Feigheit

Disclaimer: Es ist mir sehr wichtig, hier an erster Stelle darauf hinzuweisen, dass dieser Text potenzielle Trigger enthält, was Depressionen und Selbstmord angeht. Es ist mir außerdem überaus wichtig, die gesamte Leserschaft, insbesondere Familie und Freunde, darauf hinzuweisen, dass es mir gut geht und dass sich niemand irgendwelche Sorgen machen muss. Das hier Beschriebene ist Teil der Vergangenheit. Und ja, man kann sich durchaus darüber streiten, ob solch intime Nabelschautexte wirklich ins Internet gehören. Ich sage: Ja. Tun sie. Denn mitunter sind solche Texte anderer Leute der Grund dafür, dass ich jetzt diesen Text schreiben kann. Ich bilde mir nicht ein, dass ich mit meinem Blogeintrag eine ähnliche Wirkung erzielen werde. Ich hoffe es natürlich, so viel Egomanie muss sein. Aber ansonsten könnt ihr das auch gerne unter „übergroßes Mitteilungsbedürfnis/Verbaldiarrhoe“ einordnen. Für mich war es wichtig, das hier zu sagen. Und das hier ist bekanntlich mein Blog, mein Möbelhaus und meine Kamera.

Aaron Swartz hat sich das Leben genommen. Ich kenne Aaron Swartz nicht. Weder persönlich noch online. Ehrlich gesagt ist mir sein Name erst gestern zum ersten Mal begegnet – ich bewege mich zwar tagtäglich im Internet, aber die Macher sind mir oftmals unbekannt. Das mag man schändlich finden oder nicht, aber ich bin da nun mal zugegebenermaßen meistens einfach nur Konsument.

Also, warum interessiert mich Aaron Swartz jetzt plötzlich? Die Antwort steckt im ersten Satz dieses Textes: Er hat sich das Leben genommen. Nein, ich habe kein besonderes morbides Interesse an Selbstmördern. Nein, ich kenne auch niemanden, der sich umgebracht hat.

Aber ich kenne Selbstmordgedanken. Persönlich. Persönlichst. Und deswegen macht es mich wütend, wenn völlig unbeteiligte Medien darüber spekulieren, ob Aaron Swartz sich wegen des bevorstehenden Gerichtstermins umgebracht hat oder doch wegen seiner Depressionen oder wie oder was.

Kurzfassung: Wir werden es nie wissen, wenn er nicht einen Abschiedsbrief hinterlassen hat, den er der Öffentlichkeit präsentiert haben will. Und das ist sein verdammtes Recht. Er ist uns keine Erklärung schuldig. Seiner Familie? Seinen Freunden? Ich weiß es nicht.

Denn ich wüßte auch nicht, was ich damals, in meinen dunkelsten Momenten, als letzte Worte geschrieben hätte. Wenn es wirklich nur darum gegangen wäre, meine Gedanken aufs Papier zu bringen? Nun, vielleicht so etwas:

„Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr denken. Ich will nicht mehr fühlen. Ich will nur noch Ruhe, absolute Ruhe, für immer.“

Klingt extrem klischeebeladen, nicht wahr? Was soll ich sagen, in den Augenblicken hätte mir beim besten Willen die Kreativität gefehlt, um elegant auszudrücken, was in mir vorgeht. In den Augenblicken fehlte mir alles. Ich fühlte mich gefangen, ohne Ausweg, eingeklemmt, panisch. Purer Fluchtinstinkt im luftleeren Raum. Ja, das war beängstigend. Aber viel beängstigender waren jeweils die Gedanken nach der Panik. Die Ruhe nach der Erkenntnis: Es geht nicht mehr.

Denn dann kam die Logistik. Und nein, das kann ich nicht nachvollziehbar beschreiben. Wer das noch nie erlebt hat, der kann sich nicht in den Kopf von jemandem hineinfühlen, der den gesamten Hausrat gedanklich danach durchgeht, was am effektivsten wäre. Am schmerzlosesten. Was am wenigsten Sauerei hinterlässt.

Ich hatte Glück. Oder ich war zu feige. Wie man’s nimmt. Es war nie etwas in dieser Inventur dabei, das mir konkret bei der Umsetzung meines Plans, wenn man dieses instinktive Denken denn so nennen kann, wirklich geholfen hätte. Tabletten? Sind hier in rauen Mengen vorhanden, aber nichts davon würde garantiert den erwünschten Effekt erzielen. Pulsadern? Messer sind da, aber – und dies weiß ich dann doch aus Erfahrung im Hinblick auf das Leben im Studentenheim -, siehe oben: Blut hinterlässt eine riesige Schweinerei, und das wollte ich nicht. Springen? Ergibt höchstens einen gebrochenen Knochen aus der ersten Etage.

Letztendlich scheiterte (was für ein zynisches Wort in diesem Zusammenhang) es aber nicht nur daran. Wenn ich mir darüber Gedanken machte, wie, wann und wo (okay, „wann“ war keine Frage: Sofort!) ich mir das Leben nehmen würde, fielen mir die Leben um mich herum ein. Das Kind. Der Mann. Der Hund (ja, auch der Hund!). Familie. Freunde. Mir? Mir konnte ich das problemlos antun. Ich wollte ja nur Ruhe. Ihnen nicht. Ich wollte nicht, dass sie den Rest ihres Lebens mit dieser Belastung konfrontiert wären, auch wenn mein Hirn mir gleichzeitig sagte: „Es wird ihnen besser gehen ohne dich. Alles wird einfacher ohne dich.“ – trotzdem. Ich wollte nicht, dass ihnen die Frage „Was hätten wir denn tun können?“ im Kopf rumspukt, ohne Antwort, ohne Lösung.

Denn was hilft es einem, wenn die Antwort „Nichts“ ist? Hilflosigkeit ist mitunter eins der schlimmsten Gefühle, denn es drückt aus, dass man helfen MÖCHTE, dass man etwas tun will, dass man irgendwie wieder alles heile und gut machen muss – aber keine Chance dazu hat.

Aber machen wir uns nichts vor: Es ist nicht so, dass ich aus purem Altruismus und Edelmut noch hier bin. Auch nicht aus Mangel an Instrumenten. Ich hatte ganz einfach Angst. Schiss. Muffensausen. Vor der Endgültigkeit meiner Entscheidung, vor den Konsequenzen, vor dem Wissen des Unwissens, was danach kommt … you name it. Ich war, so fühlte es sich damals zumindest an, zu feige.

Man könnte nun natürlich damit argumentieren, dass ich somit gar nicht „richtig“ suizidgefährdet war. Dazu sage ich: Mag sein, aber fuck off. Selbstmordgedanken sind kein Wettbewerb. Für mich war es übel genug, danke sehr. Übel genug, dass ich nichts gesagt habe. Denn ganz ehrlich, ein hochdramatisches „Ich bring mich um!!!“ wäre bei mir sehr viel unglaubwürdiger als diese stumme Gewissheit. Wenn’s mir wirklich scheiße geht, dann schweige ich. Alles andere ist sicher auch mit ein Quentchen Drama. Okay, manchmal mehr als nur ein Quentchen. Ähem.

Man könnte auch damit argumentieren, dass die wirkliche Feigheit darin besteht, sich dann tatsächlich umzubringen. Das ist ja sehr beliebt. Vor dem Leben davonlaufen, vor den Problemen, die sich doch ganz bestimmt irgendwie lösen lassen, und was bist du denn für eine feige Sau, das kannst du den Leuten um dich herum doch nicht antun, du Egoist, du … FUCK. OFF. Ich habe keine weiteren Worte, Erklärungen und Rechtfertigungen für diese Denke mehr übrig. Glaubt, was ihr wollt. Aber ihr liegt falsch, falsch, falsch.

Lasst es mich ein für allemal klarstellen: Es gibt kaum einen besseren Lügner auf dieser Erde als Depressionen. Nichts und niemand ist so glaubwürdig wie die Stimme in deinem Kopf, die dir wieder und wieder einflüstert, dass du nichts wert bist, dass du das alles nicht verdienst, dass das Leben keinen Sinn hat und es allen besser ginge, wenn du nicht da wärst. Nicht. Gut. Genug. Nie. Gut. Genug.

Ja, es braucht mitunter Mut, um diese Stimme zu ignorieren. Es braucht Entschlossenheit. Es braucht Kraft. Immer wieder, immer wieder, Endlosschleife. Es ist, kurz, oftmals verdammt anstrengend. Natürlich auch für meine Umgebung, nicht nur für mich selbst. Niemand weiß das mehr zu schätzen als ich, auch wenn ich es – selbstverständlich – niemals genug betonen und ausdrücken kann.

Keine Sorge, mir geht es gut, mittlerweile. Therapie sei Dank, Antidepressiva sei Dank. Es war eine schmerzhafte Erkenntnis, als ich mir eingestehen musste, dass es ohne Tabletten erst mal nicht geht. Aber es war keine Niederlage, es war ein sehr, sehr großer Sieg. Denn es war ein Versprechen an das Leben, nicht mehr an diesen Ort gelangen zu wollen, an dem es um Logistik geht.

Mag sein, dass Aaron Swartz sich wegen des anstehenden Prozesses umgebracht hat und seine Depressionen keine Rolle spielten. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn einem möglicherweise ein halbes Leben hinter Gittern bevorsteht. Ich weiß nur, wie es sich anfühlt, wenn man hinter psychischen Gittern eingesperrt ist.

In Einzelhaft.

Im Dunkeln.

Ohne Fenster.

Und ich wünschte, ich könnte denen da draußen, die dieses Gefühl auch kennen, ein herzliches, absolut überzeugtes „IT GETS BETTER!“ entgegenschmettern. Kann ich aber nicht. Denn was weiß ich schon, ob es wirklich besser wird?

Ich kann nur bitten:

Gesteht euch ein, dass es nicht mehr geht.
Redet darüber.
Lasst euch helfen.
Lasst euch auf die Hilfe ein.
Macht weiter.
Kämpft weiter.
Ich kann nicht versprechen, dass es besser wird. Ich kann nicht versprechen, dass es sich lohnt. Für mich trifft es zu. Für euch vielleicht auch. Ich weiß es nicht.

Ich weiß aber eines mit absoluter Bestimmtheit: Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.

Weiterleben.

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