Links und nett und pro Minarett

Erst mal ein Disclaimer vorweg: Ich sollte eigentlich meine Klappe halten, denn ich hab mir das Abstimmungsmaterial zwar mehrfach zurechtgelegt, dann aber jeweils gedacht „Mach ich bei Gelegenheit“. Und wie das so ist mit der Schwangerschaftsdemenz und der Hektik der letzten Wochen vor der Geburt… Nein, das ist keine Ausrede, ich weiss, ich hab bei der Ausübung meiner Rechte als Schweizer Bürgerin schlichtweg versagt und dürfte deswegen eigentlich keine Meinung zum Thema haben.

Den regelmässigen Leser wird es allerdings kaum überraschen, dass ich dennoch eine habe und diese auch kundtue.

Ich hätte natürlich Nein zum Minarettverbot und Ja zum Exportverbot für Kriegsmaterial gesagt – darf ich diese gescheiterte Initiative bei allem Entsetzen über die Minarettabstimmung bitte auch nochmal kopfschüttelnd erwähnen? Klar, irgendwie muss man ja Geld verdienen, und die Schweiz ist ja so ein armes Land… (und an wen hat man am meisten Material verkauft letztes Jahr? Pakistan. Pflugscharen zu Schwertern, Minarette zu Raketen oder so ähnlich. Ähem.)

Was mich gestern Abend unter anderem extremst anwiderte, war die entsprechende Diskussion bei Spiegel Online. Da kamen sie alle aus ihren Löchern gekrochen, die wahren Christen und Helden des Abendlandes, die sich ansonsten als unterdrückte, schweigende Mehrheit betrachten und froh über jede Gelegenheit sind, wenn wieder irgendwo irgendetwas in ihrem Sinne entschieden wird, damit sie endlich mal wieder ihre Parolen platzieren und gegen die Multi-Kulti-Gutmenschen und deren Blauäugigkeit wettern können. Ehrlich gesagt, ich weiss ja nicht, ob es sich dabei wirklich um die Mehrheit handelt, und ob sie wirklich so oft schweigt. Mir scheint eher, sie wird oftmals nicht verstanden, weil sie ihre Meinung vorwiegend durch Krakeelen und Geifern äussert.

Womit ich übrigens die andere Seite nicht in den Himmel loben möchte, denn da hört man gerne mal ebenso unsinnige Schlagwörter wie Pöbel, Unterschicht und ungebildet. Ach ja, und Bild-Leser. Genau, liebe Genossen im Geiste: Nehmt sie nur nicht ernst, die vermeintlich oder tatsächlich Blöden, das wird sie sicherlich beeindrucken und zum Schweigen bringen. Und nee, natürlich sollten solche Leute ihre Meinung an der Urne nicht kundtun dürfen, denn sie begreifen ja gar nichts und lassen sich blindlings von Angstkampagnen beeinflussen…

Mich deucht, es braucht keine Multikultur, um für Ärger in der Bevölkerung zu sorgen, da reicht die eigene Kultur schon vollauf aus. Klar, wer links wählt, ist automatisch intellektuell, wer rechts wählt ist automatisch doof. Oder, von der umgekehrten Warte ausgesehen: Wer links wählt, ist automatisch ein Landesverräter, wer rechts wählt, ein aufrechter Schweizer. Und die Mittewähler, das sind dann die durchschnittlich schlauen Halbschweizer? Ich weiss ja nicht.

Das Problem, das die Linken immer schon hatten und wahrscheinlich immer haben werden, ist nunmal die Tatsache, dass sie gerne mal auf einer rationaleren Ebene argumentieren als das rechte Spektrum. Und nein, es hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun, wenn dann jemand eher auf die Appelle ans Bauchgefühl reagiert, die seitens SVP und Konsorten propagiert werden. Bauchgefühl ist Bauchgefühl, und das übermannt manchmal auch den Cleversten. Eine Bedrohung wird nicht auf der logischen Ebene als Bedrohung wahrgenommen, da springt der Instinkt an, und da kann jeder gerne mit guten Argumenten kommen, die werden in dem Moment schlichtweg nicht gehört. Ja, ich finde es auch wahnsinnig nervig, wenn auf dieser Basis politisiert wird, aber es ist nun mal ein erfolgreicher Weg. Man frage einen gewissen Herrn George W. Bush…

Und nein, ich möchte in diesem Zusammenhang nicht mit dem Begriff „Populismus“ kommen, denn die Linke appelliert genauso ans Volk. Halt bloss an andere Bevölkerungsteile, die dann aber die entsprechenden Ansagen auch gerne mal bereitwillig schlucken. Wenn wir dem Klischee glauben wollen, sind das aber dann auch genau die Bevölkerungsteile, die gutes Geld für eine Darbietung der tanzenden Derwische bezahlen und sich dann für wahnsinnig multikulturell halten. Das sind dann nicht, um dem Klischee weiter treu zu bleiben, die Leute, die sich über die Jugendlichen nerven, die in ihrer Hochhaussiedlung rumpöbeln und aufgrund ihres Akzents ja sowieso irgendwo herkommen, wo man nicht ans Christkind glaubt. Wer sich da vom Islam eher bedroht fühlt, kann man sich vermutlich selber ausrechnen…

Überhaupt, „der Islam“. Das ist doch auch so ein toller Begriff. So gesichtslos und folglich böse. Ist ja auch eine gewalttätige Religion, diskriminierend und mittelalterlich. Ist ja auch knapp 600 Jahre jünger als das Christentum. Wie war eigentlich das Christentum als gesichtslose Religion so vor 600 Jahren? Eben. Aber hey, das ist etwas ganz anderes, die haben gefälligst schneller zu lernen als wir. Und überhaupt, die lassen uns in ihren Ländern auch keine Kirchtürme bauen. Weil „Quid Pro Quo“ und „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ja schon immer Maximen waren, mit denen man die Welt weitergebracht hat. Was, wie war das? Sogar Jesus hat gesagt, dass die Sache mit Auge und Zahn veraltet ist? Neenee, hat er sicher anders gemeint.

In der Schweiz gibt es bisher vier Minarette. Und fünf Kernkraftwerke. Ich persönlich weiss ja, wovon ich mich eher bedroht fühle, aber nun gut. Da gibt es natürlich keinen Zusammenhang. Also, ausser dass „der Islam“ sicherlich die Kernkraftwerke eher ins Visier nehmen wird als die Minarette, wenn er dann mal seine grossen, bösen Welteroberungspläne in die Tat umsetzt. Weil er ja eine gefährliche Religion ist. Das Christentum würde so etwas nie tun. Müssemer au net, hammer schon mal.

Aber ich werde populistisch und ziehe die Ängste der Leute ins Lächerliche, nicht wahr? Und das ist eben genau der Fehler, die Gefahr und das Problem. Man sollte lernen, auf einer Basis zu diskutieren, auf der auch vermeintlich lächerliche, unhaltbare, in der Gefühlswelt verankerte Befürchtungen ihren Platz haben, denn wenn man dies nicht zulässt, wird es umso schwieriger, sie zu zerstreuen. Und die Diskussion wird für den Teilnehmer schnell frustrierend, der kaum Argumente mitbringt ausser „Ich empfinde das halt so“ – ein Gefühl, dass sicherlich alle nachvollziehen können. Auch die linksnetten Multikultiderwischtanzgucker.

Wie man das hinkriegen könnte, ist mir allerdings ein Rätsel. Vielleicht hilft Beten. Aber um Himmels Willen nicht fünfmal am Tag via Lautsprecher, gell?

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Ein Gedanke zu “Links und nett und pro Minarett

  1. Das Problem, das die Linken immer schon hatten…rationale Ebene argumentieren…
    Aha jetzt verstehe ich warum Dr. jur. Otto Marti geb. 1897 mit seinen Frühzeitforschungen von den Historikern ignoriert wird. Er war in seiner Frühzeit „Kommunisten Fan“ und die kamen damals gerade in die Gänge.
    Zu den Minaretten kein Kommentar 🙁

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