Betthupferl oder auch Schreckmümpfeli

So, als Gutenachtgeschichte gibt es heute einen Schwank aus meiner Jugend.

Ich hab zu meinem zehnten Geburtstag einen Radio mit integriertem Kassettenspieler geschenkt gekriegt, auf eindringlichen Wunsch meinerseits. Damit war dann alles aus. Jeden verdammten Sonntag sass ich vor diesem Ding und habe die Songs aus der Hitparade aufgenommen, die ich toll fand, natürlich mit abgesägten An- und Abmoderationen des Heinis vom Sender, natürlich rübis und stübis durcheinander, was den Musikstil anging, und natürlich mit der dazugehörigen Ernsthaftigkeit und dem entsprechenden Entsetzen, wenn mich jemand dabei gestört hat.

Von damals, als ich versucht habe, die Winnetou-Melodie aufzunehmen, indem ich vorm Fernseher klebte, gar nicht zu sprechen. Hätte auch fast geklappt, bloss erwischte ich immer den falschen Moment und die Figuren im Fernseher laberten in die Musik rein. Und nicht nur die. Auf der Kassette hört man dumpf und raschelnd kurz vor Abbruch der Aufnahme Old Shatterhand zu Winnetou sprechen: „Hier hinauf, dort hinüber!“, worauf meine Schwester, die sich über die Ausdrucksweise beömmelte, den Satz amüsiert wiederholt und meine Mutter sie mit einem tadelnden „Schschscht, sie nimmt doch auf!“ unterbricht. Ist alles auf Tape. Bloss die Winnetou-Melodie nicht. Vermutlich habe ich dann kurz darauf heulend und kreischend und natürlich türenknallend das Wohnzimmer verlassen.

Item. Ich habe dieses technische Gerät geliebt, und während ich früher gerne mal dabei erwischt wurde, wie ich nachts mit der Taschenlampe im Bett gelesen habe (ja, ich war eins von diesen Kindern, deren Augenringe vermutlich Misshandlungsverdächtigungen bei der Lehrerschaft weckten, obwohl ich ganz einfach selber schuld war, weil: Muss. Weiter. Lesen. Kann. Nicht. Aufhören. Muss. Wissen. Wie. Buch. Endet!!!), so änderte sich das, als ich zu meinem Kassettenradio einen Ohrstöpsel aufgetrieben habe. Denn das Gerät war natürlich mono, da reichte ein gefülltes Ohr. Und wenn man halt nicht bei schlechtem Licht lesen darf, dann hört man halt im Dunkeln Radio. DRS 1, um genau zu sein, denn damals gab es auf DRS 3 abends und nachts noch Spartensendungen (gibt es die eigentlich immer noch?), und als Kind steht man nun mal nicht so auf Sparten. Also ich zumindest nicht. Und auf DRS 1 gab es halt am Mittwoch und Freitag gar Wunderbares zu hören:

Mittwochs fand jeweils heiteres Kreuzworträtselraten statt, das nannte sich soweit ich mich erinnere Musikbox, und im wöchentlichen Fernsehprogrammheft konnte man die leeren Rätselfelder finden. Der Moderator gab dann jeweils die Fragen durch, also halt so „12 waagrecht ist gesucht bla bla bla“, und wer die richtige Antwort wusste und im Studio anrief, durfte sich dann jeweils wünschen, aus welcher Sparte das als nächstes gespielte Musikstück sein sollte. Ich kann mich an die Kategorien nicht mehr erinnern, aber ich freute mich immer, wenn etwas Lustiges kam.

Dito am Freitagabend, da gab es dann das Wunschkonzert, und immer immer immer wurden die Leute von der Radiowanderung gegrüsst, und ich kann mir noch heute nichts Genaues darunter vorstellen. Für mich sind das Wandergruppen, die alle ein Transistorradio geschultert haben.

Und nach den Nachrichten um elf kam das Schreckmümpfeli. Die Gruselgeschichte zur Nacht. Das war dann der Moment, wo ich mich so in die Bettdecke eingewickelt habe, dass ich nur noch um den Mund herum frische Luft spürte. Dieses Einwickeln musste natürlich extrem sorgfältig durchgeführt werden, denn eine falsche Bewegung, und der Ohrstöpsel fiel raus, was eine längere Suchaktion mit sich brachte – und das während ich doch noch gerade total Schiss hatte nach dem Schreckmümpfeli, da will man doch nicht unter dem Bett rumtasten – , oder noch schlimmer, der Ohrstöpsel wurde aus dem Stecker des Transistorradios gerissen und DRS 1 erschallte in voller Pracht in meinem Kinderzimmer, das sich leider Gottes direkt neben dem Schlafzimmer meiner Eltern befand. Eben: Sorgfalt und Behutsamkeit waren gefragt. Wenn dann gewährleistet war, dass die Monster, Ausserirdischen und Gespenster nicht an mich ran konnten, weil jeder Quadratzentimeter meines Körpers von Bettdecke eng umschlungen war (die Bettdecke ist bekanntlich der beste Schutz gegen jegliche Angriffe – wer braucht da noch irgendwelche Kraftfelder und Schutzschilde?), konnte ich mich wieder dem Zuhören widmen. Und spätestens Minuten vor Mitternacht teilte mir DRS 1 dann durch die Blume in Form der Schweizer Nationalhymne mit, dass ich jetzt gefälligst zu schlafen hatte. Was ich je nach Gruselgehalt des Schreckmümpfelis mehr oder minder bald auch tat.

Der Begriff „Schreckmümpfeli“ setzt sich übrigens aus „Schreck“ (well, duh) und „Bettmümpfeli“ zusammen, und Letzteres bedeutet wiederum „Betthupferl“. Und weil es jetzt schon fast Zeit ist, ins Bett zu hüpfen, ob mit oder ohne Nationalhymne, hier noch ein paar Highlights, die ich damals immer gerne hörte, in der Musikbox und im Wunschkonzert.

Ich grüsse alle Radiowanderer.

Und in Ermangelung des Telefonbeantworters hier der Tell:

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