Mehr Freizeit für den Freiherrn

Bis zuletzt hat er es nicht kapiert, nicht wahr? Bis zuletzt waren andere schuld, bis zuletzt waren es die bösen Medien, und bis zuletzt maßte er sich an, gefallene Soldaten für seine Zwecke zu instrumentalisieren. So nicht, Herr Freiherr. So nicht.

Und dabei hätte er höchstwahrscheinlich einiges retten können – gut, den Doktortitel nicht, dafür hat nicht zuletzt das Guttenplag-Wiki gesorgt. Aber den Job als Verteidigungsminister? Meine Vermutung ist, dass zu Guttenberg sich den hätte erhalten können, wenn er a) früher beziehungsweise b) überhaupt irgendwann mal klipp und klar gesagt hätte: „Leute, ich hab Scheiße gebaut. Sorry, echt.“ Aber nein, stattdessen hörten wir wieder und wieder Variationen von „Ich bin mir keiner Schuld bewusst, aber meine Güte, wenn euch so vie daran liegt, dann bitte sehr: Tuuuuut mir leid! Können wir jetzt weitermachen? Ist doch alles nicht so wichtig! Guckt mal! Tote Soldaten!!!“
Ja, Herr Minister. Tote Soldaten. Die sind in der Tat wichtiger als ein erschummelter Doktortitel. Das streitet niemand ab. Nur: Das ist ein Argument, dass nicht Sie vorzulegen haben. Sie sind Direktbetroffener, Sie sind Täter, Sie haben nicht das Recht, andere Leute da mit hineinzuziehen, die nicht zuletzt in Ihrem Auftrag gestorben sind. Das ist Instrumentalisierung der übelsten Sorte, Instrumentalisierung von Menschen, die sich dagegen nicht mehr wehren können. Den Hinweis, dass in Afghanistan Deutsche fallen und dass dies tragischer ist als das, was Sie getan haben, den dürfen andere gerne machen. Aber nicht Sie. Wenn Sie das sagen, dann wirkt das – egal, wie es gemeint ist – nicht empathisch und aufrüttelnd, dann wirkt das, wie so vieles, das Sie im Zusammenhang mit der Plagiarismusaffäre gesagt und getan haben, dünkelhaft. Arrogant. Anmaßend.
Kurz: Es wirkt wie etwas, dass ein Freiherr sagen würde. In dieser ganzen Geschichte um diese Doktorarbeit haben Sie agiert und reagiert wie jemand, der gewohnt ist, Entscheidungen zu treffen, ohne dass er sich beirren oder beraten lässt. L’etat, c’est moi. Das Problem ist nur: Wer sich so verhält, der muss auch akzeptieren, dass ihn gegebenenfalls die Schuld an den Konsequenzen seiner Entscheidungen trifft. Allein, daran hapert es, nicht wahr? Die Medien sind schuld! Die politischen Gegner! Und überhaupt!

Nun gut. Die politischen Gegner haben sich weiß Gott nicht mit Ruhm bekleckert. Hurtig kamen sie aus ihren Löchern gekrochen, haben die Zeigefinger hochschnellen lassen und gebrüllt: „Er hat Jehova gesagt!!!“ In der Tat ein klassischer Fall von in Glashäusern sitzenden Steinewerfern. Nur: Das ändert nichts an der Sachlage per se. Betrug ist Betrug. Auch wenn die Falschen nach Strafe schreien.

Und was die Medien angeht… Entschuldigung, ich meine natürlich „Die Medien“, diese amorphe, gesichtslose Masse von widerwärtigen Geiferern, die da rumpopeln, wo sie nichts zu suchen haben und deren einziges Streben es ist, die Meinung der Öffentlichkeit in die unheilige Richtung zu lenken, die ihnen gerade passend erscheint… täusche ich mich, oder sind das nicht dieselben Medien, die den Freiherrn erst zum politischen Shooting Star ernannt und hochgejubelt haben? Ach so, ich vergaß, war natürlich alles eine abgefeimte Taktik, damit man ihn später umso tiefer fallen lassen kann. „Die Medien“ haben bestimmt alle schon von Anfang an gewusst, dass KT Dreck am Akademikerstecken hat und das alles von langer Hand geplant… nee, is klar.
Natürlich gilt auch hier: Glashäuser. Steine. Und trotzdem – Betrug bleibt Betrug.

Mir ist auch klar, dass wir alle mal in der Schule geschummelt haben. Und ich kann auch nachvollziehen, wenn jemandem folglich nicht einleuchtet, dass Schummeln an der Uni irgendwie schlimmer sein soll. Ist es aber. Einen Handwerker, der seinen Meistertitel durch Lug und Trug ergattert hat, möchten wir ja nun auch nicht zwingend an unser Hab und Gut lassen. Mal abgesehen davon, dass Wissenschaft nun mal Wissenschaft heißt und daraus eigentlich zwingend folgen sollte, dass man dabei akribisch vorgeht. Und nein, ich meine damit nicht akribisch im Sinne von „fehlerlos kopieren“, danke sehr.

Aber ich schweife ab. Denn wie bereits eingangs erwähnt: Meines Erachtens hat nicht zu Guttenbergs Doktorarbeit ihn zu Fall gebracht. Das hätte sich hinbiegen lassen. Natürlich, es hätte ihm schwer geschadet, er hätte sich der Charakterfrage immer wieder stellen müssen, und er hätte sich das Vertrauen aller erst wieder hart erarbeiten müssen.

Ging aber anscheinend nicht. Die Hybris war stärker. Die Hybris, seine Taten nicht erklären zu müssen, die Arroganz, einfach mal davon auszugehen, dass stumm akzeptiert wird, was man dann als dürftige Erklärung liefert, das zickige Beleidigtsein, wenn ebendiese Erklärung dann doch hinterfragt wird. Und natürlich dieses aus meiner Sicht menschlich absolut widerliche Ablenken auf vermeintlich Wichtigeres. „Hier! Guckt mal! Tote Soldaten! Lasst mich in Ruhe!“

Es hat irgendwie etwas von „Lasst sie doch Kuchen essen!“

Der Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg hat nichts verstanden. Und er ist mitnichten der Märtyrer, als der er jetzt dargestellt werden mag. Er ist ein Ex-Minister, der sich in dieser unserer Zeit der Personenkultpolitik als strahlender Erlöser und Galionsfigur einer verbesserten Regierung hat abfeiern lassen. Der dann aber so ungeschickt über die Charakterfrage (die nun mal in ebendieser Personenkultpolitik nicht ganz unwesentlich ist, nicht wahr) gestolpert ist, dass der ganze Lack ab war. Tja. Hätte er sich nach dem Kratzer in der Lackierung mal hingestellt und gesagt: „Guckt her, Leute, ich bin auch nur aus Blech!“, es hätte alles ganz anders laufen können. Hätte, könnte, würde. Wobei, nee. Mit Würde hatte die ganze Geschichte weiß Gott nicht viel zu tun.

(Und außerdem hätte man die Debatte über den Wert der akademischen Arbeit und die Ehre des Doktortitels auf einer wesentlich weniger emotionalen Ebene führen können – so aber ist es das alte Lied der gefühlt linken Intelligentsia gegen den vermeintlich rechten Plebs, und keiner kommt dem anderen entgegen. Aber das nur als – man verzeihe mir den hier fälschlich verwendeten Begriff – Fußnote…)

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Ein Gedanke zu “Mehr Freizeit für den Freiherrn

  1. Vielen Dank für diesen Blog! Du sprichst mir aus dem Herzen! Leider verstehen es auch die meisten meiner Freunde nicht um was es geht und das ist umso schockierender. Leute die eigentlich immer kritisch sind, Dinge hinterfragen, ein gewisses politisches Interesse haben und sonst schnell merken wenn sie jemand verarscht. Doch auch die haben sich von KT blenden lassen. Traurig aber wahr!
    Ich frage mich nur welchen Deal er mit der Springer Presse hatte. Er wurde von der BILD ja nur gelobt, jeder andere Politiker wäre in der Luft dafür zerissen worden, oder lags nur daran das er immer fein in deren Kameras gelächelt hat und mit Freude jeden Scheiß hat von denen begleiten lassen? Jaja, die bösen Medien… Bei gelegenheit werde ich ein Tränchen zerdrücken. 😉

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