Unsanfte Waldesruh

Oder auch: Where cars go to die.

Wir waren heute in Kaufdorf im Gürbetal beim Autofriedhof. Einerseits zum Gucken, andererseits zum Fotos machen. Sowohl Ersteres als auch Letzteres hatten auch zig andere Leute im Sinn, so das es zum Teil etwas eng und drängelig war, aber soweit ich das beim Ausgang beurteilen konnte, waren wir gerade noch vor dem grossen Sonntagnachmittagsansturm dort. Ich kam mir zugegebenermassen mit meiner kleinen Lumix etwas albern vor neben den Leuten, die extra ihre Schwanzvergleichteleobjektive gesattelt und ihre Stative mitgebracht hatten, aber immerhin: Ich bilde mir ein, dass ich den anderen Besuchern weniger im Weg stand als so einige der „Ich nehme mein Hobby halt total ernst“-Fotokünstler.

Für die Stimmung vor Ort war es für mein Empfinden etwas schade, dass so viele Besucher dort waren, da die Autowracks, die von Jahr zu Jahr mehr von Wald, Moos und Wiese vereinnahmt wurden, durchaus eine gewisse gespenstische Ruhe ausstrahlen, einerseits natürlich als oberflächliches Mahnmal zum Thema „die Natur holt sich alles zurück“, andererseits aber halt auch, weil man sich durchaus fragt: Wie landete dieses Auto hier, was ist seine Geschichte und die seiner Besitzer?

Irgendwann kam mir dann der Gedanke, ob wohl auch unser alter Matz hier sein könnte, der orangefarbene Mazda, der – und hier kann es durchaus sein, dass sich einige Kindheitserinnerungen durcheinanderwirbeln und ich die Geschichte zweier bis dreier Autos vermische, denn für genaue Erinnerungen daran bin ich definitiv zu klein – irgendwann Mitte 70er durch einen Saab zu Tode kam. Irgendwo gibt es noch Bilder vom Totalschaden, und auch wenn ich mir wie gesagt der Fakten nicht mehr ganz sicher bin: Wenn ich an diese Bilder und an dieses Auto denke, rührt sich in mir ein Funken jener Traurigkeit, die ich damals als kleines Kind verspürt habe, als ich vor diesem Wrack stand, denn, so meine ich zumindest, dass es mir berichtet wurde: Angeblich hab ich da geheult wie der sprichwörtliche Schlosshund. Interessanterweise hat mir seither nie ein Gefährt mehr bedeutet als diese schnittige Karre. Allerdings: Keine Ahnung welcher Mazdatyp das war. Wie gesagt: Orange. Schnittig. Kaputt.

Seitdem kann ich Saabs nicht mehr leiden und habe Vorurteile gegenüber Saabfahrern. Auch wenn es wie gesagt ein anderes Auto gewesen sein könnte, das beim Duell mit dem Saab sein Leben lassen musste. Für mich gilt: Saab = Mazdamörder.

Andere Leute haben offensichtlich mehr aktuelle und generelle Gefühle für Autos, wie sich auf dem Parkplatz des Autofriedhofs zeigte: Da reihte sich quietschbunter VW-Käfer an schnittigen Lotus an toprestaurierten Oldtimer. Und auch auf dem Gelände des Friedhofs hörte man sie allenthalben, die leise nörgelnden, vorwiegend männlichen Stimmen, die ihren Begleitungen mit einer Mischung aus Staunen und ungläubiger Frustration Dinge zuraunten wie: „Millionenwerte sind das hier…“, „…alles verrottet…“, „…stell dir nur vor, was man damit hätte machen können…“, nur um dann mit einem kaum hörbaren Seufzer zum Schluss zu kommen: „…aber jetzt? Zu spät.“

Und ja, sogar mich, deren emotionale (und, geben wir es ruhig zu, auch sonstige) Autokenntnisse sich einerseits eben auf eine inhärente Zuneigung zu Mazdas und eine akquirierte Abneigung gegen Saabs und eine schier unverständliche Schwäche für den 67er Chevy Impala mit dem inoffiziellen Namen Metallicar aus der TV-Serie „Supernatural“ beschränken, packte zwischendurch das Gefühl, dass in diesem Autofriedhof ganz bestimmt einige Schätze buchstäblich versinken.

Allerdings: Sie sehen beim Versinken meines Erachtens noch viel wertvoller und wehmütiger aus, als wenn sie frisch lackiert aus der Werkstatt kämen.

Weswegen ich es übrigens auch wahnsinnig schade und störend fand, dass während unseres Besuchs im Autofriedhof ein Mode-Fotoshooting durchgeführt wurde, dessen Outfits und Models in ihrem Pseudo-Punk-City-Chic so gar nicht in diesen Fuhrpark-Urwald passten. Prinzessinnen, Waldfeen, meinetwegen sogar Nachfahren der heutigen Zeit in seltsamer Sci-Fi-Fashion, kurz: Wesen, die den Verfall und Zerfall mit staunenden, nicht verstehenden Augen betrachten, aber doch bitte keine gelangweilten Mädchen mit quasi-alltäglichen Klamotten, die sich auf rostigen Motorhauben räkeln. Da wären mir ja sogar noch Zombie-Pin Ups im 50er-Jahre-Look lieber gewesen…

Zurück zum Wesentlichen: Den Autofriedhof kann man nur noch bis und mit 12. Oktober besichtigen, möglicherweise wird er schon nächsten Frühling geräumt. Weitere Infos gibt es unter obenstehendem Link – ziemlich viele Fotos gibt es in untenstehender Diashow.

[piflasa]http://picasaweb.google.de/data/feed/base/user/natollie/albumid/5251125941797743761?kind=photo&alt=rss&hl=de|500[/piflasa]

Flattr this!

Ein Gedanke zu “Unsanfte Waldesruh

  1. Ich kann deine Gefühle gegenüber Saabfahrer nachvollziehen. Vor ca. 6 Jahren hat mich eine Dame mit ihrem Familienvan abgeschossen. Mein Corolla war schrottreif! Seid dem habe ich ein Problem mit VanfahrerInnen!
    Ich glaub ich muss auch nochmal den Friedhof besuchen….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.