Die Schweiz hat’s in sich

Mein Schwiegervater ist ja bekanntlich Spezialist für das Auffinden von seltsamen Sachen. Nun hat er mir ein Buch ausgeliehen, aus dem ich (nachdem ich das Ding bereits per Mail verschickt habe, das hier ist also quasi ein Crossmediablog, woohoo) ein paar Schmankerl präsentieren will.

Es heisst „Die Eidgenoszschaft ist unstreitig das oberste und am meisten erhöhete Land in ganz Europa“. Dabei handelt es sich um einen Schinken von 1765, mir allerdings vorliegend in der 1972er Version des Benteli Verlags. Es geht in dem Werk darum, die verschiedenen Gegenden der Schweiz zu charakterisieren. Wir beginnen mit:

Aare: Der Strom stürzt sich von dem Ober-Aar-Gletscher durch einen grässlichen Fall hinter einem sehr hohen Felsen aus entsetzlichen Schründen hervor. Gehet man von dem Spittal bis dahin, ihrem Lauffe nach; so muss man sich an eisernen Haken, die zu diesem Ende in eine steile Fels-Wand fest gemacht sind, halten, um nicht in grässliche Schründe hinunter zu stürzen. Dieser förchterliche Weg dauert eine ganze Stunde lang durch eine grausenvolle Wildnis.

(Jaja, ds Bärner Oberland isch schön, aber auch grässlich, entsetzlich und förchterlich grausenvoll. Ich stelle mir das ja immer von so einer Ogi-Stimme vorgelesen vor.)

Emmental: Der Zustand der Einwohner des Emmenthals ist so glüklich, dass man nicht wenig Bauern zählt, deren Vermögen sich von 20 bis 60 000 Bärnerpfund erstrekt.

(Man sollte das vielleicht mal den SCL Tigers verraten, so von wegen Sponsorensuche.)

Entlebuch: Die Manns-Personen verdienen in Ansehung ihres wol gestalten Cörpers, Grösse und Stärke, vor den übrigen Berg-Einwohnern der Eidgenossschaft den Vorzug. Die Weibs-Personen haben keine grosse Leibes-Länge; sie sind kurz und untersezt; in der Feinheit der Bildung und Weisse der Haut übertreffen sie fast alles Land-Volk.

(Ich wusste es doch: Ich bin adoptiert und eigentlich eine Entlebucher Weibs-Person. Guäääh!)

Unterwalden: Die Einwohner dieses Cantons, so wol männlichen als weiblichen Geschlechts, sind ansehnlich, gross, stark und von dauerhafter Gesundheit. Eine Folge der unserer Natur so angemessenen Milch-Speisen!

(Wohnt nicht DJ Bobo in Nidwalden? Ist das hier die erste historisch belegte Emmi-Werbung?)

Zugersee: Der See ist an verschiedenen Arten überaus schmakhafter Fische gar reich. […] Allein die Karpfen haben durch ihr Wühlen an den Ufern des Sees den nächst ligenden Örtern schon viel Gefahr und Schaden zugefügt.

(Böse Karpfen, wollt ihr wohl die Örter in Ruhe lassen!)

Appenzeller: Eine natürlich Einfalt, mit starker Vernunft und lebhaftem Wize gepaaret, Offenherzigkeit, auch Redlichkeit (wenigstens unter sich selbst) unterscheidet sie von anderen Eidgenossen. Geistreiche und witzige Einfälle sind das Eigenthum auch dessen, so den äusserlichen Anschein von Dummheit trägt.
Man trägt sich auch ausser dem Canton mit einer Menge witziger Geschichten von diesem Volk, welche alle ihm Hochachtung und Ehre erweken.
Der Character der Appenzeller ist in vielem original. Überhaupt ist das männliche Geschlecht ansehnlich, wohl gewachsen, stark. Ihr von Natur harter Boden legt ihnen strenge Arbeit auf; er schaft ihnen aber auch gesunde, starke Glieder. Der Appenzeller ist zu gar allem brauchbar.

(Zwei Worte: Hans-Rudolf Merz. Es isch nümm wie früecher, o nid im Appizäll.)

Sils: Zu Sils im Engadin ist eine Fabrik von Baumwollenen Schnupftüchern.

(Schön, dass wir darüber gesprochen haben.)

Thusis: Bey Thusis und in Avers sind die Schneelauen sehr fürchterlich; daher hängen daselbst die Gloken bloss ein paar Schuh hoch ob der Erde, damit ihr Schall sich nicht zuweit erstreke.

(Und der Probealarm heute Nachmittag wird da auch nur ganz ganz leise durchgeführt.)

Festung Munot: Ihre Erbauung fällt aber auch in solche Zeiten, da der Wiedertäufer- und Secten-Geist die Gemüther des Eidgenössischen Land-Volks öfters anfachte. Es war dazumal ein staatskluger Gedanken der Obrigkeit, die Untergebenen zu beschäftigen.

(Hm. Vielleicht sollte man im Emmental auch mal eine Festung bauen.)

Zürich (Kanton): Der Canton Zürich ist ein Inbegriff der ganzen Eidgenossschaft. Er enthält Berge, Thäler, flache Gegenden, Getreid-Land, Wein-Berge, Seen, Flüsse, süsse und mineralische Wasse; ja fast alles, wenn ich die Metalle ausnehme, was zu dem menschlichen Leben notwendig und kommlich ist.

(Da haben wir den historischen Beweis: Downtown Switzerland!)

Genf (Kanton): Ihr Moral-Character ist meistens eine Composition von den einander ziemlich entgegen gesezten Charactern der 3 Nationen die ihre Nachbarn sind.

(Anders gesagt: Alles Schweine. Aber weltoffen.)

Leukerbad: Es sind verschiedene Quellen, aus welchen das Bad-Wasser fliesset; sie sind so heiss, dass man Feder-Vieh darin ganz abbrühen, und Eyer gar machen kann.

(Wellness!)

Neuenburg (Kanton): Nur in einem Dorfe leben bisweilen 2 bis 300 Uhrenmacher. Sie sind im Stand, ganz Europa mit kunstreichen Sak- Stok- und Pendeluhren zu versorgen; ihre Arbeiten gehen durch alle Theile des Erdbodens.

(Ich will auch eine Stokuhr, die durch alle Theile des Erdbodens geht.)

Wallis: Die Thäler in dem Walliser-Lande sind bisweilen so schmal, dass die Berge überall zusammenstossen, und nur soviel Plaz übrig ist, als der Rhodan zum durchfliessen, und der enge Weg, um den Pass zu unterhalten, nöthig hat.

(Verkehrsinformation der Viasuisse: Stau im Wallis nach Bergzusammenstoss. Könnte bitte jemand den Pass unterhalten gehen, ihm ist langweilig.)

Und da sage noch jemand, in der Schweiz sei nichts los. Also bitte: Förchterliche Wildnis, örtergefährdende Karpfen, hühnerkochende Quellen und Frontalkollisionen der Berge. Die Schweiz wird als beschauliches Idyll offenbar total falsch vermarktet. Dabei könnte man doch gerade im Hinblick auf die EM 08 eine viel erfolgsversprechendere Werbestrategie anpeilen:

„Die Schweiz – wenn du Fussball nicht bedrohlich genug findest, probier mal unsere Natur aus.“

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