Konzertgedanken, weiblich

Kontext vorweg: die ärzte, die Band deren Fanclub ich mitgestalte, haben heute bekannt gegeben, dass sie am 19. und 20. Dezember zwei Konzerte in Dortmund geben. Hurra, möchte man meinen. Aber es gibt einen Haken. Wie immer: Cherchez la femme.

Die Konzerte sind nämlich nach Geschlechtern getrennt, d.h. am ersten Abend werden nur Frauen eingelassen, am zweiten nur Männer. Klingt ja eigentlich ganz lustig – aber schon geht’s los. Die Frauen möchten lieber zum Männerkonzert, weil Frauen so kreischen und ein Konzert nur für Frauen klingt ja sowieso irgendwie fürchterlich. Die Männer überlegen sich schon mal, wie sie sich am besten als Frau verkleiden, um trotzdem an beide Konzerte gehen zu können. Das Frauenkonzert wird heiß diskutiert, für das Männerkonzert interessiert sich kein Schwein. Und ob die Setliste wohl angepasst wird? Oder die Vorbands? Und was ist mit Transgender? (Notiz am Rande: Werden laut offizieller Ansage nicht berücksichtigt. Was ich davon halte, ist wieder ein ganz anderes Thema, und mir ist absolut klar, dass ich manchmal zu politisch korrekt für diese Welt bin, also erspare ich euch das jetzt einfach mal…)

Ich möchte mich hier eigentlich nur auf eins konzentrieren, das ich wahnsinnig schade finde: Dass davon ausgegangen wird, dass das Frauenkonzert sowieso mieser wird als das Männerkonzert. Weil… na ja, Frauen halt. Frauen kreischen, die Setlist wird mau, die Zickigkeit wird größer, und an das Gedränge vor den Klos wollen wir alle gar nicht erst denken.

Seufzer. Riesengroßer Seufzer. Es wäre so eine tolle Chance. Und ich war gerade schon versucht, dahinter zu schreiben: Gewesen. Und das am Tag der Bekanntgabe. Wie gewonnen, so zerronnen, quasi.

Frage in den (vermutlich luftleeren) Raum: Benehmen sich Frauen denn wirklich so viel schlimmer an Konzerten? Oder nehmen wir Frauen das negative Verhalten anderer Frauen einfach viel stärker wahr, weil wir darauf konditioniert wurden, in ständigem Konkurrenzkampf miteinander zu stehen, uns stets mit der Nebenfrau zu vergleichen und unsere Individualität nach dem System zu definieren, was wir scheiße finden? „Herr, ich danke dir, dass ich nicht bin wie diese da!“ bzw. „Ich mag ja soundso sein, aber die da ist noch viiiiiel soundsoer als ich, also bin ich … besser?!“

Geständnis: Hier, ich. Jahrzehntelang absolut einer solchen Denkweise verfallen. Das Selbstbewusstsein kann nur von außen definiert werden, denn man selber hat ja keine Ahnung. Man weiß nur (und das dafür ganz, ganz genau), was man an sich selber scheiße findet, und wenn jemand anderes dieses Verhalten dann an den Tag legt – dann geht’s los mit dem Verurteilen. Aber sowas von!

Dito die ewige Vergleicherei: Man kommt in einen Raum und guckt gleich mal um sich, taxiert, beurteilt, die lacht zu laut, die ist komisch angezogen, und hurra, da ist ja eine noch dicker als ich, da stell ich mich doch gleich dazu, dann wirke ich dünner …

Ich könnte kotzen.

Oh, es ist nicht so, dass ich nicht immer noch genau in dieses Denken verfalle. Klar, viel zu oft. Eine lebenslange Gewohnheit wird man nicht einfach so los, das erfordert Umdenken, Geduld und vor allem auch viel, viel Arbeit, sich immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass man sich gerade wieder selbst mehr schadet als jemand anderem.

Denn das ist der Clou an der Sache: Urteile nicht über andere, dann lebst du mit dir selbst auch angenehmer. Die Person, die man sowieso am gnadenlosesten aburteilt, ist man immer selber, so etwas würde man nie jemand anderem zumuten.

Aber um vom psychologischen Küchentisch wieder zurück zum feministischen Konzertbesuch zu kommen: Hey, es ist jeder und jedem freigestellt, über diese Geschlechtertrennung so zu denken, wie sie oder er mag. Ich sag ja nicht mal, dass ich es nicht nervig finde, wenn neben mir jemand kreischt, unpassende Konzertschuhe trägt und mir damit auf den Füßen rumtrampelt oder sich in einer händehaltenden Viererkette unhöflich durchdrängelt, um mal ein paar gängige „Frauen auf Konzerten“-Klischees zu bemühen. Ich kann das einfach mittlerweile echt gut ausblenden, denn schlußendlich haben meine bösen Blicke und meine inneren Wutmonologe keine Folgen außer dieser: Ich krieg weniger vom Konzert mit. Und das, das müssen selbst diejenigen eingestehen, die hier überhaupt nicht meiner Meinung sein mögen, ist wirklich deppert.

Ich geh nicht davon aus, dass das die ärzte-Frauenkonzert nun zu einem feministischen Happening wird oder zu einem weiblichen Love-In, wo alle auf den sanften Wellen der Liebe schweben, die wir Frauen ja so gut zu verbreiten wissen, so angeblich. Mir ist auch klar, dass eher mit Massenmopsentblößungen nach Aufforderung zu rechnen ist, und ja, auch mit kreischenden, beschickerten Damen jedwelchen Alters, die sich im Publikum lauter selber abfeiern, als die da oben auf der Bühne spielen. Aber hey: Wie geil wäre es denn, um mal in Wunschträume zu versinken, wenn das Publikum an dem Abend eine ähnliche Einheit bilden würde, wie es vermutlich am Männerabend der Fall sein wird? Wenn alle Frauen mal einfach nur Spaß haben ohne Rücksicht auf Cliquen, Feindschaften, angebliche Stammplätze und konzerttechnisch gewagte Outfits? Wenn unten im Publikum einfach mal „Yeah, WEIBER!“ angesagt wäre?

Hey, die dort oben auf der Bühne wären platt.

Nun ja, es ist wie es ist, ich werd hingehen, für mein Alter und mein Gewicht völlig unmöglich angezogen sein, vielleicht bin ich sogar irgendwann beschickert, und grölen werde ich eventuell auch (ich bin keine Kreischerin). Und ich werde, sofern ich nicht in meine alten Muster zurückfalle (wofür ich nicht garantieren kann – es ist einfach eine ziemlich negative Szene, und wie gesagt: Gewohnheiten…), voraussichtlich auch ordentlich Spaß haben. Was ihr mit dem Konzert anfangt, ist eure Sache. Ich wollt’s einfach nur mal gesagt haben.

Ach ja, und für das Kloproblem gibt’s übrigens P-Mates.

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12 Gedanken zu “Konzertgedanken, weiblich

  1. Das Problem ist: Auch Dein Gegröle wird nach Gekreische klingen. Das ist nun mal rein anatomisch so. Und das ist auch das einzige Problem, das ich mit diesem Konzert im Gegensatz zu anderen Konzerten habe – Frauen in Massen klingen einfach erträglicher, wenn auch noch ein Bass drunter ist, und der wird fehlen. ;D

  2. Mich nervte ja diese Transgender-Sache am allermeisten. Wenn man’s auf der Homepage schon erwähnt, dann doch nicht in so einem ätzenden Tonfall, der für alle Menschen, die sich eben nicht eindeutig zuordnen wollen oder können ein Schlag ins Gesicht ist…

  3. Ja, das find ich eben auch extremst übel, diese spöttische Witzemacherei für einen billigen Lacher – mag ja sein, dass es unter DÄ-Fans niemand gibt, der sich als Transgender betrachtet (jaja, bestimmt!), aber wenn dem so wäre, könnte man es auch weg lassen. Unfein.

  4. Ja, du hast Recht, Natalie. Wirklich einziger Wehrmutstropfen wäre für mich: Eine reine Frauenvorband am Damentage. Warum? Ich mag einfach keine (bzw. größtenteils) Frauenstimmen 😉

    Ansonsten bin ich tatsächlich in froher Hoffnung, einmal keinen stinkenden, vor Schweiß triefenden, sturzbesoffenen Mann neben mir stehen zu haben! *g*

    Aber um eines beneide ich dich, denn das habe ich leider immer noch nicht gelernt *seufz* :
    „Ich kann das einfach mittlerweile echt gut ausblenden, denn schlußendlich haben meine bösen Blicke und meine inneren Wutmonologe keine Folgen außer dieser: Ich krieg weniger vom Konzert mit. Und das, das müssen selbst diejenigen eingestehen, die hier überhaupt nicht meiner Meinung sein mögen, ist wirklich deppert.“

  5. Grundsätzlich gebe ich dir in den Ausführungen recht. (Und über die Transgender-Sache will ich gar nicht länger nachdenken, weil GRRRR), man ahnt es kommt ein ABER.

    Vielleicht spinne ich ja oder habe ein schlechtes Sample erwischt. Nur, bei meinen letzten Konzerten waren Frauen diejenigen, die durchgängig ihre Arme mit Cam/Handy in der Luft hatten, während die Jungs hüpften und ich habe wesentlich schlechtere Erfahrungen mit weiblichen Ellenbogen, als mit männlichen gemacht. Es haben mich auch bis dato nur Frauen angeblafft, weil ich zwecks Luftholen an den Rand o. ä. wollte.

    Also Exemplare, die das Zicken-Image fördern. Weiß der Geier warum, denn ich kenne genug Frauen die sich genauso niemals verhalten würden.

    Andererseits, die Schweiß – und Biersache klingt tatsächlich positiv.

  6. Oh, absolut. Frauenellbogen sind meiner Erfahrung nach eindeutig spitzer und Frauen sind gerade in Menschenmengen auch gewillter, diese einzusetzen – das ist unbestritten. Ich find’s halt nur angenehmer, wenn man die Zicken Zicken sein, sich davon nichts ruinieren lässt und eben nicht gleich das Worst Case Scenario heraufbeschwört, wenn dann nur Frauen anwesend sind. Die schwitzenden Biertrinker lassen wir ja auch schwitzende Biertrinker sein und nehmen sie als notwendiges Übel bei Konzerten wahr. (Die Teenie-Poger in der drittletzten Reihe hingegen irritierend mich sehr wohl. So viel Männerbashing muss sein. *g*)

    Vielleicht ist es auch einfach so, dass man als Frau eher das „Drumherum“ eines Konzertes mit wahrnimmt, so von wegen Multitaskingklischee und männlicher Tunnelblick und so? Und sich dann davon beeinflussen lässt?

  7. Als ich dies vor ein paar Wochen so las, war mein erster Gedanke: Höhö, viel Spaß!
    Auch meine Frau versuchte mich auf dieses Konzert zu bewegen, aber meine ursprünglichen Argumente blieben: zu teuer, zu weit weg…
    Man sollte sich nicht denken, „Hm. Wär‘ schon geil.“
    Das Universum ist grad etwas unheimlich, denn jetzt hat es sich spontan ergeben: Ladies, I’m in! 😀
    Zur Transgendersache: DÄ waren noch nie die am meisten politisch korrekte Band der Welt. Deal with it.
    Zur persönlichen Sache: ich wirklich KEINE EINZIGE Frau, die nicht irgendwann in ihrem Leben ihr Selbstbewusstsein phasenweise höchstpersönlich vergewaltigt und ihr eigenes Licht untern Scheffel gestellt hat. Ich kenne aber auch keinen Mann, dem das noch nie passiert ist. Bei denen geschieht das vielleicht in anderen Situationen, aber bestimmt ist es nicht weniger schwerwiegend. Die reden halt weniger drüber.
    Glaubst, ich kenn das nicht? Früher waren alle älter und besser reflektierter, jetzt sind alle jünger und schauen nicht nur besser aus, nein, die sind auch noch smart. Und hab ich jetzt den Zeitpunkt des Perfekten verpasst? Geh bitte. Just go ahead… und vergiss eins nicht: wer weiß wie viele Frauen sich schon von dir gedacht haben, „Verdammt, so wär ich gern!“
    Das Konzertding: ich trinke Bier und schwitze, macht euch also keine Hoffnungen. Suzie, Bert und Alfonso auf der Bühne sind auch keine 20 mehr und werden sich schon ihre Gedanken gemacht haben, was sie wie umsetzen werden. Ich bring es jetzt mal auf den Punkt: Zicken wird es kaum geben denn die sind umzingelt, es wird eine Einheit geben mit der sich die 3 auf der Bühne vielleicht nicht unbedingt identifizieren werden können.
    Also, ich freu mich drauf. 🙂

  8. Ich hatte dann ja echt gemischte Gefühle, wie ich im Flieger nach Düsseldorf saß. Aber, es war so dermaßen phänomenal feudal, dass ich echt sooooo froh bin, dabei gewesen zu sein! Hab ich schon „Hach“ geschrieben? „Hach“ weniger wegen der drei klimakterischen Herren, sondern weil es „T’schuldigung! Alles OK? Magst du nach vorn?“ gab, wenn man nur wo sachte ankam… keine Bierduschen, keine Magenhaken, kein Ausgreifen, KEIN GEDRÄNGE… und eine Wall of life bei Schrei nach Liebe… HACH!!! 😀

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