Ein Geständnis

Guten Tag, mein Name ist Natalie Springhart, und ich bin Sexistin.

Und ich werde jetzt nicht “Ihr aber auch!” sagen. Wie es bei euch aussieht, müsst ihr mit euch selber ausdiskutieren. Ich illustriere jetzt einfach mal mittels ein paar Beispielen, was mich meiner Ansicht nach zur tagtäglichen Sexistin macht.

- Wenn ich eine Frau in Bekleidung sehe, die ihr nach den gängigen Vorstellungen unserer Gesellschaft nicht “schmeichelt” (Stichwort: Muffintop in Skinny Jeans als Beispiel), muss ich oftmals immer noch meine erste Reaktion “Boah, das steht ihr aber nicht!” bewusst zurücknehmen und durch ein “Cool, dass sie das anzieht!” ersetzen. Und dabei stelle ich mir die Frage: Wäre es nicht der korrektere Schritt, ihr Aussehen gar nicht zu beurteilen? Außerdem: Bei Männern beurteile ich höchstens, ob mir die Klamotten gefallen, ob sie das “tragen können” (Argh! Fuck flattering!), ist mir relativ egal.

- Ich benutze immer noch Phrasen wie “Ich bin halt eine Klischeefrau”, um meine mangelnden technischen Fähigkeiten sowie meine miserablen Einparkmanöver zu begründen. Bullshit. Ich kann das nun mal nicht, aber das hat nichts mit meinem Geschlecht zu tun, und ich möchte nicht als Paradebeispiel für dieses Schubladendenken gelten. Das bedeutet nicht zwingend, dass ich mir meine angeblich weiblichen Schwächen um des Feminismus Willen abgewöhnen muss – ich sollte sie einfach als menschliche Schwächen sehen.

- Ich mache gerne mal meine als weiblich betrachteten Fähigkeiten runter. Kochen, Einrichten, Aufhübschen … das ist doch alles weniger wert als Feuerholz schleppen, Sachen bauen, Geräte reparieren und so weiter. Und warum mache ich das eigentlich nicht selbst? Ich könnte es ja. Gleiche Denkweisenecke: Ich habe immer wieder das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass mir diese häuslichen Sachen Spaß machen. Denn als emanzipierte Frau sollte man das ja nicht, oder doch, oder wie? Feminism: U R DOIN IT WRONG!!!

- Und überhaupt dieses ständige: Kann die das, so als Frau? Darf ich das? Sollte ich nicht eher …? Blargh, wie mich diese Denke ankotzt. Und wie ich immer wieder dagegen ankämpfen muss.

Ich bin aber auch gegenüber Männern sexistisch. Klaro. Auch hier ein paar Beispiele:

- Neulich war ich mit meinem Sohn in der Spielecke eines Restaurants, als dort ein Mann rumlungerte, der mir suspekt vorkam. Bis dann seine kleine Tochter auftauchte. Die Frauen vor Ort? An deren Lauterkeit habe ich keine Sekunde gezweifelt.

- Dito in Sachen Musikalische Früherziehung hier in der Gegend: Machen wir ab nächstes Jahr dann den weiter entfernten Kurs bei der bereits bekannten Lehrerin, oder gehen wir ins Nachbardorf … aber dort gibt ein Mann den Unterricht. Lächerlich, ich weiß.

- Siehe oben: Während ich mit meinen “weiblichen” Neigungen hadere, gehe ich oftmals davon aus, dass ein Mann alles “Männliche” kann und bin verwirrt, wenn dem nicht so ist. Aber du bist doch … aber du müsstest doch …?! Und als Mann kannst du das ja viel lockerer wegstecken als ich im umgekehrten Fall! … Himmel.

- Und dann natürlich noch der wunderhübsche, verallgemeinernde Stoßseufzer “MÄNNER!!!” Näh. “Der Mensch da gerade!” müsste das lauten. Tut es aber nicht.

Ich weiß das alles. Ich bemerke das … oft. Ich versuche das zu ändern, immer wieder. Denn grundsätzlich ist es doch so: Ich kann anderen so viele Tipps geben, wie mir einfallen, ich kann trotzdem – und auch damit hab ich dieses Wochenende gehadert – enttäuschenderweise die Sexismusproblematik unserer Gesellschaft nicht ganz alleine ändern. Ja, ich weiß: Hybris lässt grüßen. Aber ich träume ja auch nachts gerne mal davon, dass die Welt untergeht, alle mir die Schuld geben und ich die ganze Sache alleine in Ordnung bringen muss.

(You don’t want to live in my head, no.)

Was ich aber tun kann: Meine Denkweise ändern. Andere auffordern, mich darauf hinzuweisen, wenn ich mal wieder irgendwelchen sexistischen Quatsch von mir gebe. Nicht gleich defensiv werden, wenn sie das tun, sondern die Kritik annehmen, verinnerlichen und den Quatsch sein lassen. Nicht nur in der Öffentlichkeit, auch in vertrauter Runde, auch in meinem Kopf. Vor allem in meinem Kopf.

Dagegen ankämpfen. Scheitern. Daraus lernen. Beim nächsten Mal besser scheitern. Weniger scheitern. Weitermachen. Und darüber reden. Vielleicht lässt sich das Fünkchen ja verbreiten.

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2 Gedanken zu “Ein Geständnis

  1. Hey,

    interessanter Artikel. Ich würde aber einen Unterschied machen zwischen “Ich bin Sexistin” und “Ich handel sexistisch”. Ich glaube der Unterschied besteht darin, das ein Sexist sich nicht dessen bewusst ist und natürlich auch nichts ändern möchte, du aber schon!

    Ich finde es interessant so etwas zu lesen und habe dadurch gleich mal überlegt, wo ich sexistisch handel. Viele deiner Gedanken kenne ich so nicht, also beispielsweise hätte ich mit einem männlichen Musiklehrer kein Problem. Und verdächtige auch Männer auf Spielplätzen o.ä. nicht gleich.

    Aber ich glaube, ich gehöre zu den Frauen, die manchmal sexistische Einstellungen ausnutzen. Ich kann Reifen wechseln, mein Auto reparieren, Löcher bohren, Möbel zusammenbauen etc. trotzdem bin ich da manchmal zu faul und häufig gibt es die Männer, die meinen sich selbst mit solchen Dingen ihre Männlichkeit beweisen zu müssen und ich lasse sie. Erst gerade wieder habe ich einen guten Freund gefragt, ob er als Mann mir nicht wenn ich in einigen Wochen umziehe meine Küche aufbauen könnte. Klar kann ich das auch selbst und ich bin mir nicht sicher, ob er sich da auskennt, werde den Herd vermutlich lieber selbst anschließen (sicher ist sicher), aber schwere Arbeiten gebe ich gerne ab.

    Ich frage mich jetzt, ist das wirklich ein Problem? Wem schadet das? Vielleicht der Sache, da ich damit die Einstellung von Männern manifestiere, Frauen könnten das nicht? Das sind keine rhetorischen Fragen, das beschäftigt mich echt.

    Ich handel sexistisch, wenn ich bei einem ersten Date erwarte, dass er mir die Tür aufhält und bezahlt. Ja, ich will nicht von einem Mann ausgehalten werden, dennoch mag ich die Geste, dass er bezahlt und nein, ich protestiere nicht dagegen, sondern bedanke mich. Wenn es passt und es zu einem zweiten Date kommt, bin ich diejenige, die dann ganz selbstverständlich bezahlt. Aber ist das schlimm?

    Sorry, wenn ich jetzt hier irgendwie zu viel von mir selbst geschrieben habe. Du hast mich echt zum nachdenken gebracht und vielleicht schreibe ich mal einen eigenen Blogartikel zum Thema.

    Liebe Grüße,
    Miria

  2. “Wäre es nicht der korrektere Schritt, ihr Aussehen gar nicht zu beurteilen?”

    Wie willst du das anstellen? Das Beurteilen geschieht, bevor du es bewusst abschalten kannst. Vor allem:Warum? Du darfst dir doch zu allen Dingen eine Meinung bilden. Auch dazu wie Leute aussehen. Die Frage ist eher, wie gehst du mt dem Urteil um.

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