst, um ins Studio zu gehen, als wir reinkamen, war auf jeden Fall schon alles voll, und man hat uns hinter das – wie es Herr Dr. Stuss so liebevoll bezeichnete – „Frauenkaffeekränzchen“ der eingeladenen Patientinnen gesetzt. Womit wir uns schon darauf freuen konnten, sicher irgendwann mal im Bilde zu sein. Und ja, natürlich tue ich jetzt so, als ob ich das gar nicht gewollt hätte, obwohl ich es natürlich wollte. So gehört sich das nun mal.

Falls irgendjemand die Sendung geguckt haben sollte: Wir sassen hinter der Blasenschwäche.

Ich muss Herrn Dr. Stuss übrigens für eine Tatsache ein Kränzchen winden (wenn auch ein sehr hässliches Kränzchen, erstens kann ich bekanntlich nur äusserst schlecht basteln und zweitens hat er aufgrund seiner anderen Schwächen kein besseres verdient): In der Live-Sendung wirkte er dann plötzlich total souverän, kompetent und top informiert und vorbereitet. Wobei es mir immer noch grandios auf den Keks ging, dass er die Frauen, die sich ihren gesundheitlichen Problemen gestellt und diese gemeistert hatten, wie arme Opfer behandelte und sich wahnsinnig salbungs- und verständnisvoll gab. Ach ja, und als Experte für Eisenmangel stellte sich dann der Blasenexperte zur Verfügung, der irgendetwas halbwegs Sinniges brabbelte.

Meine Schwester schlug sich selbstverständlich bravourös und wirkte überhaupt nicht nervös oder unsicher, sondern ganz einfach wie der perfekte Gast, der sie war – für den grauenhaften Gastgeber konnte sie ja nix. Sie hätte sich natürlich gar keine Sorgen machen müssen, dass das nicht klappt, aber es liegt in der Natur unserer Familie, sich bereits im vorneherein riesige Sorgen zu machen, dass etwas nicht klappt, und sich dann im Nachhinein, wenn alles geklappt hat, einzureden, dass es nur geklappt hat, weil man sich vorher Sorgen gemacht hat.

Ach ja: Die Beckenbodentrainingshow war auch sehr nett, vor allem der Satz der Trainerin „Und jetzt schieben wir uns den Ball da hin, wo es schön ist“, worauf die Turnerinnen sich brav den Ball unter den Arsch schoben. Und der Herr Dr. Volker Viereck war toll. Ansonsten muss ich leider trotz dieser Erfahrung sagen, dass ich mir Fernseharzttechnisch immer noch lieber Dr. Ross und Dr. Karev angucke. Und behandelt werden möchte ich definitiv von keinem Fernsehdoktor. Dann noch lieber von Die Ärzte, womit ich den Kreis und diesen Eintrag elegant schliesse. Er war, um es mit einem Ausdruck aus dem Gebiet Intime Frauenleiden zu sagen, eine Zangengeburt.

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