Eurovision 101

Wir beginnen mit einem Vorwort, denn vermutlich kann kaum jemand verstehen, warum ich jetzt schon über den Eurovision Song Contest blogge. Schliesslich wissen wir noch gar nicht, ob dieses Jahr Monrose, Roger Cicero oder Heinz Rudolf Kunze für Deutschland antreten. Wir wissen aber schon, wer für die Schweiz antritt.

DJ Bobo.

Die geneigte Leserschaft kann jetzt aufhören zu lachen.

Wobei, der eigentlich ausschlaggebende Grund für diesen Eintrag sind The Ark, die sich dieses Jahr als schwedische Kandidaten für den ESC anbieten. Nun muss man wissen, dass die Vorausscheidung in Schweden beinahe eine grössere Sache ist als das internationale Finale – da gibt es regionale Ausscheidungen, zweite Chance-Ausscheidungen und schliesslich das Landesfinale. Das ist am 10. März, und The Ark haben sich letztes Wochenende direkt dafür qualifiziert.

Nun ist es aber so, dass im The Ark-Forum irgendwie das Verständnis, um nicht zu sagen die Begeisterung für den ESC nicht wirklich gegeben ist. Was mich dann gestern dazu brachte, zu später Stunde das nun folgende Posting zu verfassen, eine flammende Rede pro Eurovision Song Contest mit dem Hintergedanken, die Leute darüber aufzuklären, warum etwas so Schlechtes eben doch total toll ist. Und dieses Plädoyer wollte ich nun auch der deutschsprachigen Welt nicht vorenthalten.

Lange Vorrede, kurzer Sinn: Ich fand mein Posting so geil, dass ich es jetzt übersetze und auch noch die Blogleser damit nerve.

Einblendung des Eurovisionslogos, und jetzt alle:

Päpääpäpäpääpääpääääääpää, päpääpäpäpäpäpäääpäpäpäpäpäää usw. (damit ist diese Melodie gemeint, okay?)

Also. Unverständlicherweise für mich scheint es eine gewisse Anzahl an Leuten zu geben, die nicht zu schätzen wissen, warum der Eurovision Song Contest so grandios ist, wie er ist.
Als langjährige Anhängerin dieses Ereignisses werde ich nun ausführen, warum der ESC tatsächlich ein faszinierendes Stück Fernsehen ist, dass ich nicht missen möchte und das man gefälligst zu gucken hat.

Fangen wir mit der Geschichte des ESC an. Ja, das Ding gibt es schon länger als dich. Und dich. Und dich auch. Das Ding gibt es seit 1956. Das Ding gibt es also sogar schon länger als MICH. Also, sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Der ESC ist alleine schon aufgrund seiner Langlebigkeit Kult.

Wer den Eurovision Song Contest zum ersten Mal mitverfolgt, dem wird es vermutlich so gehen wie jemandem, der zum ersten Mal die Benny Hill Show sieht: Zuerst entlockt einem die Darbietung auf dem Bildschirm ein völlig verblüfftes „Bitte wie?“, und daraufhin wendet man sich entweder mit Grausen ab, in der Hoffnung, dass sich die ins Hirn gebrannten Bilder irgendwann wieder vergessen lassen… oder man ist verloren.

Die Sache ist irgendwie auch ein bisschen wie ein Autounfall – man will nicht gucken, aber irgendwie muss man. Mit dem ESC ist eine gewisse morbide Faszination verbunden, aber sobald man diese Tatsache akzeptiert hat, kann man Spass dabei empfinden. Viel Spass. Manche Leute gucken gerne den Casting Show-Kandidaten zu, die in der Abteilung „Leider nein“ landen, andere Leute finden Horrorfilme toll. Der ESC liegt irgendwo dazwischen.

Nun gut. Jetzt da wir das Grauen des ESCs ungefähr definiert haben, werfen wir einen Blick auf die teilnehmenden Länder. Beim ersten ESC nahmen nur sieben Länder teil, und die Schweiz gewann. Als Schweizerin muss ich das natürlich erwähnen. Wir gewannen noch ein zweites Mal, 1988 nämlich, als wir die ach-so-schweizerische Céline Dion ins Rennen schicken. Und nein, sie wurde nicht dadurch weltberühmt, das kam etwas später, also schiebt nicht uns die Schuld in die Schuhe. Was wir daraus lernen können, ist aber folgendes: Es spielt keine Rolle, aus welchem Land die Performer kommen, wichtig ist die Herkunft des Songschreibers. Denn zumindest in der grauen Theorie ist es immer noch ein SONG Contest. Ich erwähne das, weil… naja, Lordi.

Auf jeden Fall wurde der ESC jedes Jahr grösser, und nein, ich weiss auch nicht, warum Israel daran teilnimmt. Mittlerweile ist es allerdings so, dass so viele Länder mitmachen, dass ein Halbfinale nötig ist. Das funktioniert nach der Regel „Wenn du letztes Jahr mies warst, musst du dieses Jahr ins Halbfinale“. Ausser du bist a) das Gastgeberland oder b) Deutschland, Frankreich, Grossbritannien oder Spanien (Allemagne, France, Royaume-Uni, Espagne, ups sorry, das war jetzt rein instinktiv vorgegriffen). Das liegt daran, dass diese Länder die grössten Beitragszahler der European Broadcast Union sind, die den ESC organisiert. Hey, hat ja keiner gesagt, dass nur der Song zählt… was? Wie, ich? Grade eben? Na gut.

Also, nehmen wir an, das Halbfinale ist geschafft (falls man nicht die Schweiz ist und einen Schweizer Interpreten geschickt hat, denn das ist ziemlich misserfolgsversprechend, ich meine: Letztes Jahr haben wir Ralph Siegel als Komponisten engagiert und… oh. Da fällt mir auf, dass die Herkunft des Songschreibers wohl doch nicht mehr so wichtig ist. Wann wurde das geändert? Oder haben wir Ralph Siegel eingebürgert? Und warum gab es dazu keine Volksabstimmung?). Wer schon mal im Halbfinale antreten musste, hat den Vorteil, dass das Publikum den Song schon kennt. Anders gesagt: Höherer Erkennungswert. Vor allem, wenn man Lordi ist.

Nehmen wir nun an, dass wir beim Finale angelangt sind (mit „Wir“ meine ich nicht zwingend die Schweiz. Nicht vergessen: Wir schicken dieses Jahr DJ Bobo). Um diesen Event gebührend zu feiern und die Fernsehdarbietung zu geniessen, ist es unerlässlich, folgende Anleitung genauestens zu beachten.

1. Du brauchst Alkohol. Wer zu jung ist, trinkt Rimuss oder Robby Bubble oder Apfelsaftschorle im Sektglas. Ach ja, und Alkohol ist hier nicht gleichbedeutend mit Bier. Es muss schon glamouröser sein. Wir wollen mehr so in Richtung Cocktails gehen. Mit farbigen Papierschirmchen. Prosecco ist auch erlaubt. Grundsätzlich halt die Sorte Alkohol, die einen „Hi hi hi“ machen lässt, nich „Bruahahahah“.

2. Du brauchst einige Freunde um dich. Gucke dir NIE den ESC alleine an. Denn dann wird dir bewusst, dass du einen weiteren Abend damit verschwendest, dir absoluten geistigen Dünnschiss zu Gemüte zu führen.

3. Wenn du Glück hast, befindet sich unter deinen Freunden mindestens eine Person, die eine Unzahl an sinnlosen Fakten zum Thema ESC kennt (jemand wie ich, zum Beispiel). Wenn du noch mehr Glück hast, befinden sich in deinem Freundeskreis zwei solcher Personen, die sich dann gegenseitig korrigieren und einander den ganzen Abend anstänkern, was sehr zum Unterhaltungswert des Events beitragen kann. Ausser natürlich sie stänkern so laut, dass man die Musik nicht mehr hören kann. Dann gilt es, sie mit Cocktails oder Prosecco zum Schweigen zu bringen. Wenn du niemanden kennst, der ein ESC-Experte ist, befrage das Internet. Es bietet wie zu allen anderen schwachsinnigen Erfindungen der Menschheit auch zum Eurovision Song Contest Tonnen von Informationen.

4. Da die meisten Leute, mit denen du den ESC gucken wirst, sowieso weiblich oder zumindest metrosexuell sind, kannst du zum Zwecke weiterer Stimmungshöhenflüge Dinge wie Federboas, Nagellack, Gesichtsmasken, Frauenzeitschriften und Ähnliches bereitlegen. Denn es gibt kaum etwas Schöneres, als sich selber zu verschönern und abzufeiern, während andere ihrer Karriere ruinieren. Hey, vielleicht machst du ja gleich eine Kostümparty aus der ganzen Angelegenheit. Schreib einfach auf die Einladung: „Komm als dein Lieblings-Eurovisionstar. Lordi ausgenommen. DJ Bobo auch.“

5. Jemand sollte Notizen machen. Nicht nur zu den Songs, sondern auch zu den Outfits. Und natürlich zu den Kommentaren, welche die Partygäste zu den Outfits abgeben. Denn erstens schreien die Outfits nicht nur nach fiesen Bemerkungen (meistens schreien die Outfits sogar noch lauter als die Interpreten), sondern zweitens kann sich vermutlich am Morgen danach keiner mehr an die amüsanten Beleidigungen erinnern, die er im Alkoholnebel so von sich gab.

6. Erfinde dein eigenes Eurovision Song Contest Trinkspiel. Hier ein Beispiel.

7. Erinnere dich an folgende Gesetze, wenn es ans Abstimmen geht: Die osteuropäischen Länder geben ihre Punkte den osteuropäischen Ländern. Die skandinavischen Länder geben ihre Punkte den skandinavischen Ländern. Die Schweiz gibt ihre Punkte Deutschland. Keiner gibt seine Punkte der Schweiz. Irland gewinnt. Oder Lordi.

8. Der richtige Moment, aufs Klo zu gehen, ist immer zwischen den Songs, wenn die Tourismuszentrale des Gastgeberlandes übernimmt und uns erzählt wie! toll! es! hier! ist! und! komm! hierher! Achja, und du kannst auch aufs Klo gehen, wenn die Schweiz dran ist. Es ist ja nicht so, als ob du uns irgendwelche Punkte geben würdest.

9. Einige grundlegende Sachen zum Schluss:

– Falls die Moderatoren unverständliches Zeug schwatzen, muss das nicht an ihrem Akzent liegen, vielleicht sprechen sie einfach gerade Französisch. Denn aus irgendeinem Grund (EBU-Beiträge?!) sind die offiziellen Sprachen des ESC Englisch und Französisch. Gelegentliche Ausflüge in obskurere Sprachgefilde finden während der Abstimmung statt, wenn die Moderatoren die Abstimmungsergebnisverkünder aus den einzelnen Ländern in der jeweiligen Landessprache begrüssen wollen. Was dann die Abstimmungsergebnisverkünder aufgrund des Akzents der Moderatoren nicht verstehen (oder vielleicht nehmen sie auch an, dass die Moderatoren gerade französisch sprechen). Umgekehrt funktioniert es ähnlich, wenn die Abstimmungsergebnisverkünder die Moderatoren in der Landessprache des Gastgeberlandes zu begrüssen versuchen.

– Nur weil man bereits ein international erfolgreicher Künstler ist, heisst das nicht, dass man beim ESC automatisch gewinnt. Erinnert sich noch jemand an t.A.T.u? Nee, ich mich auch nicht, aber Wikipedia behauptet, sie waren mal dabei.

– Andererseits kann der ESC völlig unbekannte Künstler über Nacht berühmt machen. Den Herrn Bockelmann zum Beispiel, mittlerweile eher bekannt unter seinen beiden Vornamen Udo und Jürgen. Oder diese Schweden da, aus den Siebzigern, wie hiessen die noch gleich? BABA? Irgendwie sowas.

– Ausserdem dürfen die Songs nicht länger als drei Minuten sein, es muss sich um Originalsongs handeln (auch wenn das Zeug eh immer ähnlich klingt), der Song darf keine politischen Statements beinhalten, man kann in jeder erdenklichen Sprache singen (nein, der norwegische Beitrag letztes Jahr war weder Sindarin noch Quenya), aber es dürfen sich nicht mehr als sechs Leute auf der Bühne befinden. Ach ja, und Tiere sind nicht erlaubt (Aber… Lordi?!).

10. Das Wichtigste zum Schluss: Es ist nur eine Fernsehshow. Eine wirklich blöde, altmodische und vor allem extrem kitschige Fernsehshow. Ein grosser Spass, wenn man die Sache nicht im Geringsten ernstnimmt. Und wenn die Songs extrem schlecht zu sein scheinen, dann liegt es daran, dass sie es sind. Auch das ist ein Teil des Amüsements.

Zusammenfassend: Beim Eurovision Song Contest geht es darum, dämlichen Leuten in grässlichen Outfits dabei zuzusehen, wie sie sich mit grauenhaften Songs und depperten Showeinlagen zum Leo machen (manchmal sogar zum Horst, und dieses Jahr vermutlich sogar zum Bobo), und selbst alkoholgeschwängerte Bitch-Kommentare zu den Geschehnissen abzugeben. Ein guter Act ist da ein absoluter Bonus. Und Lordi… naja. Lordi happens.

(Und falls irgendjemand darauf hinweisen möchte, dass ich es letztes Jahr noch toll fand, dass Lordi gewonnen haben: a) Tat ich auch. Der Song ist trotzdem nicht grandios, und das mit den Monsteroutfits war sehr schnell nicht mehr witzig und b) was interessiert mich mein Geschwätz vom letzten Jahr?)

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