Die andere Seite (eine Gegendarstellung, quasi)

Es ist in der deutschen Blogwelt gerade ein Thema, das vielfach aufgegriffen wird, das man aber nicht als „heiss diskutiert“ bezeichnen kann. Denn eine heisse Diskussion bedingt ja, dass es auch andere Meinungen gibt, und hier sind sich nun mal alle einig: Die Medienberichterstattung über den Amoklauf von Winnenden war skandalös reisserisch, und zwar hüben wie drüben.

Das bestreite ich auch gar nicht. Was mich persönlich schmerzt, ist die Pauschalisierung. Dass mal wieder von „die Medien“ gesprochen wird und alle über einen Kamm geschoren werden. Denn leider Gottes ist es auch hier so: Hinter einem Oberbegriff, der sich wunderbar verteufeln lässt, stehen Menschen. Und nicht alle von ihnen sind scharf darauf, über Tragödien zu berichten. Oh, klar – die „Geil, ein Unfall, ich schnapp mir das Redaktionsauto und fahr hin“-Leute gibt es auch, und das zur Genüge. Auch das streite ich nicht ab. Aber mir sind in meiner zugegebenermassen mickrigen Lokaljournikarriere nun mal mehr Arbeitskollegen begegnet, die ein Gewissen haben und denen ethisch korrekte Berichterstattung wichtig ist. Man mag das dann in der Zeitung oder am Sender nicht mehr wirklich bemerken, weil es leider Gottes nun mal so ist, dass man sich auch in dieser Branche irgendwann auf den dümmsten gemeinsamen Nenner einpendelt („Die anderen machen es auch, die anderen haben mehr Erfolg, also machen wir es auch!“ – ein widerliches Prinzip, ich weiss. Aber wo bitte kommt es nicht zum Tragen?). Ich wollte es aber nur mal erwähnt haben. Und in diesem Sinne einen alten Text aus dem Dings der Woche noch mal posten, der immer noch traurig, aber wahr ist:

91 Schüsse

Ich hatte mich am Vorabend bei der Lesung der Band Die Ärzte sehr amüsiert, ihre Biografie erstanden, sie mir signieren lassen und am folgenden Morgen eigentlich vor, mir mit dem Lesen dieses Buches einen faulen Tag zu machen. Irgendwann kurz nach halb elf kam der Anruf.

“Du musst herkommen, im Zuger Kantonsrat ist eine Bombe explodiert oder so!”

Es war dann ‘oder so’.

Ich arbeitete damals bei einem Zuger Lokalradio. Da ich in Zürich lebte und mit der Bahn unterwegs war, dauerte es rund 90 Minuten, bis ich beim Sender angekommen war. Vor Ort befanden sich bereits einige unserer Reporter, so dass ich zusammen mit dem Rest der Belegschaft im Studio stationiert wurde. Viele von uns, darunter auch ich, hatten mit der eigentlichen Berichterstattung bei unserem Sender gar nicht viel zu tun – unser Job bestand an diesem und den folgenden Tagen vorwiegend darin, anderen Medienbetrieben zu erzählen, was geschehen war. Denn sie riefen an. Alle. Ein Kollege gab ein Live-Interview bei CNN, während ich damit beschäftigt war, einem grossen kanadischen Radio in meinem besten Schulfranzösisch zu erklären, dass noch nicht sicher sei, ob es sich bei dem Attentäter um einen Polizisten oder Soldaten oder eher um jemanden in einer ähnlichen, selbstgemachten Uniform gehandelt habe. Man gab den anderen Medien laufend irgendwelche Informationen, nicht wissend, ob sie in fünf Minuten noch korrekt sein würden. Gleichzeitig versuchte man selbst, sich ständig auf den neusten Stand zu bringen, anderen Mitarbeitern Informationen weiterzugeben und immer immer ans Telefon zu gehen.

Und ab und zu atmete man tief durch und überlegte sich, ob denn jemand, den man gekannt hatte…

Ich kannte niemanden der Todesopfer persönlich. Ich arbeitete auch erst seit knapp zwei Monaten bei dem Sender und hatte vermutlich höchstens mal mit einem von ihnen telefoniert. Aber Zug ist ein kleiner Kanton, die meisten Mitarbeiter kannten jemanden, oder jemanden, der wiederum jemanden kannte…

Deswegen: Arbeiten, arbeiten. Nicht denken. Funktionieren.

Und irgendwann kickte das Adrenalin nicht nur so ein, dass ich einigermassen professionell bei der Sache war, sondern auch so, dass ich das Gefühl hatte: Du bist hier Teil von etwas Wichtigem. Und das ist das Kotzübelste am Newsjournalismus, das ist ein Grund, warum ich froh bin, nicht mehr in dieser Branche zu arbeiten – die Tatsache, dass man in den schlimmsten Momenten der Menschheit seine bedeutendste Arbeit zu leisten hat. Und ich weiss nicht, wie ich es ausdrücken soll, ohne dass es grausam, pietätlos und eben kotzübel klingt: Dass dies in einer total perversen Form dann auch die Momente sind, die einem fast befriedigend in Erinnerung bleiben. Oh Gott. Es klingt verdammt grausam, pietätlos und kotzübel. Weil es das ist. Und bitte, dass wir uns ja nicht falsch verstehen: Ich sagte fast befriedigend. Ich vermute, ein Grund dafür ist, dass diese Ereignisse eben das sind, wofür man ausgebildet wurde. Man erfüllt in diesem Augenblick die Aufgabe, die man erfüllen wollte. Eine weitere mögliche Erklärung ist die Grundsatzperversität des Menschen, der sich an schlechten Nachrichten fast bis zum Ergötzen nicht sattsehen kann. Man ist entsetzt, aber man guckt trotzdem weiter. Es ist zum Kotzen.

Möglicherweise bin ich auch einfach nur ein Schwein. Der Selbsthass kommt übrigens in solchen Momenten auch nicht zu kurz – der Gedanke “Mein Gott, bist du widerlich, dass du diesen Job gewählt hast” brennt sich im Hinterkopf ein. Vielleicht ist es auch nur ein Schutzmechanismus, dass man sich selbst schönreden will, was man gerade tut. Damit man es weiter tun kann.

Ich weiss es nicht. Ich will es nicht wissen. Ich gehe auch davon aus, dass niemand nachvollziehen kann, was ich meine.

Ich weiss aber, dass ich diesem Tag jedes Jahr mit Grauen entgegensehe, viel mehr als dem 11. September. Auch wenn es nicht mein Recht ist, zu trauern, zu leiden – denn ich habe niemanden verloren, ich war nur am Rand beteiligt. Es steht mir nicht zu.

Und meine Gedanken sind nicht bei den Opfern, sie sind bei den Hinterbliebenen. Bei den Überlebenden.

Bei einer der Überlebenden.

Flattr this!

Ein Gedanke zu “Die andere Seite (eine Gegendarstellung, quasi)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.