Ich wollte dir nur mal eben sagen Part 10

Es gibt sie, diese Paare, die sich nie streiten, die sich immer einig sind, die stets vollkommene Harmonie ausstrahlen. Wir? Wir sind das nicht. Seit diesem Tag vor genau zehn Jahren sind wir das nicht.

Wir sind nicht die Romantiker mit den roten Rosen und den Pralinen. Wir sind nicht die „Was immer du sagst, Schatz“-Typen. Wir sind nicht das Pärchen, dass sich versonnen und gedankenverloren anlächelt, im beruhigenden Wissen, dass der andere weiß, was man gerade denkt. Und gerade selber das Gleiche denkt.

Wir sind anders. Wir reiben uns aneinander, manchmal reiben wir uns aneinander auf. Wir kämpfen, um unseren Standpunkt (oft), ums Rechthaben (IMMER!!!), um Alltäglichkeiten und ab und zu auch um unsere Beziehung.

Hach ja, „Beziehung“. Dieses Wort. „Was sind das bloß für Menschen, die Beziehungen haben – betrachten die sich etwa als Staaten?“ singt Heinz Rudolf Kunze. „Die verführen sich nicht, die entführen sich höchstens, die enden wie Diplomaten“. Falsch, Heinz Rudolf. Die enden nicht immer irgendwo. Manche von uns – wir! – führen tatsächlich eine Beziehung, die manchmal etwas von den Verhältnissen zwischen zwei Ländern an sich hat. Mal sind wir ganz klassisch die Schweiz und Deutschland, die Kleine aufbegehrend und aufstampfend um Respekt und Wahrnehmung buhlend, nur noch mehr aufgestachelt und irritiert von der gutmütigen Gönnerhaftigkeit des Großen. Du manchmal Russland, nach außen kühl wirkend und stumm, als ob du eigentlich nur in Ruhe mit bloßer Hand deine Bären erlegen möchtest, ich USA, ganz superkommunikativ, hektisch, einmischend und immer drauf und dran, schmollend mein Spielzeug einzupacken und heimzufahren, wenn ich nicht kriege, was ich will. Ab und zu geb ich die italienische Operndiva – okay, was heißt hier „ab und zu“? Drama, Baby! Und du? Du hast in diesen Momenten etwas von einem finnischen Taxifahrer frei nach Kaurismäki an dir. Nur ohne Schnaps.

Es kommt vor – selten – , dass wir einander umkreisen wie Atommächte, eine Hand schwebt über dem roten Knopf, die andere hält den Stift zur Unterzeichnung des Nichtangriffpaktes in der Hand.

Und trotzdem. Oder eher: Gerade deswegen. Hinter Staaten verbergen sich Menschen, und die wollen alle dasselbe. Wir auch, hier in unserem Kleinststaat Familie, auch wenn wir manchmal unterschiedliche Wege zum gleichen Ziel einschlagen.

Es gibt sie, diese beinahe stets harmonischen Beziehungen. Unsere ist ein Zusammenraufen, ein gegenseitiger Lernprozess, die ruhigen Zeiten sind hart erarbeitet, und wenn mich mal wieder der Putz- oder ein anderweitiger Wahn packt, dann wird ordentlich Staub aufgewirbelt. Ich dann so: „Citius, Altius, Fortius, hopphopp, zackzack!“ und du so: „Ich möchte einfach nur hier sitzen.“ Und beide so: „Aaaaargh, nicht schon wieder!“

Aber trotzdem beide so: „Yeah.“

Und beide sehen wir die eigene Person als Wanne-Eickel und den anderen als Audrey Hepburn. Was ja eigentlich Schmu ist, denn seien wir ehrlich: Ich werde es allerhöchstens bis Katja Riemann schaffen, und du bist mindestens Paris. Auch wenn du das umgekehrt siehst.

„Vergiss Romeo und Julia,
Wann gibt’s Abendbrot?
Willst du wirklich tauschen?
Am Ende waren sie tot.“

Wir sind nicht die Romantiker, wie sie im Buche stehen. Ich schenk dir eine Lagwagon-CD, du schenkst mir ein Raving Rabbids-Spiel. Und beide finden das toll. Wir müssen nichts vorgeben, nichts vorzeigen, nichts vorspielen – wir sind, was wir sind. Wir sind, wer wir sind. Wir sind, wie wir sind. Wir lernen voneinander, wir arbeiten miteinander und an uns selbst, wir sind – ja, siehste, so weit hast du mich schon: „Mia san mia“.

Und langsam, um dialektalisch und lyrisch noch etwas weiter gen Osten zu wandern und noch mal zu den unterschiedlichen Staaten zurückzukehren, wochs‘ ma zamm.

Zehn Jahre, Hase. Ich will nicht tauschen, und Abendbrot gibt’s heute Abend irgendwann gegen sieben. Sonst noch Fragen? Ach ja, vielleicht die hier noch:

Ich werd immer für dich da sein
Bist du dabei?

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5 Gedanken zu “Ich wollte dir nur mal eben sagen Part 10

  1. Ich schniefe jetzt gerührt ein bisschen vor mich hin, wische Tränchen ab – und freu mich einfach über diesen Beitrag in seiner Ehrlichkeit. Entweder geh ich jetzt Kettcar hören – oder „Ich dreh mich um dich“ von dem lieben, alten Herbert.
    Herzliche Gratulation zu 10 Jahren gemeinsamem Weg. Ich wünsche Dir/Euch VIELE weitere davon.

  2. Ich weiß, ich melde mich wirklich nicht oft hier zu Wort. Aber ich lese immer noch mit und ich muss sagen, dieser Artikel ist ganz großartig! Nicht nur, aber sicherlich auch wegen des Kettcarzitats (geht immer :-).

    Liebe Grüße,

    Magnus

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