Wir sind alle echte Frauen

Nein, wirklich. Wer sich als Frau identifiziert, ist auch eine echte Frau. Ob mit oder ohne entsprechende Geschlechtsmerkmale, egal welchen Körperumfang wir haben, egal welche Körbchengröße, egal wie unsere Ernährungsweise oder unser Aktivitätslevel aussieht. Und egal, ob wir abnehmen oder nicht. Denn Gewichtsverlust ist nicht immer nur positiv – im Gegenteil.

Ich bin heute bei xoJane, einer meiner Lieblingswebsites, einem Artikel begegnet, den ich für extrem wichtig halte. Denn er thematisiert eine Geisteshaltung, die einerseits bezeichnend für unsere Gesellschaft ist (und damit auch sehr, sehr beängstigend), und andererseits extremst verwirrend und verletzend für Betroffene. Was ist, wenn man abnimmt, ohne es zu wollen, wenn man abnimmt und sich dabei nicht wohl, geschweige denn schön fühlt, und dennoch nur zu hören kriegt: „Wow, hast du aber ordentlich abgenommen, du siehst ja toll aus!“

While I deal with all the oddness of my ever-changing body, I also deal with the world’s reaction to it. Everyone has an opinion on my sudden changes in appearance. They tell me I look great. I don’t look great, or at least, when I look in the mirror, I don’t see it. What I see is slight malnutrition and exhaustion. […]

When I look in the mirror, I see the strangeness I feel. People always interpret this change as proof that I’m in remarkably better health — my change in weight is always seen as proof that my MS is doing better, which is just mind-boggling to me. My weight has nothing to do with my multiple sclerosis. I was stronger when I was 60+ pounds heavier. They always ask me for my secret. How did you do it? they ask me. […]

It makes me wonder what they thought of me when I was 60-plus pounds heavier, when I felt at home in my own skin, when I felt beautiful, powerful and strong. Were my friends, acquaintances, co-workers and family just seeing me as chubby and — as they seem to be expressing —  somehow less?

Were they incapable of seeing how amazing I felt, how happy I was to be feeling better, to be freer of pain? How could they not see and share in the amazing joy and health I was experiencing? Instead, they just see the weight, and its loss.

It makes me feel angry and small and hard, brittle, breakable. It makes me feel compressed. It makes me feel alone, and utterly reduced.

Der ganze Artikel ist sehr, sehr lesenswert. Und wirft viele Fragen auf: Worüber definieren wir das Empfinden unserer eigenen Schönheit? Wirklich nur über unseren Körper? Und wenn ja, was an sich ja schon äußerst bedenklich ist: Wann empfinden wir unseren Körper als schön? Wenn wir uns selber schön fühlen, oder wenn uns jemand sagt, wir seien schön?

Geht auch beides?

Fühlen wir uns schön, wenn uns jemand will? Wenn uns jemand beneidet? Oder wenn wir etwas geleistet haben? Ist Abnehmen denn grundsätzlich eine Leistung, auch wenn es ausschließlich auf medikamentöse Nebenwirkungen zurückzuführen ist? Oder schmälert das die Leistung, ist eine Gewichtsabnahme nur beeindruckend, wenn sie auf harter Arbeit basiert?

Ich hadere derzeit wieder mit meinem Selbstempfinden, und zwar so sehr, dass meine erste Kurzschlussreaktion auf jede Aussage zum Thema Abnehmen dieselbe ist: Her damit! Her mit den Medikamenten, her mit der Magen-Darm-Grippe, her mit Wasauchimmer!

Wie. Bescheuert. Ist. Das. Denn. Bitte. Und wie vielen anderen Frauen geht es gleich wie mir. Jedes Mittel ist recht. 400 Kalorien pro Tag? Been there. Mindestens ein Päckchen Abführmittel pro Woche? Been there. Weight Watchers? Been there. Ernährungs-und-Sport-Kurs im Fitnesszentrum? Been there. Die Kohlsuppendiät? Been there. Was auch immer die Methode ist: Been there.

Ja, auch die Sache mit der gesunden Ernährung und der vermehrten Bewegung. Und ja, die funktionierte echt gut. Aber wenn im Kopf drinnen alles nur notdürftig zusammengekleistert ist? Dann ist auch das nicht langfristig erfolgsversprechend. Mens sana in corpore sano oder doch umgekehrt? Huhn oder Ei?

Bei mir ganz persönlich geht es um die – und wie unglaublich überaus ironisch, das in diesem Zusammenhang zu zitieren – gute alte L’Oréal-Aussage „Weil ich es mir wert bin“. An guten Tagen achte ich mehr auf mich als an schlechten, obwohl es ja gerade umgekehrt sein sollte. Zum Glück nimmt die Anzahl der guten Tage derzeit wieder zu. Eine positive Zunahme – geht doch. Hö hö hö.

Und dennoch ist mein Äußerlichkeits-Ego so zerbrechlich, dass mein erster Gedanke beim Anblick des Wortes „Abnehmen“ in all seinen Formen immer noch ein kurz aufblitzendes „Will auch!“ ist. Und ganz ehrlich: Ich will auch. Aber nicht so wie früher. Nicht so, wie es mir überall begegnet. Und vor allem nicht, wenn ich danach zu hören kriege, wie toll ich jetzt aussehe. Denn wer mein Aussehen nach meiner Kleidergröße beurteilt und nicht danach, wie ich mich damit fühle, dessen Meinung ist unangebracht, unhöflich und vor allem schlichtweg irrelevant.

Ich bin eine echte Frau, egal mit welchem Buchstaben meine Körbchengröße betitelt wird. Ich bin kein Wal, ich bin kein Nilpferd (auch wenn beide Tiere großartig sind! Und wunderschön!), ich bin einfach eine dicke Frau. Meinetwegen auch fett. Das ist okay. Und ich bin eigentlich ziemlich toll. Nicht nur trotzdem, sondern ehrlich gesagt, wenn ich meinen Lebensweg so betrachte, auch deswegen. Dünner werden ist nicht immer super. Dick sein ist nicht gezwungenermaßen scheiße.

Zusammenfassung jenseits jeglichen Kontexts: Ein Arsch ist, wer sich verhält wie einer. Nicht jemand, dessen Arsch breiter oder schmaler ist als deiner. Punkt.

Und zum Abschluß kehren wir zwecks Kreisschließung wieder zurück zu xoJane und der unnachahmlichen Lesley Kinzel:

It’s too bad that you don’t get to police me and my appearance, however much you may think you have that power. No, I won’t apologize, because I’m not the one with anything to be sorry for. No, I won’t go on a diet, because fuck diets. I get to live whether you approve of me, my life choices, my eating habits, my wardrobe, and the shape of my body, or not.

So there.

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