It’s the Springhart Show!

Willkommen in meinem derzeitigen Tagesablauf – einige Dinge muss ich dieser Szene vorausschicken bzw. dem Leser in Erinnerung rufen, damit ich sie nicht während des Schauspiels erklären muss.

1. Wir sind umgezogen und wohnen jetzt in der kleinsten selbstständigen Gemeinde Baden-Württembergs. Sprich: Im hingerschte Chrache vom Schwarzwaud.

2. Hier gibt es keinen ÖV. Ich hab immer noch keinen Führerschein.

3. Nibbler hat draussen nicht das geringste Problem mit Treppen. In Gebäuden allerdings verweigert er sich jeglicher Treppe.

4. Wir wohnen hier auf zwei Etagen.

5. Ich erhole mich immer noch von meinem Kaiserschnitt (nein, kein Wunschkaiserschnitt, musste sein, ist aber eine andere Geschichte) und kann folglich keinen 12-Kilo-Hund die Treppe rauf und runter tragen.

6. Das ist ein Problem.

Als Hintergrundmusik stellen wir uns am besten die Benny Hill-Titelmelodie vor. Teilnehmer: Meine Wenigkeit. Stargast: Nibbler Springhart. Und in seiner ersten Brech-, äh, Sprechrolle: Bastian Springhart.

Dienstagvormittag, 9:26.

Nibbler: Muddiaufstehn!
Ich: Nibbler, Mutti war von halb vier bis halb acht wach, Bastian füttern und zum Schlafen kriegen. Mutti war gestern früh von drei bis sieben wach, Bastian füttern und zum Schlafen kriegen. Mutti ist tagsüber grundsätzlich mit zwei Dingen beschäftigt: Bastian füttern und zum Schlafen kriegen.
Nibbler: …und Nibbli ignorieren und quälen! Jawollja!
Ich: Nibbler, das stimmt nicht. Ich tu mein Möglichstes, damit du beschäftigt, vollgefressen und glücklich bist, und Vati auch, und ausserdem wohnen hier noch Bastians Oma und Opa und sein Onkel, die kümmern sich auch um dich. Also bitte.
Nibbler: Keiner hat Nibbli lieb!
Ich: Wir haben dich alle lieb, aber im Moment kann sich Bastian halt noch gar nicht um sich selbst kümmern, deswegen kriegt er nun mal eine Weile ein bisschen mehr Aufmerksamkeit als du.
Nibbler: Sag ich doch – keiner hat Nibbli lieb!
Ich: Gnaaah. Ich steh ja schon auf.
Nibbler: Hurra, raus raus raus!

Mutti geht zur Terrassentür und öffnet sie.

Ich: Hier bitte.
Bastian (im Schlafzimmer): Miep. (Übersetzung: Ich werde langsam wach und fange gleich an zu brüllen)
Nibbler (entsetzt): Was soll ich da draussen? Ich sag’s ja, keiner hat Nibbli lieb, raus in den Schnee soll ich, die Welt ist ein Jammertal…
Ich: Nibbler, raus.
Bastian: Möp. (Gebrüll beginnt in 3… 2… 1…)
Nibbler: Na gut, Mutti. Weil du es sagst, gehe ich raus. In die Kälte. In den Schnee. Weil ich der brave Nibbli bin. Den keiner lieb hat. Trübsal!
Bastian: RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!
Ich: Bastian, ich komme!

Mutti geht ins Schlafzimmer und schnappt sich den Buben. Ab ins Bad zum Wickeln.

Bastian: RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!
Ich: Ja, Bastian, ich weiss, du hast Hunger, aber Wickeln muss sein. Uah, Himmel, die Windel ist ja bumsvoll…
Bastian (mit den Füssen wedelnd): RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!
Ich: Bastian, Vorsicht, gleich landest du mit den Füssen in der…
Bastian: RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!
Ich: …Kacke. Hurra. Okay, wischen wir die Füsschen auch noch ab. Halt, stillhalten, sonst…
Bastian: RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!
Ich: …krieg ich die Kacke ab. Und oh, da ist ja auch was an deiner Wade. Na gut, jetzt aber mal das Hinterteil.
Bastian: RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!
Ich: So, und jetzt die frische Windel. Guck mal, ist das nicht fein, so sauber zu sein?
Bastian: RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!
Ich: Und jetzt ziehen wir die Hose und das Shirt an. Erst das Shirt…
Bastian (besitzt plötzlich acht Arme, und jeder vollführt eine andere Bewegung): RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!
Ich: Äh, erst das Shirt…
Bastian: (besitzt jetzt 16 Arme) RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!
Ich: Okay, wir ziehen dir einfach wieder einen Strampelanzug über den Body, ist ja schon gut… Grummel.
Bastian: RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!
Ich: Und jetzt musst du nochmal schnell ins Bettchen zurück, ich bring mal schnell die Stillsachen runter und lass Nibbler rein.

Bei der nun folgenden Szene ist Bastian stets im Hintergrund aus dem Schlafzimmer zu hören („RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!). Mutti geht die Treppe runter und guckt zur Haustür raus. Kein Nibbler. Mutti geht zur Wintergartentür und guckt raus. Kein Nibbler.

Ich: What the…? Der ist doch nicht immer noch… der wird doch nicht…

Mutti geht die Treppe rauf und entdeckt Nibbler draussen vor der Terrassentür, erstarrt in der Haltung, die er beim Rausgehen eingenommen hatte. Hurtig öffnet sie die Tür, und Nibbler stakst rein.

Nibbler (schlotternd): Nibbli… hat’s… ja… gesagt: KEINER HAT NIBBLI LIEB!!!
Ich: Nibbler, es tut mir leid, aber sonst gehst du doch auch immer aussenrum raus… komm mal her, du armes Ding!
Nibbler: Fass Nibbli nicht an, Teufelsweib!

Nibbler fängt an, wilde Kreise um Mutti zu rennen. Draussen hat er sich ausserdem das Auge rausgepopelt (Springhart-Jargon dafür, dass die Nickhautdrüse sich rausgeschoben hat, harmlos und leicht mit dem Daumen zu beheben, sieht aber total schlimm aus), lässt sich das jetzt aber aus Prinzip nicht richten.

Ich: Nibbler…
Nibbler: KOLLER!!! RUMSPINNEN!!! VOM WAHNSINN UMZINGELT!!!
Ich: Nibbler!
Nibbler: DEM ZUSAMMENBRUCH NAH!!! DIE NERVEN, DIE NERVEN!!! ALLES SCHLIMM!!!
Ich: Äh, ja.

Mutti setzt sich hin, damit Nibbler sich beruhigt. Nibbler beruhigt sich.

Nibbler: Oh, hallo Mutti. Küsschen?

Nibbler beginnt Mutti abzuschlabbern. Mutti versucht, Nibblers Auge zu richten, worauf Nibbler entsetzt zurückschnellt und wieder mit dem Rumgerenne beginnt.

Nibbler: VERZWEIFLUNG!!! PANIK!!! KATASTROPHE!!!

Nibbler rennt ins Wohnzimmer, Mutti macht die Tür hinter ihm zu.

Ich: Nun gut. Bringen wir erst mal den Buben runter, ohne dass Nibbler uns zu Fall bringt.

Mutti geht ins Schlafzimmer, nimmt Bastian hoch („RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!“), trägt ihn die Treppe runter („RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!“) und legt ihn unten in die Wiege („RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!“).

Ich: Bastian, bleib mal schön hier, ich lass schnell den Nibbler aus dem Wohnzimmer…
Bastian: RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!

Mutti geht die Treppe hoch und öffnet die Wohnzimmertür.

Nibbler: ENTSETZEN!!! GRAUSAMKEIT!!! RUFT AMNESTY!!!
Ich: Nibbler, in deinem Fall wäre das Tasso, nicht Amnesty.
Nibbler: TASSO!!! TASSO!!! TASSO!!!
Bastian (von unten): RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!
Ich: Ich geb jetzt erst mal dem Bub die Brust. Bleib halt oben.
Nibbler: EMPÖRUNG!!! ZETERN!!! KREI-
Ich: Jaja.

Mutti geht runter und füttert Bastian.

Bastian: RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖhmpf. Nom Nom Nom.
Nibbler (von oben): WUFFWUFFWUFFWUFFWUFFWUFF!!!

Zehn Minuten voller WUFFWUFFWUFFWUFF!!! später. Bastian hat erst mal genug von der einen Brust.

Ich: Basti, ich geh jetzt hoch und versuch nochmal, den Hund zum Runterkommen zu bewegen. Ich leg dich also erst mal in die Wie-
Bastian: RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!

Mutti legt Bastian in die Wiege, schnappt sich eine Handvoll Leckerli und geht hoch.

Nibbler: WUFFWUFFWUFF!!! QUALEN!!! SCHÄNDUNG!!!
Ich: Nibbler, guck mal. Leckerli.
Nibbler: LECKERLI!!!
Ich: Lass mich mal dein Auge wieder reinpopeln.
Nibbler: LECKERLI?!?
Ich: Hier. Grummel.

Mutti macht Nibblers Auge wieder rein. Dann öffnet sie die Terrassentür, klettert unter dem Vogelnetz durch und bahnt sich zwischen diversen Hundehaufen unterschiedlichen Alters einen Weg durch den Schnee. In offenen Hausschuhen.

Ich: Notiz an mich, die Hundehaufen bei Gelegenheit mal wegräumen.
Nibbler (vorsichtig hinterhertapsend): LECKERLI?!?!
Ich: Ja, guck, Leckerli, da so Richtung Aussentreppe.

Mutti wirft diverse Leckerli in die generelle Richtung der rumpeligen Aussentreppe und wartet, bis Nibbler auf Leckerlisuche in ebendiese Richtung verschwindet. Dann geht sie wieder rein, die Treppe runter, durchs Esszimmer (Bastian: „RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!“) in den Wintergarten und raus in den Schnee. In offenen Hausschuhen.

Ich: Nibbler, komm mal runter jetzt!
Nibbler (von oberhalb der Treppe): LECKERLI?!?!
Ich: Ja, okay, hier.

Mutti wirft diverse Leckerli in Nibblers generelle Richtung. Nibbler bequemt sich die Aussentreppe runter und flitzt dann an Mutti vorbei rein durchs Esszimmer (Bastian: „RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!) in die Küche.

Nibbler: Frühstück?
Ich: Na gut.

Mutti füllt Nibblers Wasser- und Futternapf.

Nibbler: Iiiih, Trockenfutter. Bäh. Leckerli?!?
Ich: Nee, jetzt wird Bastian gefüttert. Du hast hier Frühstück.

Mutti nimmt Bastian aus der Wiege („RÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!“), legt ihn an und stillt ihn. Plötzlich hüpft Nibbler neben sie aufs Sofa.

Nibbler: Leckerli?!?!
Ich: Grmpf. Jaaaaa, ich hab noch welche in der Hosentasche. Aber nur wenn du brav bist.
Nibbler: Nibbli ist IMMER brav. Nibbli wird nur MISSVERSTANDEN!!!

Also kriegt Nibbler ein paar Leckerli, während Mutti Bastian stillt. Dann:

Ich: Nibbler, die Leckerli sind alle.
Nibbler: TOD!!! VERDERBEN!!!
Ich: Nee, wirklich.

Nibbler springt vom Sofa, wirft sich zu Boden, steckt seinen Kopf zwischen seine Pfoten und macht grosse Augen.

Nibbler: Nibbli weiss jetzt, was mit ihm los ist.
Ich: Was denn, Nibblerchen?
Nibbler: NIBBLI HAT POSTNATALE DEPRESSION!!!
Ich: Äh, nein, ich denke nicht.
Bastian: SchmatzmampfbähähähääÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄH!!!
Ich: Na komm Basti, Rülpsen.

Mutti hebt Bastian hoch an ihre Schulter. Bastian verteilt Milchspucke gleichmässig auf ihrer Jacke.

Bastian: RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!
Nibbler: DEPRESSIOOOOOOOOOOOOOOOOOOON!!!
Ich: Arglbargl. Ich muss hier weg. Moment. Ich komm hier nicht weg.

Mutti kann sich nicht entscheiden, ob sie jetzt „RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖHR!!!“ oder „DEPRESSIOOOOOOOOON!!!“ brüllen soll, als Bastian ihr ein schiefes Lächeln schenkt. Nibbler ist inzwischen eingeschlafen und kuschelt sich mit zufrieden zerknautschter Miene in den Teppich.

Ich: Kruzitür… Verfl… Bastian… Nibbler… Ihr verd… Ach, jööööööööööööh, wie niedlich. Grummel.

Will sagen: Ich komm hier zu nix. Nicht zum Kisten entpacken und Zimmer einräumen, nicht zum Haushalt erledigen, nicht wirklich zu geregelten Mahlzeiten und schon gar nicht zum Schlafen. Also auch nicht zum Mails beantworten, Dankes- und Geburtskarten verschicken, SMS beantworten und so weiter, und so fort. Und blogtechnisch muss das hier erst mal reichen – wer sonst gerade etwas wissen will, frage bitte hier.

Und ja, verdammt. Wenn es dich einmal anlächelt.

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