Was zu Wulff

Hab ja damit gedroht, dass ich noch mal was dazu schreiben will. Hätte zwar gerade anderes zu tun, aber man gestatte mir die kurze Pause.

Jetzt ist er also weg. Hätte er mal noch etwas gewartet, spätestens nächstes Jahr krieg ich die deutsche Staatsbürgerschaft und könnte mich zur Wahl stellen!

Aber jetzt mal ernsthaft: Man kann es sich leicht machen, indem man jetzt ungefiltert jubiliert, weil der böse Mann weg ist. Wulff mag unsouverän gewesen sein, defensiv und vor allem passiv – aber er ist nicht die Wurzel allen Übels.

Man kann es sich aber auch umgekehrt leicht machen: Wulff ist kein unschuldiger Märtyrer, gekreuzigt von den Teufeln der Bildzeitung, ein Opfer unserer, nennen wir es mal „Mediarchie“.

Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen. Ich kenn mich ja nun ein bisschen damit aus, wie die Medienlandschaft operiert, und ganz ehrlich: Vielevieleviele Journalisten da draußen haben schlichtweg nicht die nötigen Fähigkeiten, um einen Unschuldigen abzusägen. Da gibt es eine enorme Anzahl an „Irgendwas mit Medien“-Leuten, die genau das machen: Irgendwas mit Medien. Die sind keine Bedrohung für den durchschnittlichen Politiker, die sind höchstens dadurch eine Gefahr, dass sie ordentlich zur kollektiven Volksverdummung beitragen.

Aber klar, es gibt sie, die Hyänen. Die Journalisten, die – ob durch Talent, Beziehungen oder beides – genug Macht erlangt haben, um diese ausspielen zu können. Da fallen dann schon mal Sätze wie: „Du gibst mir jetzt diese Info, oder ich schreib dich aus dem Amt.“ Und die können das dann tatsächlich auch, die haben die Reichweite, die haben den Einfluss und die haben vor allem die Skrupellosigkeit, so etwas zu tun. Dass man solche Medienmachtmenschen am ehesten im Boulevard antrifft – logisch. Das ist ihr natürlicher Lebensraum. Aber Meinungsmache funktioniert auch nur, wenn man nichts hinterfragt. Der Slogan „Bild dir deine Meinung“ ist da schon mit Bedacht gewählt.

Allerdings bin ich beileibe nicht der Ansicht, dass das „dumme“ Volk generell einfach anstandslos glaubt, was ihm die „Bild“ vorkaut. Auch der vermeintlich Ungebildete hat ein Gespür dafür, wann er verschaukelt wird. „Das Volk“ ist eh ein ähnlich schwammiger Begriff wie „die Medien“ – gerne mal verwendet, wenn man seine eigene Individualität hervorheben oder das Gegenteil erwirken, nämlich seine Meinung als Mehrheitshaltung darstellen will. „Das Volk“ sind Menschen. Und da sind alle ein bisschen gleich und alle ein bisschen anders.

Auch Christian Wulff ist ein Mensch, und – so zumindest mein eigener Eindruck – sehr darauf bedacht, sich in dieser ganzen Angelegenheit möglichst menschlich darzustellen. Hat aber aufgrund seiner „Ich bin aufrichtig und unschuldig“-Haltung bis zuletzt nicht geklappt. Nein, er hätte nicht zu Kreuze kriechen und sich „Mea culpa“ schreiend Asche aufs Haupt streuen müssen. Aber es ist einfach wieder ein ähnliches Problem wie bei Guttenberg – diese „Ich weiß von nichts, ich weiß nicht, was ihr wollt, ich hab NIX falsch gemacht“-Haltung wird gerne mal als Arroganz empfunden. Und diese Wirkung möchte man auf dem heißen Stuhl ja eher nicht darstellen, nicht wahr? Vielleicht wäre eine Ansage im Stil von „Ich möchte bitte, dass das alles ganz genau untersucht wird, damit mein Name von Leuten reingewaschen wird, denen ihr hoffentlich mehr Glauben schenkt als mir gerade. Durchleuchtet mich, bitte!“ besser gewesen. Vielleicht, eventuell, mutmaßlich.

Es ist das alte Lied vom Politikerjob heutzutage: Menschlich sein, aber nicht zu menschlich. Sympathieträger sein, aber keine Schwächen zeigen, die unangenehm sind. Fehler zugeben, aber keine Fehler machen. Eine Führungspersönlichkeit sein, aber gleichzeitig ein Mensch des Volkes. Eine eierlegende Wollmilchsau, die bitte sehr auch noch erneuerbare Energien produziert und bei jeder Castingshow gewinnen würde. Dass niemand diesen Ansprüchen langfristig gerecht werden kann, ist absolut klar. Aber man sollte sich wenigstens darüber im Klaren sein, dass man daran gemessen wird. Und das sah ich bei Guttenberg nicht, das seh ich bei Wulff nicht – da scheinen nur die eigenen Ansprüche zu gelten, da scheint das Weltbild noch scheibenförmig zu sein und so sehr im eigenen Nabel verankert, dass man sich nicht über den Tellerrand hinausbeugen und nachvollziehen kann, warum die Leute irritiert sind.

Demut. Es fehlt an Demut. Und das geht bei einem Volksvertreter einfach nicht.

Und um es noch mal hervorzuheben: Die „Bild“ ist als Informationsmedium inakzeptabel. Okay: Die „Bild“ ist grundsätzlich inakzeptabel. Aber ich bin trotz allem naiv genug zu glauben, dass nicht alle Journalisten so sind. Und ich bin erfahren genug zu wissen, dass man sich in der Branche so unglaublich gerne gegenseitig ans Bein pisst, dass es so etwas wie Hetzkampagnen quer durch alle Medien hindurch kaum gibt. Die „Bild“ zerstört unschuldige Leben. Das ist klar. Absolut. Müssen wir nicht diskutieren. Aber dass sich alle anderen Zeitungen, Zeitschriften, Radio-, TV- und Internetkanäle in stummer Absprache auf einen Bundespräsidenten einschießen, weil ihnen gerade danach ist, sie den Kerl eh nicht mögen oder sie die Aussagen der „Bild“ nicht hinterfragen? Not gonna happen.

Wulff ist also weg, Merkel immer noch da, es darf wieder gewählt werden, man darf gespannt sein, wie viel Rückgrat der nächste Kandidat oder die nächste Kandidatin hat, wie viel Dreck am Stecken, und wie viel Feingefühl im Umgang mit Unbequemem in Bezug auf die eigene Person.

Ich bin immer noch keine Deutsche, wenn der nächste Bundespräsident gewählt wird. Ich nehme mir als Bewohnerin dieses Landes trotzdem das Recht heraus, dazu eine Meinung zu haben und diese auch kundzutun. Schließlich haben politische Beschlüsse auch Auswirkungen auf mein Leben. Ich werde mich sicherlich mit einem Kandidaten aus dem bürgerlichen Lager stets weniger identifizieren können als mit jemandem, der meinen eigenen politischen Überzeugungen näher steht. Na ja: Fat chance – ein Konsenskandidat ist eben auch nur ein fauler Kompromiss. Also werde ich dem Nominierungkarussell schulterzuckend zugucken und mir keine allzu großen Hoffnungen auf Besserung machen.

Eins möchte ich aber bitte als ausschließendes Kriterium festhalten: Ich möchte keinen Bundespräsidenten, der so blöd ist, einem Kai Diekmann den Anrufbeantworter vollzuquasseln und zu denken, dass das keine Konsequenzen haben wird, weil man sich ja sonst auch gut versteht.

Apropos: Hat Loddar Matthäus eigentlich schon Interesse an dem Posten angemeldet?

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