Die spinnen, die Spinner

Gestern in der Rubrik „Wir zwingen unsere Kursteilnehmer zu diversen entwürdigenden Leibesübungen“, äh, „Wir stellen unseren Kursteilnehmern diverse tolle Sportarten vor“: Spinning.

Mir graute seit Wochen davor. Seit ich den Eintrag in unserem Kursprogramm gesehen hatte, um genau zu sein. Uaaaargh. Pedaletreten in der Gruppe. Nach Anleitung. Inklusive Stehendpedalen. Doom. Dooooooooom, I tell you!!!

Dementsprechend hatte ich mir auch zig extrem gute und glaubwürdige Ausreden bereit gelegt, um genau an diesem Abend irgendwie nicht am Sportprogramm teilnehmen zu können. Da bin ich Profi drin – jahrelange Erfahrung im Schulsportunterricht verpflichtet schliesslich, vor allem, wenn man so wie ich die strenge tschechische Sportlehrerin innerhalb von grob geschätzt zwei Schuljahren dazu gebracht hatte, am Anfang fast jeder Turnstunde zu sagen: „Wir machen heute (Sportart bitte einfügen), ausser Natalie, die muss das nicht.“

Tja, und trotzdem hab ich dann nach dem Ernährungsteil des Kurses brav mein Spinningbike in Position geschleift. Oh, nicht ohne lautstarke Proteste und halbherzige Ausredenplatzierung, so ist’s ja nicht, aber je nun – Gruppenzwang. Und überhaupt, so schlimm konnte es ja nicht sein.

Jaha.

Auf einem der Schneidebrettchen, die uns unsere Hochzeitsgäste mit Brandzeichen verschönert haben (Was denn? Andere Länder, andere Sitten oder so oder auch ganz anders), steht hübsch verziert geschrieben (ich paraphrasiere kurz, ich kann gerade nicht in die Küche nachgucken gehen): „…und aus dem Chaos sprach eine Stimme: ‚Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!‘ Und ich lächelte und war froh -und es kam schlimmer…“

Und ich lächelte ja nicht mal! Ich war nicht froh! Ich motzte und fluchte und schwitzte! Und trotzdem: Es kam schlimmer.

Da war einerseits der Spinning-Instruktor (keine Ahnung, wie sein offizieller Titel war. Am passendsten wäre sicherlich „Destruktor“ gewesen…), der genau diese Art motivierende Fröhlichkeit durch den Raum bellte, die ich beim Sport absolut nicht gebrauchen kann. Guck mal, Chef: Ich pfeif hier nicht mehr aus dem letzten Loch, ich röchle leise und mit Tunnelblick meine letzten Kapillaren generell in die ungefähre Richtung, in der ich das letzte Loch vermute. Da ertrage ich keine jauchzende Anfeuerung, denn wenn ich sowas dann höre, setzt bei mir der Killerinstinkt ein. Ernsthaft, das Kerlchen konnte froh sein, dass ich a) mit meinem Radl nicht vom Fleck kam, b) die Mechanik der Notbremse nicht so weit begriffen hatte, um unfallfrei von meinem Folterinstrument zu steigen und c) vermutlich eh erst mal umgesackt wäre, hätte ich mich denn aus den Fängen der Fussfesseln (Radsportfreunde: Pedalschlaufen oder so ähnlich nennt ihr das vermutlich) befreien können. Lieber Trainer, solltest du je über diesen Eintrag stolpern und wider Erwarten Lippenlesen können: Das stumme „Halt die Fresse!“ war nicht persönlich gemeint. Wirklich nicht. Du warst halt zur falschen Zeit am falschen Ort. Kann ja passieren.

Andererseits war da die Musik. Ohhh die Musik. Hölle Hölle Hölle. Ne, Wolfgang Petry lief nicht. Aber sonst so einiges an übelstem Auralbrechdurchfall. Bitte nicht falsch verstehen: Es gibt sicherlich eine Zeit und einen Ort für Rednexx, A-Teens und Boney M. Aber siehe Instruktor: Falsche Zeit. Falscher Ort. Schlimmes, schlimmes Leiden. Innerliches Weinen und lautloses Zetern.

Und drittens sind da die Nachwirkungen. Ich würde ja gerne den Mantel des Schweigens über die Nachwirkungen breiten, doch ich sehe hier ganz klar einen dringend nötigen Aufklärungsauftrag.

Also. Ich kann heute eigentlich Folgendes nicht:

– Sitzen
– Laufen
– Nicken
– Kopfschütteln
– Dinge festhalten
– Aufhören, mich über meine Schmerzen zu beklagen

Nun gut, das ist jetzt vielleicht etwas übertrieben (kommt bei mir bekanntlich total selten vor, ich weiss), aber meine hintere Körpermitte ist wirklich arg in Mitleidenschaft gezogen, und meine Handballen und der Nackenbereich ebenfalls. Ersteres verdanke ich dem Rennsattel (Jaul!), zweiteres und dritteres der Tatsache, dass das Spinningbike so eingestellt wird, dass Lenker und Sattel ungefähr auf gleicher Höhe sind, sprich: Das Körpergewicht verteilt sich dann auch gerne auf Nackenarmehände. Meinereiner mag das nicht. Meinereiner stellt sein Trimmrad grundsätzlich nach dem Ohrenprinzip ein: Sattel so tief unten, dass man mit den Knien beim Treten die Ohren berühren kann, Lenker so weit oben, dass die Hände ungefähr ebenerdig, äh, -luftig mit den Ohren sind. Aber gleiche Höhe? Abseits. In dieser Sportart definitiv sowas von Abseits. Pfeifen, Schiedsrichter, sofortige Spielunterbrechung!

Und das alles, wo ich doch am Sonntag zum ersten Mal in meinem Leben an einem Volkslauf teilnehme. Okay, es sind nur fünf Kilometer, es ist nur Nordic Walking, aber trotzdem! Ich bilde mir da total was drauf ein und ich hoffe inniglichst, dass ich bis übermorgen wieder meine Stöcke greifen kann, ohne zu wimmern. Wird eh peinlich genug, die Angelegenheit, wenn dann die ganzen fitten 70-jährigen Omis an mir vorbeiflitzen, während ich die Steigung hochschleiche. Aber immerhin ohne motivierende Zurufe trainerseits und mit viel, viel besserer Musik.

Wir fassen zusammen: Spinning ist fürn Arsch. Vierbuchstäblich.

(Und das Allerallerschlimmste? Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, es wieder zu tun…)

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