Der Tag, an dem Frau Freibier starb

Ich hatte schon diverse Namen im Internet. DennisMoore war mein erstes Pseudonym hierzulande, durch das mich alle, die mit Monty Python nichts anfangen konnten, erst mal für männlich hielten. Pelissa war ein weiterer kurzlebiger Name, danach kam Spamela Snape (den ich immer noch für grandios halte). Benutzt hab ich diese Nicknames vorwiegend in einem Forum: Dem damals erst türkisen, dann schulheft-gestreift-klecksigen Bademeisterboard, aka offizielles Austauschmedium für die ärzte-Fans.

(Einschub für Insider: Ich wollte gerade „die ärzte“ reflexartig markieren und fett machen. Nun ja.)

Ich könnte mich jetzt in Nostalgie (und Teilzeit-Ostalgie, zumindest was die Zeit von Februar 2002 bis Februar 2005 angeht) ergehen und darüber philosophieren, dass früher alles besser war, die Community, die Exklusivität, die Band, die Musik, bla blubb.

Aber wisst ihr was? Bollocks. Das sind naturgegebene Veränderungen, mit denen muss man leben oder nicht, da hat man ja dann doch die Wahl.

Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Ach ja, Nicknames. Nachdem ich eine damals sehr im Trend liegende Boardhochzeit mit einem gewissen Nutzer namens El Hefeweizen (vormals El Chefe) gefeiert hatte (auch das muss niemand verstehen, der nicht dabei war), habe ich meinen Nick von Spamela Snape in Frau Freibier geändert, mich also wie sich das gehört brav dem Mannesnamen angepasst. Höhöhö. Den Namen hab ich dann ne ganze Weile behalten, bis wir uns in Natollie bzw. Thollsten umbenannt haben (ja, man konnte das damals noch! [ironie]Frühdabeigewesenelite FTW![/ironie]). Das sind heute noch unsere gebräuchlichsten Nicknames, auch anderswo, die verbinde ich vor allem mit uns selber.

Frau Freibier hingegen, die ist irgendwie … ärztig.

Womit wir beim Thema wären. Ich war nie wirklich der blauäugigste Fan der Welt, in der Teeniezeit natürlich, klar, aber inzwischen verfalle ich kaum mehr der Schönrederei – wenn eine von mir geschätzte Band oder ein geliebter Künstler etwas tut, das ich nicht nachvollziehen kann, dann mag ich vielleicht nach außen noch irgendwelche halbherzigen Verteidigungsreden halten, innerlich ist mir aber klar: Det war Scheiße. Und wenn ich längerfristig weder Identifikationsgründe mit den entsprechenden Musikanten sehe noch hinter den meisten Aktionen bedingungslos stehen kann, dann ziehe ich die Konsequenzen.

Im konkreten Fall ist natürlich alles ein bisschen komplizierter, und nein, das wird kein Tell-All-Blogeintrag, weil’s nun mal nicht wirklich was zu erzählen gibt. Ich hab mir das einfach alles etwas anders vorgestellt, als es dann war, die Maxime „Der Künstler darf alles, was man selber als Fan daraus macht, ist jedem sein eigenes Bier“ gilt auch hier, und mein Bier ist nun mal dies: Ärztefan, das war mal.

Natürlich, da schwingt auch Enttäuschung mit, das Gefühl, dass Absichten falsch verstanden wurden, der Frust über unzählige, an schlechten Tagen gefühlt völlig unnötig verschwendete Stunden Arbeitszeit, die Bitterkeit der Feststellung, dass manchmal die Familie, das Kind zurückstecken mussten, weil die Luft brannte und man seine Prioritäten mal wieder völlig durcheinandergewirbelt hatte, aus übertriebenem Pflichtgefühl, aus falsch eingeordnetem „Man braucht mich aber da!!!“-Stolz – ich würde nie behaupten, dass die Quintessenz „Ex-Fan“ nicht emotional geprägt ist. So ist’s nicht. Und eben: Der Künstler darf alles. Aber ich darf die Konsequenzen ziehen. Vor allem, wenn dann so ein Album wie „auch“ erscheint, das in meinen Augen meine subjektive Wahrnehmung bestätigt:

Dass da keine Band mehr ist, sondern Geschäftspartner. Solokünstler, die Solosongs für eine Bandplatte beisteuern. Die Texte ohne Herzblut schreiben, Musik, die man schon zig Mal so gehört hat, auch bei ihnen, und auch bei ihnen schon besser. Eine Alibi-Band, irgendwie. Spaß? Oh, den mögen sie sicherlich gehabt haben, den werden sie auch auf Tour haben, aber es ist nicht der Spaß am herkömmlichen Banddasein, es ist der Spaß an der Nabelschau, der ironisch kodierten Selbstreferenz, die so ironisch nicht ist, wenn man es genau nehmen will. Es ist ein Um-Sich-Selber-Drehen geworden. Da mag man zuschauen oder nicht, das kann man anhören oder nicht.

Ich sage: Das Leben ist zu kurz, um sich Musik schönzuhören.

Ich musste letztes Jahr mit The Ark meine Lebensband gehen lassen. Ein Thema, über das ich immer noch nicht bloggen kann, weil der Schmerz immer noch da ist, die Tränen fließen immer noch, wenn ich bestimmte Lieder höre. Und was für ein Abgang das war, so voller gegenseitiger Liebe, was für eine Verschmelzung von Publikum und Liveact, wie … wie … wie bedeutsam sich das anfühlte!

Hier? Nun ja. Es tut zwar irgendwie weh, aber nicht um der Band Willen. Es ist ein Lebensabschnitt, der zu Ende geht, vielleicht sogar etwas zu spät. Aber ich war noch nie gut mit Trennungen, ich hab immer zu lange geklammert, in der Hoffnung, dass alles irgendwie noch gut wird. Lasst uns Freunde bleiben? Nun ja. Ich werd dabei sein auf Tour, vermutlich oftmals ganz hinten, weil ich da schon immer gerne mal stand, ab und zu auch mal vorne, mit meinen Leuten – ihr wisst, wer ihr seid.

Ich mach der Band keinen Vorwurf. Wirklich nicht. Sie ist, wie sie ist. Sie sind, wie sie sind, die drei Herren. Das kann ich gut finden oder auch nicht. Das hab ich lange gut gefunden, jetzt tu ich’s nicht mehr so. Ich kann nicht mehr hinter dem Label „Ärztefan“ stehen, also leg ich’s hin, lass es liegen und gehe weg. Vielleicht hebt es jemand anderes auf.

die ärzte werden eh immer Teil meines Lebens sein, denn mein Ärztefandasein hat mich überhaupt zu dem Leben gebracht, das ich jetzt führe. Und das ist das schönste aller Leben, mit den schönsten Songs der Welt. Ein paar der alten DÄ-Sachen gehören da durchaus dazu.

Also, BelaFarinRod, trotzdem danke für alles. Macht was draus.

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2 Gedanken zu “Der Tag, an dem Frau Freibier starb

  1. Egal ob mit oder ohne DÄ(IO)FC Background: ich glaube, das können die meisten aus dem ehemals türkisen Elite-Umfeld unterschreiben…

  2. Mir geht es genauso. Mich lassen die neuen Songs vollkommen kalt und würde ohne euch DÄFC Leute auch keine Neuigkeiten mitbekommen. Die Band, wie man sie mal liebte, gibt es nicht mehr. Schade. Ich weiß nicht mal, ob ich zu den Waldbühne Konzerten soll.

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