Die Olympethischen Spiele

Disclaimer: Ja, ich hab vorher tief durchgeatmet. Ich hab sogar drüber geschlafen. Hat genau nix gebracht. Ich bin immer noch… irritiert. Deswegen folgt nun also eine Tirade.

Was in Japan passiert ist, ist schlimm. Sehr schlimm. Eine fürchterliche Katastrophe. Bis dahin stimmen mir alle zu, nicht wahr? Da sind wir uns doch noch alle einig? Also, abgesehen von einigen Leuten, die jeder Beschreibung spotten. Aber die gibt es ja immer.

Wo die Einigkeit dann allerdings gleich wieder aufhört, ist bei folgender Frage: Wie reagiert man denn nun auf ein so schreckliches Ereignis? Oder, genauer formuliert, wie reagiert man denn nun richtig auf ein so schreckliches Ereignis?

Und schon sind wir mittendrin in den Zeigefingergefechten. Die einen beten, die anderen lachen sie aus. Die einen treten irgendwelchen „Japan, wir denken an euch“-Facebookgruppen bei, andere bewerten dies mit einem Augenrollen. Die einen fokussieren sich auf das Thema Atomkraft, andere wettern dagegen, dass dies nun weiß Gott nicht der richtige Zeitpunkt dafür sei. Manche spenden, andere kleben vorm TV. Dritte twittern. Es beschäftigt uns alle, dieses Thema.

Aber (und hier darf sich die geneigte Leserschaft eine Reihe von ungetippten Schimpfwörtern vorstellen) muss es denn wirklich sein, dass wir einander vorwerfen, unterschiedliche Arten zu haben, uns mit dieser Tragödie auseinanderzusetzen? Braucht es die Tumblrdiskussion, ob Beten nun hilft oder doof ist? Ist die Facebookdebatte, ob die Atomgegner auf eine geschmacklos opportunistische Art eine Naturkatastrophe als Anprangergelegenheit nutzen, denn wirklich notwendig? Und vor allem: Wieso geht eigentlich jeder Beteiligte davon aus, dass die eigene Moral so viel höher zu bewerten ist als die der anderen, und dass ebendiese anderen garantiert nichts tun ausser beten oder twittern oder Facebookgruppen beitreten oder Links zum Thema Atomkraft posten? Wäre es vielleicht nicht möglich, dass man betet UND spendet? Dass man gegen Atomkraft ist und trotzdem mit den Opfern des Erdbebens leidet?

Wäre es – oh vermessene Vermutung – nicht vielleicht möglich, dass der Mensch angesichts einer nahezu globalen Katastrophe genau so reagiert, wie er dies bei den eigenen, privaten Tragödien tut? Nämlich individuell? Und wäre es nicht vielleicht die respektvollste Variante des Umgangs miteinander, wenn man dies auch seinem virtuellen Gegenüber zugesteht?

Ich meinerseits (denn hey: Mein Blog, also ichichich!) bin niemand, der oft betet. Ich tue es auch jetzt nicht. Und ja, natürlich quittiere ich allgemeine Gebetsaufrufe gerne erst mal mit einem Schulterzucken und einem innerlichen „Nu ja, wenn ihr denkt, dass es hilft…“ Aber das bedeutet doch nicht, dass ich anderen Leuten nicht zugestehe, mit einem Gebet den Direktbetroffenen beistehen zu wollen – hey, manche Menschen meditieren, andere wiederum schreiben, wieso sollte ein Gebet nicht dabei helfen, die Gedanken zu ordnen und Zuversicht zu finden, was dann letztendlich zu einer weiteren Hilfshandlung führen mag, aber nicht muss?

Dito in Bezug auf das Getwittere, die Facebookgruppen und andere ähnliche spontane Zusammengehörigkeitsgebilde – viele Menschen gehen mit verstörenden Situationen um, indem sie das Bedürfnis haben, Gleichgesinnte zu finden, egal wo. Und hey, dass das Internet das ultimative „Du bist nicht allein“-Medium ist, hat vermutlich jeder entdeckt, der schon mal irgendetwas Abstruses gegoogelt hat. Also weswegen genau sollte es nicht legitim sein, sich in diesem Medium ein Gefühl der Sicherheit in einer Zeit zu holen, die uns alle extrem verunsichert? Und wenn es bei Wildfremden ist? Gerade dort finden Menschen oftmals eher Trost, denn wer uns nicht kennt, mag uns manchmal vorurteilsfreier annehmen als derjenige, der uns seit Jahren beim Tragen unseres ganz persönlichen Gepäcks hilft.

Manche bekämpfen ihre Trauer mit geschmacklosen Scherzen – hey, was private Tragödien meinerseits angeht, bin ich da ganz weit vorne dabei – , was vielerorts auf absolutes Unverständnis stoßen mag (nein, die oben verlinkten Facebookkommentare betrachte ich nicht als Scherz, ich fürchte die sind absolut ernst gemeint…). Es ist aber nun mal so: Jeder hat seine Methode, mit dem Unfassbaren fertig zu werden. Und ich persönlich bin nicht der Meinung, dass man da moralische Ranglisten verfassen und Olympethische Spiele austragen sollte.

Jo, es mag für andere nicht nachvollziehbar und unpassend sein, dass ich mich als altbekannter Aberirgendwasmussmandochtunkönnen-Irgendwiemussmandochalleswiederheilemachen-Fanatiker dann vorrangig dafür engagiere, dass zumindest gegen die Aspekte dieser Katastrophe etwas getan wird, gegen die man etwas tun kann, und mich in diesen Tagen noch vehementer dafür einsetze, dass Atomkraft so bald wie möglich nicht mehr wie ein Damoklesschwert über uns allen schwebt. Aber für mich ist es dann wiederum nicht nachvollziehbar und unpassend, wenn die Reaktion dann lautet: „Tu lieber was RICHTIGES!!!“ Aus meiner Sicht ist das, was ich tue, durchaus richtig. Ja, ich hab noch nicht gespendet. Aber das wusste keiner, bevor ich das hier getippt hab. Also woher die Annahme, dass ich nichts tue? Weswegen diese Unterteilung in „Das hilft!“ und „Das hilft nicht!“?

Hilfe ist dann am erfolgreichsten, wenn sie kein blinder Aktionismus ist. Blinder Aktionismus entsteht aber dann, wenn man einfach mal handelt, bevor man die Situation erfasst hat, bevor man seine Prioritäten gesetzt hat, bevor man seine emotionale Reaktion im Griff hat bzw. sie halt erst mal losgeworden ist, damit man durchatmen, überblicken und weitermachen kann. So gesehen mögen die zig Links und Updates zum atomaren Aspekt meinerseits bei Facebook gestern durchaus wie blinder Aktionismus wirken. Werden sie zum Teil auch gewesen sein. Und nein, den Japanern hat das nicht geholfen. Denen helfen aber angesichts des dortigen Internetkollapses auch keine Facebookgruppen und Twitternachrichten, und ob einem Shintoisten jetzt die Gebete eines Christen helfen… nee sorry, das Thema fasse ich weiß Gott (ähhh…) nicht an. Spenden helfen, natürlich. Aber ist es denn nicht auch mein Recht, mich erst mal zu informieren, wo ich was am sinnigsten spenden kann, bevor ich die Kreditkarte zücke, statt dass ich irgendwohin überweise, weil’s grad klingt, als ob es brauchbar wäre? Und neiiiiin, ich unterstelle damit niemandem, der bereits gespendet hat, dass er dies unüberlegt getan hat, ich sag nur: Ich muss mich da erst mal schlau machen, okay?

Ich bleibe dabei: Ein jeder hat erst mal das Recht, auf das Unfassbare so zu reagieren, wie es ihm gerade am meisten hilft, die Situation zu begreifen und mit der Lage umzugehen. Ob er dies öffentlich oder privat tut, ist seine eigene Entscheidung. Und ja, natürlich muss er (muss ich!) im Fall der öffentlichen Meinungsäusserung dann auch damit leben, dass andere anderer Meinung sind. Nur: Können wir bitte die „Ich hab das und das getan, ich bin besser als wie du“-Spielchen lassen und die automatische Schlußfolgerung, dass das Gegenüber NUR diesen einen Aspekt der Katastrophe für wichtig erachtet, mal großzügig streichen?

Letztendlich, um nochmal auf den ichichich-Teil dieses Blogs zurückzukommen, ist es mir nämlich eigentlich total wuppe, was für Lehren ihr aus dieser Naturkatastrophe zieht, wenn überhaupt welche. Ich für mich denk mir halt, wenn ich in Japan wäre, wär’s mir lieber, wenn ich jetzt nicht auch noch zusätzlich Angst vor dem Super-GAU haben müsste. Und deswegen versuch ich das Meinige zu tun, um zu verhindern, dass so etwas in Zukunft passiert. Es ist nicht viel, das Meinige, ganz bestimmt nicht. Und es mag sein, vermutlich ist es größtenteils sogar Tatsache, dass auch mein Aktionismus ein wenn nicht blinder, dann doch ein scheuklappenbeeinträchtigter und vor allem nicht anderes als faule Gewissensberuhigung ist.

Und dem hab ich nicht mal ein „Aber“ hinzuzufügen, geschweige denn eine Quintessenz. Ein jeder tut halt. Ob es das ist, was er kann, sei dahingestellt. Aber Internet sei Dank kann er zumindest jederzeit dafür sorgen, dass jeder seinen Senf dazu geben kann. Ich würde mir halt nur wünschen, dass ab und an mal weniger mit dem moralischen Zeigefinger in den Senftopf gegriffen wird, denn wer weiß schon, wo eben dieser Zeigefinger vor fünf Minuten noch steckte.

Markiges Schlußwort bitte selber einfügen, ich bin zu frustriert von den Geschehnissen in Japan und den Diskussionen der letzten Tage. Sucht euch was aus, das für euch passt. Ich werd’s auch nicht verurteilen. Vielleicht.

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