Die Lülülü-Schwesternschaft

Ich bin auf der Suche. Und zwar bin ich auf der Suche nach – und hier wird jeder, der etwas Ahnung von der Materie hat, in schallendes Gelächter ausbrechen – einem einigermassen vernünftigen Schwangerschaftsforum. Ja, ich weiss: Eierlegende Wollmilchsau.

Ich bin im Moment zwar in einem Schwangerschaftsforum regelmässig unterwegs, aber dort trifft man irgendwie nur die etwas irritierenderen Archetypen der schwangeren Frau an. Ich erläutere kurz.

– Die Ignorance is bliss-Schwangeren

Das sind diejenigen, die offensichtlich weder in der Lage sind, ein Schwangerschaftsbuch in die Hand zu nehmen (geschweige denn etwas darin nachzuschlagen), die mit Internetsuchmaschinen nicht zurechtkommen und die sich nicht trauen, ihren Frauenarzt auch nur die geringste Kleinigkeit zu fragen. Wären sie ein Tier, sie würden ganz klar zur Gattung Schildkröte gehören, die sich bei der Diagnose „Sie sind schwanger“ entsetzt auf den Rücken geworfen haben, jetzt nicht mehr hochkommen und in die Runde brüllen: „Hilfe, Hilfe – ich liege hier rum, kann bitte mal jemand für mich denken?“ Sie eröffnen wegen jeder Kleinigkeit einen neuen Thread, gerne ohne Punkt und Komma oder sonstiges Kontrolllesen hingeschludert, und ernten dann entweder eine riesige Runde Mitleid, zahlreiche „hilfreiche“ Tipps und – zum Glück, wie ich finde – auch ab und zu den gutgemeinten Rat, sich doch vielleicht mal selber zu informieren, welcher dann aber gerne mit „Wie, wo, wann, wieso, Hilfe, ich seh doch nix aus meiner Rückenlage“ beantwortet wird. Sehr beliebt übrigens ist hier übrigens die Frage: „Hallo, ich bin in der 40. Woche und mein Bauch tut total weh. Was kann das sein?“
Kurz: Es bringt gar nichts, die Fragen dieser Schwangeren zu beantworten, da sie gleich von weiteren, ähnlich leicht abklärbaren Fragen gefolgt werden. Für Mütter mit Kindern im „Warum?“-Alter sicherlich eine gute Übung, für alle anderen mehr so eine Aufgabe, die man sich für einen Moment aufspart, in dem man gerade mal wieder vor Mitgefühl für die ganze Welt nur so überfliesst.

– Die Citius, Altius, Fortius-Schwangeren

„Iiiiich war gerade beim Frauenarzt und mein Kind ist jetzt schon sooo gross und sooo lang und sooo schwer, wie war das bei euren Kindern in der soundsovielten Woche?“ Man ahnt es schon: Wenn das eigene Kind noch perfektere Werte hat als die von den Citius, Altius, Fortius-Schwangeren angegebene, will man sich in diese Diskussion gar nicht erst einmischen. Denn sonst sind sie a) beleidigt, weil das eigene Kind doch das perfekteste Kind überhaupt ist, oder sie wollen b) wissen, was man denn selbst so alles macht, dass das Kind so perfekt ist. Man ahnt es: Die Citius, Altius, Fortius-Schwangeren sind die werdenden Mütter, die ihr Kind mit Mozart beschallen, bevor es überhaupt hören kann, die sich bereits mehrsprachig mit ihm unterhalten, während es noch im Mutterbauch steckt, und die es jetzt schon im Superkindergarten für Superkinder angemeldet haben. Sie kennen alle Nährwerte auswendig und nehmen alle Präparate, und wenn sie gerade nicht im Pilates-für-Schwangere-Kurs sind, malen sie sich wohlig aus, wie ihr kleiner Carl Friedrich Amadeus später mal als Bundeskanzler den Nobelpreis für Chemie und Literatur entgegennimmt.
Auch hier: Man mag mit diesen Schwangeren nicht diskutieren. Denn sie hören nicht auf, bevor sie „gewonnen“ haben. Genau, weil es ja in der Schwangerschaft nur ums Gewinnen geht…

– Die Lülülü-Schwangeren

Nein, kein Winnie Puh-Shirt ist ihnen zu sehr Bärchenscheisse, keine Disney-Mädchen-Deko ist ihnen zu Prinzessinnenschmuh, und kein lächelnder Junge mit Augenklappe und Bartstoppeln ist zu sehr Piraten-Blabla. My Kinderzimmer is my castle, hier guckt mal, ich hab die Wände neu gestrichen, was meint ihr? Wie, ich bin erst in der achten Woche, na und? Ich. Bin. Schwanger. Ich. Kauf. Alles. Und es ist alles SO niedlich, guckt mal hier, Blüüüüümchen!!! Schmetterlinge!!!
Mal ganz ehrlich: Natürlich gibt es die Lülülü-Schwangeren, und zwar en masse, denn wer soll denn sonst den ganzen Kitschquatsch kaufen, den die ganzen Spezialgeschäfte so anbieten? Absolut wumpe, ob das Zeug fürs Baby verträglich ist, zu einigermassen anständigen Bedingungen hergestellt wurde oder sonstwie überhaupt brauchbar ist – wer schwanger ist, darf konsumtechnisch durchdrehen, und bevor das Kinderzimmer nicht vollgestopft ist, hört man nicht auf. Und wehe, man hat mal ein kritisches Wort über die Schwangerschaft an sich zu verlieren, dann kriegt man gleich einiges im Sinne von „Weiche von mir, Satan!“ zu hören. Übelkeit? Ist ein gutes Zeichen, bitte sehr!!! Müdigkeit? Auch!!! Das ist Alles. Total. Schön!!! Und das komische kleine affenähnliche Alien auf dem Ultraschall hat gefälligst ein total niedliches kleines Baby zu sein, wer über sein Kind etwas anderes behauptet, hat es ja mal gar nicht verdient, sich zu vermehren, also ehrlich! Wer sich über irgendwelche Schwangerschaftsbeschwerden negativ äussern möchte, tut das besser nicht, wenn eine Lülülü-Schwangere anwesend ist, denn uiuiui, dann ist es aus mit Lülülü-Getue, dann wird gefaucht, was das Zeug hält.
Wir folgern: Wenn man mit der Lülülü-Schwangeren reden will, im Zweifelsfall alles hübsch und toll finden. Und ja, diese Autoheckscheibenaufkleber in Comics-Schrift mit Cartoonbaby und „XXX auf Tour“ oder „YYY an Bord“ sind sowas von wahnsinnig süss, da spielen nur noch die Sonnenschutzautofensterdinger mit Disneymotiven in einer ähnlichen Niedlichkeitsliga…

– Die Übernimmt mal bitte wer anderes die Verantwortung?-Schwangeren

Sie sind den Ignorance is bliss-Schwangeren nicht unähnlich, allerdings sind sie durchaus in der Lage, sich bei ihrem Frauenarzt zu informieren, im Internet zu suchen oder in einem Schwangerschaftsratgeber etwas nachzuschlagen. Ihr Problem ist ein anderes: Sie sind jeweils gar nicht zufrieden, wenn ihnen Arzt/Google/Bücher etwas mitteilen, das sie ja nun gar nicht toll finden. Und dann muss man natürlich rumfragen, bis man jemanden findet, der das schon getan hat, wovon Arzt/Google/Bücher abraten. Sie wollen Salami essen? Klar, irgendjemand hat das während der ganzen Schwangerschaft getan und hatte keine Probleme damit. Ab und zu ein Gläschen Wein trinken wäre was Schönes? Jo, auch da gibt es genug Kandidatinnen, die damit keine Probleme hatten. Dito natürlich für den Besuch von Rockfestivals im neunten Monat. Irgendwo findet man ja sowieso immer jemanden, der einen quasi erlaubt, etwas zu tun, das man vielleicht nicht tun sollte. Und das wäre ja auch alles nicht problematisch, wenn die Übernimmt mal bitte wer anderes die Verantwortung-Schwangeren eben nicht genau nach dem Prinzip vorgehen würden, dass sie solche Entscheidungen nicht für sich selbst (quasi aus dem Bauch heraus, ha ha ha) treffen und mit sich selbst ausmachen, sondern dass ihr Modus Operandi der ist, sich jemanden zu suchen, dem dabei nichts passiert ist und sich dann daran festzuklammern und sich einzureden, dass ihr eigenes Verhalten ja ganz in Ordnung ist. Eigenverantwortung? Hm, habt ihr damit schon Erfahrungen gemacht, was sagt ihr dazu?
Diese Schwangeren sollte man einfach machen und fragen lassen, irgendwer wird ihnen dann ihre Pläne schon erlauben, und jegliche warnenden Worte werden eh ignoriert, das ist also verlorene Liebesmüh.

Oh, ich könnte endlos weitermachen. Wie gesagt: Vernunft und Schwangerschaft? Never the two shall meet. Und hey, ich nehme mich da ja selber nicht aus. Ich würde mich ungefähr so klassifizieren:

– Die Schwangere zwischen Alles easy und Aaaaargh

Ich hab mir anfangs ja Schwangerschaftsbuch um Schwangerschaftsbuch gekauft und ausgeliehen. Unzählige Schwangerschaftswebsites besucht. Alle Fragen in allen Schwangerschaftsforen dieser Welt durchgelesen. Und mittlerweile? Nun ja, ich gehe immer noch mit einer relativ langen, handschriftlichen Liste von Fragen zu jeder Vorsorgeuntersuchung. Wenn ich dann aber von der Frauenärztin die Antworten auf diese Fragen erhalte, dann hinterfrage ich sie nicht, bis sie mir in den Kram passen, sondern ich entscheide selbst, was ich damit anfange. Haarefärben in der Schwangerschaft sollte nicht sein? Gut, dann mussten die Haare halt ab, weil ich keinen Bock habe, mit zehn Zentimeter Ansatz durch die Gegend zu laufen. Kein Rohmilchkäse, keine rohen Fleischprodukte? Kann ich mit leben, muss ich aber zwischendurch darüber jammern, denn Salami, Landjäger und Co. vermisse ich schon sehr. Tabak und Alkohol sind keine grossen Versuchungen, und die Sache mit den Konzerten habe ich dann mit mir selbst so ausgemacht, dass ich mich vor der jetzigen 16. Woche auf die Gigs konzentriert habe, die mir wirklich wichtig waren, und ab jetzt geh ich halt nicht mehr hin. Klar hat es mich gewurmt, als ich am Samstag ein Ein-Tages-Festival früher verliess, weil mir ausgerechnet während der Band, die ich wirklich sehen wollte, alles zu viel wurde, aber für mich gibt es halt vor allem einen Leuchtturm, nach dem ich mich orientiere: Mich. Was mir mein Körper sagt. Und da bin ich halt dann wirklich kompromisslos egoistisch, wenn es sein muss, denn ich weigere mich, mir mehr zuzumuten, als möglich ist. Und mal ehrlich, der Egoismus hält sich da ja eigentlich in Grenzen, es geht vor allem um das kleine Leben in mir, dem ich einen möglichst guten Start bieten möchte. Ja, klar – manchmal muss ich mir selbst zureden, dass ich mich schone, weil ich es rein objektiv ja mal gar nicht einsehe, mich an einem schönen Wochenendnachmittag ins Bett zu legen, aber wenn ich dann keine kohärenten Sätze mehr hinkriege vor Müdigkeit, dann muss es halt sein. Und manchmal hadere ich extrem mit mir selbst, wenn ich etwas tun möchte, das halt nun mal nicht geht (Landjäger, anyone? Und ein Besuch im Europapark wäre auch mal wieder ganz nett…). Aber ich hab mir nun mal selber meine Grenzen gesetzt, und mit denen muss ich klarkommen, nicht irgendwelche anderen Schwangeren oder sonst der Rest der Welt. Ach ja, doch, der Mann und der Hund müssen damit leben, den Mann trifft es natürlich dabei härter – aber noch hab ich ihn nicht um zwei Uhr früh zur Tanke geschickt, also ist noch alles im grünen Bereich. Ähem.

Und klar zicke ich. Klar zweifle ich. Klar gibt es Momente, in denen alles doof ist. Finde ich es super, dass ich derzeit grundsätzlich zwischen drei und vier Uhr früh aufwache, weil mir fürchterlich übel ist, und dann jeweils zwei Stunden wachliege? Nee, sorry – auch wenn das alles natürlich sein mag und zur Schwangerschaft dazugehört, es nervt trotzdem ohne Ende. Ebenso wie das theoretische Wissen, dass man ab der 16. Woche tdas Baby vielleicht eventuell möglicherweise schon spüren könnte und ich jetzt bei jeder Blubberblähung genau in mich hineinhorche, ob das jetzt was anderes war, nur um dann feststellen zu müssen: Nee, war doch nur ein Pups. Und ja, natürlich würde ich mich am allerliebsten täglich zum Ultraschall begeben, aber nee, die nächste Vorsorgeuntersuchung ist bei der Hebamme in drei Wochen, da gibt es wieder Herztöne, der nächste Ultraschall ist in vier Wochen, und vier Wochen sind doch einfach eine Ewigkeit, und überhaupt, könnte sich der durchaus vorhandene Babybauch jetzt dann mal endlich durch die Speckschicht hindurchkämpfen?

Mir ist durchaus klar, dass wir hier ein Wunder erleben. Aber es ist nunmal ein Wunder, das seine Reifezeit braucht, und dass in neun Monaten nicht alles eitel Sonnenschein ist (und es danach erst recht nicht sein wird!), sollte man auch aussprechen dürfen. Und wenn man das in der Form von Gejammere machen will – hey, dann wird halt gejammert. Denn es ist ein Wunder, das einiges an harter Körperarbeit erfordert, und wenn ich mir derzeit wünsche, dass stets jemand mit einem „Achtung, Baustelle“-Schild vor mir herläuft, so ist das nur zu 85% als Witz gemeint.

Ach ja, ich hab übrigens erst ein Babyjäckchen gekauft, weil ich das vor Wochen schon gesehen hatte und es ausgerechnet an dem Tag, als ich die offizielle Bestätigung hatte, dass das erste Trimester abgeschlossen ist, auch noch runtergesetzt war. Wie das Kinderzimmer aussehen wird, weiss ich auch noch überhaupt nicht, aber wenn es nach mir geht, dann eindeutig eher nach Etsy als nach Baby Walz. Und auch wenn ich neulich in der Wanne Smetanas „Moldau“ gehört habe, so scheint der Krümel doch eher das Bedürfnis nach Jack Johnson, Nora Jones und ähnlicher Soft-Mucke zu haben. Keine Ahnung, wo das herkommt… (Ja, und Reamonn. Aber da weiss ich, wo das herkommt!)

Anders gesagt: Ich bin halt auch nur so eine Schwangere, die versucht, ihre Schwangerschaft zu geniessen, manchmal daran scheitert, anderen Leuten sicherlich deswegen öfters auf die Nerven geht, aber immer daran arbeitet, eine einigermassen angenehme – und Achtung, es folgt ein klassischer Schwangerschaftsforenbegriff – „Kugelzeit“ zu haben.

Ich hab keinen Ehrgeiz, das perfekte Baby zur Welt zu bringen.

Ich bin glücklich, wenn es gesund ist.

Ich bin dankbar, wenn es lebt.

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3 Gedanken zu “Die Lülülü-Schwesternschaft

  1. Hmm, gute Tips kriegst Du vermutlich genug und wahrscheinlich haste das eh schon ausprobiert, aber falls nicht – kennst Du Sea-Bänder? Hab ich persönlich noch nicht probiert, aber eine Bekannte schwört drauf (wenn auch bei Seekrankheit, aber hey, das unmittelbare Resultaat ist doch dasselbe *g*).

  2. Wahaha! So lustig! Ich meine natürlich nicht der pubertierende Hund und das Kotzgefühl, sondern der Text. Zu Übelkeit und Schwangerschaftsforen habe ich leider gar keine Tipps. Vielleicht einfach ohne Forum versuchen zu überleben?

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