Oh Lordi Miss Studer

Es ist vermutlich allgemein bekannt, dass ich ein grosser Fan des Eurovision Song Contests bin. Ich habe kaum eine Ausgabe dieses Events verpasst, sogar in Australien habe ich das Ding geguckt, mit einem Tag Verspätung zwar, aber gucken musste ich.

Und bis vorgestern habe ich auch immer gerne auf dem Kanal des Schweizer Fernsehens zugeguckt (na ja, in Australien ging das nicht), weil ich die Kommentare von Sandra Studer immer sehr amüsant fand.

Aber offensichtlich wird Frau Studer auch nicht jünger und kann nicht damit umgehen, dass sich seit sie selbst 1991 für die Schweiz angetreten ist, beim ESC einiges geändert hat – ausser dem Namen.

Tatsache ist: Hübsche Frauen in langen Abendkleidern, die grosse Balladen schmettern, sind längst keine Erfolgsgaranten mehr. Musik ist nun mal etwas, das sich weiterentwickelt, ja, sogar beim ESC. Etwas langsamer als ausserhalb dieser Unterhaltungs-Seifenblase zwar, aber dennoch.

In den letzten Jahren waren es tanzbare Lieder mit viel Show, gesungen von Frauen mit mehr oder weniger Stoff am Körper, die den Sieg davongetragen haben. Dies mag einerseits mit dem Showfaktor zu tun haben, andererseits lagen bei den neueren Austragungen des Wettbewerbs auch immer Stücke weit vorne, die musikalisch von der eigenen Kultur inspiriert waren. Und gerade diese folkloristischen Elemente mögen im westlichen Teil von Europa nicht zwingend auf Begeisterung stossen, bei unseren Miteuropäern Richtung Osten hingegen ist dies ein Teil der Populärmusik, der bei der Bevölkerung auf breite Akzeptanz stösst. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass die östliche Folklore etwas peppiger ist als der Holzmichl.

Nachbarschaftssympathiepunkte (und in Bezug auf Russland auch Gasbelieferungssicherheitspunkte) spielen natürlich stets eine Rolle, aber man darf nicht vergessen, dass dies auch schon früher immer der Fall war, bevor die ganzen Länder dazustiessen, die es noch nicht so lange gibt. Die Tradition, dass die Skandinavier einander Punkte geben, besteht schon seit Jahrzehnten, genau wie die Tradition, dass Deutschland von der Schweiz Punkte kriegt, die Schweiz aber nur ein müdes Lächeln aus Deutschland.

Kurz: Dass man immer prophezeien kann, wer wem wie viele Punkte gibt, ist mittlerweile schon ein lustiges Tippspiel innerhalb des allgemeinen „Wer wird gewinnen“-Tippspiels. Im Gewinnertippen bin ich meistens nicht schlecht – so war ich zum Beispiel die Einzige, die 2004 der Meinung war, dass die Ukraine gute Chancen hätte. Na ja, ich finde den Song immer noch toll. Da bin ich vermutlich dann auch die Einzige.

Am Samstag hatte ich natürlich auch wieder einen persönlichen Favoriten. Mal ehrlich: Hatten wir das nicht alle? Offenbar schon, denn Lordi legten ja quasi einen Start-Ziel-Sieg à la Schumacher hin. Und da kommt nun wieder Frau Studer ins Rennen: Die Dame konnte sich gar nicht mit den finnischen Hardrockern (na ja, SO hard war das auch wieder nicht. Ich finde ja, wer eine Keyboarderin in der Band hat, ist nicht wirklich Heavy Metal, aber das ist Ansichtssache) anfreunden und musste immer wieder ihr Entsetzen über die Band zum Ausdruck bringen. Als sie dann, als Lordi mal eben im Green Room seine Zunge rausstreckte, empört kiekste: „Iiiih, was macht der da mit seiner Zunge, so ein Grüsel!“, haben wir uns dazu entschieden, die ARD zum Zuge kommen zu lassen. War einiges angenehmer.

Okay: Man kann sich darüber streiten, ob Lordi jetzt typisches ESC-Material sind. Würdige Sieger sind sie aber allemal, denn immerhin haben sie von fast allen Ländern Punkte gekriegt.

Und mal ehrlich: Es war mal wieder Zeit für was Neues. Nach grossen Pop-Hymnen von Frauen in schicken Kleidern (Celine Dion, Dana International (Ja, Frau!) und natürlich Sandra Studer – obwohl, da wurden wir ja nur fünfte, gell Sandra), fröhlichem Gejodel von unschuldigen Popgruppen (ABBA, die Herreys, diverse Songs mit Titeln wie Ding Dinge Dong, A Ba Ni Bi oder Diggi-Loo, Diggi-Ley) und allgemeinen Weltverbesserungsarien (Toto Cotugno, Katrina and The Waves und natürlich Ein Bisschen Nicole) scheint nun eben der Moment der Rocker gekommen. Familienfreundlich ist das nicht, meint die Bild-Zeitung. Na ja, das kleine Patenkind meiner besten Freundin fand Lordi grandios und jubelte von uns am lautesten, als sie gewannen. Die Familien sind halt auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Bleibt zu hoffen, dass wir nächstes Jahr in Helsinki nicht mit billig maskierten Pseudobösewichten überschwemmt werden, die ESC-Teilnehmer tendieren ja oft zur Nachahmung des Erfolgstitels vom Jahr zuvor. Was Deutschland ja zum Beispiel die Möglichkeit bieten würde, mit Rammstein oder Knorkator anzutreten. Und die Schweiz könnte mal wieder Piero Esteriore ins Rennen schicken, der ist unheimlicher als alles, was der Rest Europas zu bieten hat.

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