Nur manche sind gleicher als andere

Ich musste gestern notgedrungen meine Twitter-Timeline aufräumen. Nicht wegen der Spammer oder so, sondern wegen der ganzen Herzköniginnen aus „Alice im Wunderland“, die hysterisch geifernd „OFF WITH HIS HEAD!!!“ zeterten. Wobei, seien wir korrekt: Es waren mehr so Herzkönige.

Und der Kopf, der rollen soll? Das gut frisierte, Nivea-gepflegte Haupt des Herrn Bundestrainer. Weil OH MEIN GOTT UNENTSCHIEDEN LETZTE HALBE STUNDE KATASTROPHE WM 2014 WIR KOMMEN NICHT AUTOKORSO RÜCKWÄRTS MIT AUSSENSPIEGELFLAGGENVERBRENNEN!!!einself USW.

Bitte nicht falsch verstehen. Ich hab auch Muskelkater vom Kinnladenrunterklapprekord von gestern. Mir ist das auch ein Rätsel, und ich hab mich auch gewaltig genervt.

Aber dieser unkontrollierte „Trainer weg!!!“-Reflex? Das hilft doch keinem. Zumindest keinem, der von der Situation direkt betroffen ist. Und ganz ehrlich: Um die geht’s. Nicht um die 80 Millionen Bundestrainer da draußen. Das ist die schmerzhafte Wahrheit, liebe Stammtischler: Ihr könnt brüllen, so viel ihr wollt, aber dabei bleibt’s auch.

Na ja, okay. In einer perfekten Welt bliebe es dabei. In unserer minim (ähem) unvollkommenen Gesellschaft hingegen gibt’s da noch eine Kleinigkeit, die euch entgegenkommt: Die Macht der Schlagzeile.

Stellt euch mal folgende berufliche Situation vor: Ihr liefert in eurem Job seit Jahren gute bis sehr gute Leistungen, ihr entwickelt euch stetig weiter, ab und zu gibt’s mal einen Rückschlag, und zum ganz großen geschäftlichen Triumph hat es noch nicht gereicht. Andererseits ist die Konkurrenz aus anderen Firmen absolut beeindruckt und erkennt neidlos an, dass ihr zu den besten eures Berufs gehört.
Nur gibt es da diesen Kollegen, der in der Kaffeeküche gerne mal das Gespräch sucht und dann so Fragen stellt wie „Du sag mal, damals vor drei Monaten, als du diesen Riesenfehler gemacht hast, wie gehst du damit mittlerweile um? Ich meine wow, das war ja wohl totaler Bockmist, wie steckt man das nur weg … Ach ja, der Müller aus der Werbeabteilung findet deine Idee total scheiße, eine neue Kaffeemaschine anzuschaffen, wusstest du das schon? Klar, deine Abteilung ist mit die produktivste, seit einer von euch morgens Latte für alle holt, aber trotzdem! Wenn der Müller das sagt, das ist doch immerhin der Müller, der hat voll Ahnung und Einfluss! Und du hast doch schließlich vor drei Monaten diesen Riesenfehler …“

Nein, Subtilität ist meine Stärke nicht. Und mag sein, dass ich hier Äpfel mit Birnen vergleiche, oder sogar Wassernelonen mit Johannisbeeren, aber ernsthaft: Bin ich wirklich die einzige, die der Meinung ist, dass die Gier nach dem nächsten kontroversen Detail, das man breitwalzen kann, langsam überhand nimmt?

Jaja. Das sind Profis. Die müssen das mental wegstecken können wie nix. Die kriegen ja auch massig Kohle dafür. Und hey, ich streite das auch gar nicht ab. Aber wenn Besserverdienende nicht automatisch besser behandelt werden sollten, müssen sie dann zwangsläufig schlechter behandelt werden? Ist es wirklich fair, wenn man die ganze Firma nach einem Statement zu einem eher unwesentlichen Thema abklappert, bis man endlich jemanden findet, dem der Kragen platzt, nur damit man dann fröhlich „Kontroverse! Kontroverse! Jehova! Jehova!“ krähen kann?

Kritische Berichterstattung? Ja, absolut. Siehe Causa Schmelzer. Krittelnde Berichterstattung um der Klicks oder der Auflage Willen, gefolgt von beckmannschem Betroffenheitsgeseiere, wenn die Leistung einbricht? Nein danke.

Aber eigentlich sollte es ja hier um Jogis Kopf gehen, den manche Leute gerne auf der Silberplatte dargereicht hätten. Nicht zuletzt, weil er gestern nach dem Spiel völlig ratlos, in sich gekehrt und baff ob der letzten halben Stunde war. Wie wir alle. Das geht doch nicht! Der hat Antworten zu haben! Der hat zu poltern! Der hat … der hat … irgendwas!!! Und zwar sofort!!!

OFF WITH HIS HEAD!!!

Mir persönlich ist jemand, der sich hinstellt und sagt „Oh holy fuck, das war ja absolut katastrophal, da muss ich erst mal in Ruhe gucken, was da passiert ist, damit sich das nicht wiederholt“ tausendmal lieber als jemand, der sich aufbaut und „WUTANFALL!! PATENTLÖSUNG!!!“ schreit. Ratlosigkeit ist nicht immer schön mitanzusehen, aber wenigstens ehrlich.

Ihr Herzkönige seht das anders. Euer gutes Recht. Aber ich halte noch zu Jogi. Ich sehe keine bessere Lösung, und ich halte diese Lösung nicht für die schlechteste.

Ihr dürft gerne darauf hoffen, dass Trappatoni ab heute wieder auf Jobsuche ist. Dann würde wenigstens das Wutanfallbedürfnis gestillt.

(Und ja, verdammt, das war grottenschlechtes Gegurke gestern, und ich will das nie wieder sehen. Aber wenn es nicht grottenschlecht war, dann war es grandios. GRANDIOS. Das kann mir keiner wegreden.)

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Ein Gedanke zu “Nur manche sind gleicher als andere

  1. Das Küchenbeispiel ist grandios.. Vielleicht sollte ich mir das merken und (mit Copyright-Kommentar, wenn gewünscht.. ;P) bei der nächsten Diskussion im Büro oder auf kommenden Familienfesten einfließen lassen.. 😉

    Bei Herrn Streich klingts übrigens ähnlich: http://fudder.de/artikel/2012/10/18/streich-der-woche-deutschland-hat-44-gespielt-na-und/
    [Wobei ich nach diversen Rudelguck-Erlebnissen ja leider nicht bedingungslos seiner „95% wollen doch nur ein tolles Spiel sehen (= und nicht nur, dass „ihre eigene“ Mannschaft gewinnt)“-Aussage zustimmen würde.. Aber ich bin bisher auch nur der typische Event-Fußballgucker und war noch nie normal im Stadion, vielleicht ist da der Eindruck ja ein ganz anderer und ich bin überwiegend den 5% der Leuten begegnet, denen das Gewinnen wichtiger ist als Schönheit des Spiels, Taktik oder ähnliches..]

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