Grönergate oder die Sache mit den persönlichen Grenzen

Wurde ja – gefühlt zumindest – bereits einmal quer und wieder zurück durch die deutsche Blogosphäre geschickt, aber ich habe dazu auch noch eine Meinung. Hab ich ja immer. Bitte auf den Link klicken und nachlesen, ich mag nicht zusammenfassen und fände es auch unangebracht, da meine Zusammenfassung sicherlich auch nur vor Interpretationen strotzen würde – und das muss ja nicht sein, also empfehle ich die ungefilterte Version. Und die beiden Einträge mit Reaktionen hier und hier.

Es ist doch so: Jeder hat seine eigenen Grenzen. Und meistens merkt man erst hinterher, dass diese soeben überschritten wurden. Was dann wiederum zur Folge hat, dass man dem Eindringling nicht zu dem Zeitpunkt die Meinung geigen kann, wenn er das eigene Territorium ungebeten betritt, sondern ihm diese erst hinterherbrüllen kann, wenn er bereits wieder in den Sonnenuntergang reitet. Bei mir zumindest ist das so, und ja, natürlich wollte ich, das wäre anders, aber auch das ist wie so vieles im Leben ein langer Prozess des Erlernens. Insofern kann ich das Unverständnis mancher Leute (ich sage hier bewusst nicht „Männer“, denn dieses Unverständnis ist durchaus geschlechterübergreifend) bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, denn wer sich behaupten und durchsetzen kann, der versteht natürlich nicht, dass jemand nach so einer Begegnung, wie sie Anke erlebt hat, „flennend an der Tastatur sitzt“. Oder es gar wagt, eine Beschwerde zu tippen. Kann man ja alles von Angesicht zu Angesicht klären, nicht wahr?

Nee. Nicht alle von uns. Nicht immer. Ich erläutere das mal aus zwei Sichtweisen, die mir wohlbekannt sind.

Einerseits bin ich ja nun auch eine Frau. Und es mag sein, dass ich dahingehend konditioniert bin, dass mir die fiesen kleinen, scheinbar zufälligen sexuellen Übergriffe im Alltag deswegen eher auffallen, oder es mag auch sein, dass ich diese Übergriffe aufgrund meines Geschlechts eher als unerwünschte Machtspielchen erlebe, auch wenn sie von meinem männlichen Gegenüber gar nicht so gemeint sind. Aber auf jeden Fall ist es so, dass auch ich immer wieder die schlechte Angewohnheit habe, so etwas zu überspielen, unkommentiert stehenzulassen und weiterzumachen, als ob nichts gewesen wäre.

Sei es nun jemand, der sich dicht an einem vorbeidrängelt, obwohl in alle Richtungen mehr als genug Platz zum Vorbeigehen wäre – sehr beliebt mit zusätzlichem Vorschieben der Hüfte, damit man das Gemächt an der Frau reiben kann. Jemand, der die Rolltreppe hochfährt, während man selber runterfährt, und einem beim Vorbeifahren bewusst über die Hand streichelt. Oder jemand, der einem im Bus unverhohlen in den Ausschnitt guckt. Für mich sind das Situationen, in denen Grenzen überschritten werden, die ich mir selber gesteckt habe. Es sind aber gleichzeitig auch Situationen, die so alltäglich scheinen, dass man deswegen kein Aufhebens machen mag. Oder was genau sollte man da sagen? „Ey, du Arsch, rubbel deinen Schwanz woanders“? „Starr mir nicht auf die Titten, du Ekel“? Oder auf der Rolltreppe kehrt machen und dem Typen die Hölle heiss machen?

Nee. Die traurige Wahrheit, so unschön sie ist: Ich kriege da gerne mal den Gedanken, dass sich das schlichtweg nicht lohnt. Ist das jetzt aus einem feministischen Blickpunkt gesehen beschämend? Höchstwahrscheinlich ja. Wenn ich mich schon über so etwas beschwere, dann sollte ich auch alles unternehmen, damit es aufhört. Ansonsten passt ja irgendwie der Stempel „Opferrolle“. Und ja, die Hilflosigkeit, die ich in solchen Momenten empfinde, ist sicher etwas, das zu dieser Schubladisierung passt. Dito das Empfinden, dass ich die Schuld auch bei mir suche: Hätte ich mal etwas weniger tief Ausgeschnittenes angezogen… Jaja, sie wollte es doch auch, gell.

Und so sinniere ich hin und her, und wenn ich mich nach dem ganzen innerlichen Abwägen der möglichen Vorgehensweisen für irgendeine Methode entschieden habe, ist der Täter wie gesagt schon so lange weg, dass es eh keine Rolle mehr spielt. Was natürlich für mich auch die bequemste Alternative ist, allerdings aber auch zur Folge hat, dass ich mir ebendiesen Vorwurf, dass ich ja selber schuld bin, wenn sich nichts ändert, durchaus gefallen lassen muss. Abgrundtiefer Seufzer.

(Es entbehrt nicht der Ironie, dass das Tippen dieses Blogeintrags gerade durch das Klingeln des Paketboten unterbrochen wurde. Schwiegermama war aber schneller an der Tür als ich, insofern kann ich über das Übergabeverhalten des Herrn nicht urteilen.)

Andererseits stösst man aber auch nicht immer auf einhelliges Lob, wenn man sich dann beschwert. Siehe Anke. Und sorry, das sehe ich dann wiederum gar nicht ein. Flirtversuche im Berufsleben sind eine Sache – kommt vor, kann passieren. Aber das, was der Herr da gemacht hat, würde auch ich nicht als Flirtversuch einordnen, zumindest nicht als gelungenen Flirt. Auch für mich ist das eine Überschreitung von Grenzen, eine in Ausübung der dienstlichen Pflicht noch dazu, also halte ich eine Beschwerde beim Arbeitgeber für durchaus gerechtfertigt. Und das hat nichts mit einem vermeintlichen Rachefeldzug einer vergrätzten Dicken zu tun, die einem Unschuldigen eins auswischen will, nur weil sie es nicht auf die Reihe kriegt, ihn direkt im Moment des Übergriffs zur Räson zu bringen.

Womit ich bei der zweiten Sichtweise wäre, der für mich weitaus Schmerzhafteren übrigens. Der Aspekt der Dicken. Ja, mag sein, dass ich das auch noch in „dicke Frau“ runterbrechen sollte, weil dicke Männer das nicht so erleben – glaube ich aber nicht zwingend. Diese Debatte, dass dicke Männer es leichter haben als dicke Frauen, ist meines Erachtens zu pauschalisierend und heutzutage im Zeitalter der Waschbrettbäuche und Metrosexualität auch veraltet. Dicke Männer mögen vielleicht mit (geringfügig) anderen Problemen kämpfen als dicke Frauen, aber ich empfinde es nicht so, dass sie es leichter haben als die weiblichen Übergewichtigen.

Als Dicke habe ich in unserer Gesellschaft ein gewisses Bedürfnis an Unsichtbarkeit – ich weiss um meinen „Makel“ und mir ist auch klar, dass er für alle anderen klar ersichtlich ist, also versuche ich gerne mal, alles dafür zu tun, dass ich ansonsten nicht zu sehr hervorsteche. Nicht zu schrill sein, nicht zu laut sein, nicht zu sehr protestieren. Denn die Angst schwingt immer mit, dass ich (habt ihr eigentlich irgendeine Ahnung, wie viel lieber ich hier das unpersönliche „man“ verwenden würde, damit ich mir nicht eingestehen muss, dass ich hier über mich schreibe?) mangels anderer Information über meine Person dann gleich als „die Dicke“ abgestempelt werde. „Die Dicke da lacht zu laut“, „Die Dicke da trägt aber etwas sehr Unvorteilhaftes“, „Die Dicke da isst was“ (oh schlimmstmögliches Vergehen aller Übergewichtiger – Essen in der Öffentlichkeit!). Anders gesagt: Ich möchte nicht auf das Augenscheinliche reduziert werden und muss zumindest für mein Empfinden deswegen mehr als andere Leute darum kämpfen, dass ich auch als Person hinter dem Fett wahrgenommen werde.

Auftritt des Klischees der gemütlichen und lustigen Dicken. Hey, guckt mich an, ich mache zwar optisch nichts her, aber ich besitze eine einnehmende Persönlichkeit! Ich bin witzig! Ich bin intelligent! Ich bin… nee, sorry, ich bin kein Übungsplatz für Anmachmethoden, nur weil ich aufgrund meines Aussehens ja eh verzweifelt und unbegattet sein muss. Ja, auch da gibt es Grenzen, und das Ziehen dieser Grenzen ist noch einiges schmerzhafter und langwieriger zu Erlernen als das Abstecken meines Privatterritoriums als Frau. Und die Kommentare zu Anke Gröners Erlebnis, die in diese Richtung zielen, hauen in eine Kerbe, die schon viel zu viele Hiebe abbekommen hat. Und jeder einzelne davon ist nicht nur frauen-, sondern menschenfeindlich. Das hat nichts mit Opferrollen zu tun, ob sie nun selbstgewählt oder aufgebürdet sind, das ist schlichtweg unter aller Sau.

Wir Dicken stecken so einiges ein. So einige von uns wären vermutlich nicht ganz so schwergewichtig, wenn sie dies nicht fraglos getan hätten (Ich! Hier!). Und ja, persönliche Grenzen sind ein diffuses Thema, weil sie jeder für sich selbst definiert und diejenigen des anderen nicht immer nachvollziehen kann. Aber wer eine solche Situation, wie Anke sie erlebt hat, mit einem „Armes Opfer, versteckt sich hinter ihrer fraulichen Schwäche und sollte froh sein, dass überhaupt jemand mit ihr flirtet, die dicke Sau, und dann auch noch beschweren, der arme Paketbote kriegt jetzt Ärger wegen einer frustrierten Emanze“ abtut… nun ja. Der reibt vermutlich auch sein Gemächt im Vorbeigehen am Arsch einer Unbekannten. Hat sie ja so gewollt.

Und falls jemand noch eine Quintessenz dieser ganzen Abhandlung braucht: Ich könnte mal wieder kotzen.

(Den Witz, dass eine Runde Kotzen meine Figur sicher nur verbessern würde, mache ich schon mal prophylaktisch, denn einerseits ist Selbstironie bis zum Gehtnichtmehr ja bekanntlich auch Dickenpflicht, und andererseits erfülle ich damit auch das Opferklischee, dass ich negative Kommentare am besten dadurch verhindere, dass ich sie selber zuerst anbringe.)


(Ach ja. Fat acceptance. I’m working on it…)

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.