D-Days

Ja, ich finde Gwyneth Paltrow’s GOOP-Newsletter auch eher auf eine „Ja nee, is klar“-Art und Weise amüsant. Aber neulich hat er mich ziemlich kalt erwischt.

Das Thema: Postpartale Depression. Ja, hier. Ich. Auch wenn es bei mir keine rein durch die Geburt ausgelöste Problematik sein dürfte, sondern ein schon lange vorhandener Lebensbegleiter, der nun endlich diagnostiziert wurde.

Mich betrifft sie Gott sei Dank bei Weitem nicht so schlimm wie viele andere, und ich habe das Glück, dass ich hier auf dem Berg ein interfamiliär soziales Auffangnetz besitze, das es mir ermöglicht, Stressmomente unter anderem so zu bewältigen, dass ich Bastian mal kurz eine Runde abgeben kann, um selber wieder durchatmen zu können. Zumindest bis ich hoffentlich in absehbarer Zeit dank meiner mittlerweile angelaufenen Therapie solchen Stressmomenten besser begegnen und sie bewusst auffangen kann.

Klar, manchmal schleicht sich die Depression immer noch lautlos von hinten an und drischt mir ihre Keule auf den Kopf. Und dann fängt das Gedankenkreisen an.

Letzte Nacht, als ich nach dem Stillen nochmal kurz online ging, bedurfte es einer unwesentlichen Kleinigkeit, und schon fühlte ich mich zurückgesetzt, übersehen, ungeliebt. Eine Situation, der ich aufgrund der Themen, die ich derzeit mit meinem Psychologen bespreche, ziemlich hilflos und noch emotionaler als sonst ausgeliefert bin. Der Dialog, der in meinem Kopf dann beginnt, ist so vorhersehbar wie unschön – wer mit sich selbst spricht, und sei es auch nur innerlich, weiss ja sowieso bereits, was er sagen wird. Und trotzdem: Es lässt sich nicht stoppen. „Da! Da war jemand gemein zu mir!“ – „Quatsch. Das hat nichts mit dir zu tun. So wichtig bist du auch wieder nicht.“ – „Doch wohl! Aber ich hab’s ja auch nicht besser verdient.“ – „Wie jetzt?“ – „Ich habe ganz bestimmt etwas Schlimmes getan oder eine Hilfestellung unterlassen, so dass dieses Verhalten mir gegenüber gerechtfertigt ist!“ – „Da verhält sich niemand… du hast nicht… Hallo, Logik? Rationales Denken? Irgendwer zuhause?!“

Die Stimme der Vernunft, von der ich weiss, oh ja, nur zu gut, dass sie Recht hat – sie verhallt ungehört in diesen Momenten. Und wenn sie doch mal aus den Untiefen des Unterbewusstseins auftaucht, dann wird sie mit einem verzweifelten „Ich weiss ja, dass ich auf dich hören sollte, ABER ICH KANN NICHT!“ niedergebrüllt.

Schlaflosigkeit, Selbstvorwürfe, zerknülltes, verheultes Klopapier in Ermangelung von Taschentüchern.

Einschlafen bei Morgendämmerung, den Kleinen weinen hören, und schon geht es wieder los. „DER KLEINE WEINT!“ – „Sein Vater kümmert sich um ihn.“ – „DER KLEINE WEINT IMMER NOCH! SCHLECHTE MUTTER!“ – „Sein Vater kann sich jetzt genau so gut um ihn kümmern wie ich, er muss gerade nicht gestillt werden, alles andere kann sein Vater auch übern-“ – „SCHLECHTE MUTTER SCHLECHTE MUTTER SCHLECHTE MUTTER SCHLECHTE MUTTER!!!“

My house was a mess. I believed I was a terrible dog owner. […] And worst of all, I definitely felt I was a rotten mother–not a bad one, a rotten one.

Womit wir wieder bei GOOP wären und dem Teil des Newsletters, der mich ordentlich durchgerüttelt hat. Ich auch, Bryce Dallas Howard, ich auch.

Die letzte Nacht ist vorbei, ein Kind, dass sich einem weinend in die Arme drängt und sich gleich darauf seufzend entspannt und ein Hund, der sich einem freudig vor die Füsse wirft, wirken wahre Wunder, was die Frage angeht, ob man denn überhaupt auch mal etwas richtig macht.

Sie werden seltener, diese Momente, und mittlerweile kann sich die Stimme der Vernunft auch öfter Gehör verschaffen, und sei es derzeit nur, weil sie auch von aussen Bestätigung erhält, dass sie die Wahrheit spricht. Irgendwann wird es mir möglich sein, ihr auch ohne diese Versicherungen anderer zu vertrauen. Hoffe ich. Und kämpfe.

(Für mich gerade eine entscheidende Erkenntnis, dass es vorangeht: Ich wollte noch eine Rechtfertigung schreiben, weswegen ich so etwas Intimes überhaupt hier thematisiere, aber dann dachte ich mir: Fuck it. Mein Blog. Lest was anderes, wenn es euch nicht passt.)

(Und dann gleich die Erkenntnis, dass ich es aber trotzdem noch nötig habe, den obenstehenden Absatz zu schreiben. Nun ja. Einzelne Schritte in die richtige Richtung ergeben schlussendlich auch einen Weg…)

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2 Gedanken zu “D-Days

  1. jeder Schritt und sei er noch so klein, der in die richtige Richtung geht, bringt dich vorwärts und ist ein wichtiger Bestandteil des Weges den du gehen willst.
    Ich bewundere deine Kraft und Entschlossenheit, mit der du diese Schritte tust.
    Du wirst noch einige solcher Nächte erleben müssen, aber jede dieser Nächte die du besiegst, macht dich stärker und sicherer.

    Du darfst auch mal versagen, aber niemals aufgeben…

  2. Genau! Kopf hoch, Ohren steif und immer weiter kämpfen! Und falls einmal ein schwacher Moment kommt, sind immer noch deine Freundinnen da für dich. 🙂

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