Nobody expects the grief police

Eine Musikerin stirbt mit 27, Norwegen ist in seinen Grundfestungen erschüttert, afrikanische Kinder verhungern und in China essen sie Hunde, pardon, prallen Züge aufeinander. Wir kriegen alles mit, quasi sofort, wir wollen alles wissen, ab besten noch schneller, wir stopfen uns mit Infos voll, bis sie uns wieder hochkommen und wir haben natürlich eine Meinung, und auch die muss augenblicklich mit der Welt geteilt werden.

Und wehe, die Welt teilt diese Meinung nicht.

Ich würde gerne mit „es liegt in der Natur des Menschen“ weitermachen, aber was weiß ich schon über die Natur des Menschen an sich? Ich kenne mich selbst mittlerweile ganz gut, ich kann die Leute um mich rum oftmals halbwegs korrekt einschätzen, aber vielleicht liege ich ja auch mit diesen Einschätzungen ganz falsch, also: Das nun Folgende spiegelt meine ganz persönliche Perspektive wider, auch wenn ich vermutlich ab und an in die so praktischen Wörtchen „man“ und „wir“ reinrutsche.

Ich würde mir für diese Zeiten wünschen, dass wir einander mehr in Ruhe lassen und dass wir mehr für einander da sind. Ja, das geht beides gleichzeitig. Ich kann auch für jemanden da sein, indem ich ihn oder sie in Ruhe lasse, wenn es das ist, was diese Person gerade braucht. Und ich kann für jemanden da sein, indem ich seine Meinung in Ruhe lasse, auch wenn ich sie nicht teile.

Aber es ist manchmal so verdammt schwierig, nicht wahr? Ich erinnere mich noch daran, wie 1997 darüber diskutiert wurde, wie schlimm es war, dass Mutter Teresa gestorben war, aber alle nur um Prinzessin Diana trauerten. Zwei völlig gegenteilige Frauen, und doch hatte die eine doch so viel mehr Gutes getan als die andere, sagten viele. Und meinten damit nicht immer die gleiche Frau.

2001, der 27. September. Die Welt stand immer noch unter dem Schock der Anschläge in den USA rund zwei Wochen vorher, und doch hatten wir bei uns in der Schweiz mit unserem ganz persönlichen Armageddon in Form des Zuger Attentates zu kämpfen. Was ist wichtiger in der Geschichte der Menschheit? Spielt es eine Rolle?

Und jetzt Amy, Afrika, Anders Behring Breivik. Fassungslosigkeit allenthalben und gleichzeitig der laute Schrei nach Perspektive. Ein einzelner Tod gegen fast hundert Opfer. Fast hundert Tote gegen tausende Tote, Millionen Hungernde. Hier ein drogensüchtiger Promi weniger, dort unschuldige Kinder. Die Perspektive müsste doch eigentlich klar sein, nicht wahr?

Ist sie auch. Für jeden Einzelnen von uns. Nur ist sie für jeden Einzelnen anders.

Wer ein Fan ist, dessen Welt um einen Künstler kreist, der setzt eigene Prioritäten. Wer ein Elternteil, Ehegatte oder Freund eines Menschen ist, der am Leben zerbricht und sich mit allen legalen und illegalen Mitteln aus der Realität flüchten will, der setzt eigene Prioritäten. Wer ein Promi ist und tagtäglich erlebt, wie es ist, seinen Alltag unter der brennend heißen Lupe der heutigen Celebrity-Kultur zu absolvieren, der setzt eigene Prioritäten.

Wer einen persönlichen Bezug zu Norwegen hat, setzt eigene Prioritäten. Wer selbst schon irgendwie, und wenn auch nur indirekt, mit den Auswirkungen eines Attentats zu tun hatte, setzt eigene Prioritäten. Wer Kinder hat, die vielleicht irgendwann auch mal ins Ferienlager gehen, setzt eigene Prioritäten. Wer politische Ansichten hat, die eine multikulturelle Gesellschaft befürworten oder auch verteufeln, setzt eigene Prioritäten. Sogar wer World of Warcraft spielt, setzt eigene Prioritäten.

Wer schon mal in Afrika war. Wer schon mal in China war. Wer schon mal irgendwo irgendwie irgendwelches Elend erlebt hat. Wer schon jemanden sterben sah, egal wie. Wer schon mal von Musik zu Tränen gerührt war.

Wer lebt, der ordnet ein. Der entscheidet, was wichtig ist. Anders geht es nicht, denn wie soll es anders gehen? Wie sollen wir in der Informationsgesellschaft überleben, wenn wir nicht filtern, wenn wir nicht jede Sekunde sortieren, was wir jetzt wissen wollen und was nicht? Es ist schwierig genug, dies für uns selbst zu tun. Warum also haben wir das Bedürfnis, anderen zu sagen, wie sie das Leben für sich organisieren sollen, damit es einen Sinn ergibt, selbst wenn dieses Einordnen in unserem (meinem!) eigenen Leben doch auch nur halbwegs befriedigende und oft äußerst improvisierte Sinnhaftigkeit als Resultat mit sich bringt?

Trauer. U R DOIN IT WRONG!!!

Nein, ich kann die Prioritäten anderer oftmals auch nicht nachvollziehen. Aber ich kann auch meine eigenen Gefühle manchmal nicht verstehen und nur unter Betrachtung meiner eigenen Lebensgeschichte begreifen, warum mich etwas tief betrifft und etwas anderes nur am Rande. Und selbst wenn ich einordnen kann, weswegen ich fühle, wie ich fühle, bedeutet das noch lange nicht, dass ich stets das Bedürfnis habe, mich anderen gegenüber zu erklären und rechtfertigen zu müssen, weswegen dies für mich wichtiger ist als das. Oh, nicht falsch verstehen: Ich mag dieses Bedürfnis nicht stets haben, aber es ist doch allzu oft da. Quod erat demonstrandum mit diesem Text.

Und doch: Manche Dinge gehen dich nichts an, liebes Internet. Weil sie nicht nur mich betreffen, sondern auch andere. Und über deren Geschichten darf ich nicht eigenmächtig verfügen. Punkt.

„Wie tief ein Mensch leidet, kann der andere nie erfahren“ – ein Zitat von Dostojewksi, das ich vor Jahrzehnten mal in einem dieser kleinen Abreiß-Tageskalender gelesen habe, ausgerechnet an dem Tag, an dem ich erfahren hatte, dass ein damals angebeteter Mitschüler bereits vergeben war. Eine ganz kleine, private Tragödie, sicherlich. Aber das Zitat hat Bestand.

Ich kann nicht von meinen Mitmenschen erwarten, dass sie meine ganz persönliche Trauer respektieren und dann gleichzeitig andere rügen, wenn sie meiner Ansicht nach verquer trauern. Nichts ist so persönlich wie Trauer. Nichts.

Was ich tun kann? Ich kann Geld spenden für Afrika. Falls hier irgendjemand einen Tipp hat, wie ich das am besten mache, so dass mit meinem Geld auch wirklich Gutes getan wird: Bitte, sehr sehr gerne. Her damit. Ich kann meine virtuelle Solidarität mit Norwegen ausdrücken – in dem Bewusstsein, dass einmal „Gefällt mir“ oder „+1“ klicken oder irgendwo kommentieren, bloggen oder einen Link teilen höchstwahrscheinlich mir selber mehr helfen wird als den Betroffenen. Und ich kann mich der Celebrity Culture verweigern. Wie schwierig dieser Aspekt für eine alte Klatschtante wie mich ist, ist wiederum ein anderer Blogeintrag, der ein anderes Mal erzählt werden soll.

Für heute: Lassen wir einander in Ruhe. Es schmerzt doch auch so schon genug.

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