Tugendfuror

Ich habe verschiedene Erwartungen an verschiedene Leute. Das mag jetzt snobistisch oder classist oder so klingen, aber ich rechne nun mal einfach damit, dass ein Bundespräsident eher um das Gewicht seiner Ausdrucksweise weiß als zum Beispiel ein Schornsteinfeger (der auch nur gerade als Illustration hinhalten muss, weil er Mittwoch vorbei kommt und ich das nicht vergessen will).

Deswegen setze ich voraus, dass Joachim Gauck durchaus klar war, dass seine Wortwahl im Spiegel-Interview  (darf ich das noch verlinken? LSR-Verständnis: Bahnhof!) zur Sexismusdebatte untersucht werden würde. Konkret: Zwei Begriffe. Erstens die Aussage, er erkenne hierzulande keine flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen. Und zweitens der Begriff Tugendfuror in Bezug auf den öffentlichen Umgang mit Brüderle.

Ja, mir ist zugegebenermaßen auch gleich mal der Schädel implodiert, als ich das gelesen habe. Ein Glück, dass der PC gerade aus war. Mittlerweile bin ich zwar immer noch befremdet, aber Gott sei Dank (für mich, nicht zwingend für die geneigte Leserschaft) schon wieder in Erklärbär-Stimmung.

Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an.

- DU SOLLST DIE SEXISMUS-DEBATTE NICHT AUF BRÜDERLE REDUZIEREN.

Wenn ich könnte, würde ich den obenstehenden Satz in großer, roter Marquee-Blinkschrift posten, mit tanzenden Bananen drum rum und einem Hamsterdance-Midifile, nur damit ihn auch alleallealle wahrnehmen.

Die Debatte, die mit #Aufschrei gestartet wurde, ist keine Diskussion, die sich einzig und alleine mit dem Verhalten eines älteren Herrn aus der Politik beschäftigt. Es geht um die Frauen, denen solche Dinge immer mal wieder passieren. Also bitte, einfach mal Pause machen mit der Frage, was ältere Herren bei diesen Themen empfinden. Auch wenn’s schwierig ist: Einfach mal fragen, was Frauen jeglichen Alters diesbezüglich schon so erlebt haben. Zuhören, zur Kenntnis nehmen, für sich selber einordnen.

- “Tugendfuror” ist ein sehr, sehr provokativer Begriff

Und zumindest dieser Ausschnitt des Interviews (logisch, dass man die provokantesten Stellen rausgefiltert hat, man hat schließlich eine Zeitschrift zu verkaufen) deutet darauf hin, dass Gauck das Kernthema der Diskussion – siehe oben – eben auch noch nicht begriffen hat. Es geht nicht um die Tugendhaftigkeit eines einzelnen Politikers. Es geht um alltägliche Situationen, in denen Frauen objektifiziert werden. Sei es nun als ungeschicktes Kompliment gemeint oder nicht. Es geht darum, dass man solche Momente eher wahrnimmt, und sie unterlässt. Nein, das bedeutet nicht, dass man keine Komplimente mehr machen darf. Es ist eine Formulierungsfrage. Und das bedeutet schon gar nicht, dass man Frauen keine Türen mehr aufhalten darf. Meine Güte, man hält allen Leuten jedwelchen Geschlechtes die Tür auf, das ist einfach nur höflich! Himmel.

Ups, da wurde ich gerade wieder etwas emotional. Und hier liegt nun der fremdwörtliche Hund begraben: Das Wort “Furor” bedeutet laut Duden “Wut, Raserei”. Es ist also mit gewissen emotionalen Attributen belegt, um es mal gelinde auszudrücken. Das ist im Rahmen einer Debatte, die meines Erachtens durchaus auch auf der sachlichen Ebene geführt wurde, nicht besonders geschickt. “Tugendfuror” ist der Bedeutungsnachbar von “Tugendhysterie“. Merkt ihr was? Die hysterischen, hochemotionalen Frauen wieder. Die Wortwahl ist nicht hilfreich.

Ich versuche im Sinne meines Glaubens an das Gute im Menschen daran festzuhalten, dass so etwas mal passieren kann, dass einem halt mal ein ungeschickter Begriff rausrutscht oder man sich der Bedeutung seiner Aussage nicht bewusst ist.

(Ein übles Beispiel meinerseits: Ich bin von klein auf mit dem Begriff “Bis zur Vergasung” aufgewachsen und mir war nie wirklich bewusst, was ich da Fürchterliches von mir gebe, weil das einfach zu meinem automatischen Wortschatz gehörte. Phrase halt. Erst kürzlich stolperte ich irgendwo im Internet über den Begriff, und als ich dann erkannt habe, was damit wirklich gemeint ist, habe ich mich für 40 Jahre rückwärts geschämt. Will sagen: Um Himmels Willen, es tut mir leid. Ich kann’s nicht fassen, wie doof ich war. Ich hab einfach nie darüber nachgedacht, und es widert mich an.)

Deswegen sage ich mir auch hier: Gauck hat einen Begriff benutzt, dessen Tragweite gerade Frauen gegenüber er schlichtweg unterschätzt hat. Ich erwarte zwar von jemandem, der als ehemaliger Pfarrer ja eigentlich zu den Wortschmieden zählt, dass ihm so ein Lapsus nicht passiert, aber sei’s drum. Es gibt auch dafür eine Erklärung. Die da meines Erachtens wäre:

- Meine, deine, unsere Erfahrung ist nicht universell gültig

Womit wir beim Begriff “flächendeckend” wären. Wenn ich die mir persönlich bekannten Frauen befragen würde, ob sie schon jemals Sexismus oder sexuelle Belästigung erlebt haben – ich rechne mit einer Ja-Prozentzahl im hohen zweistelligen Bereich. Vermutlich könnten alle von einer solchen Erfahrung berichten.

Das ist mein Umfeld. Das ist meine ganz persönliche Filterbubble. Und die sagt mir: Ja, verdammt, die Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen ist flächendeckend. Nein, nicht von allen Männern. Aber gegenüber allen Frauen.

Bei Joachim Gauck sieht das Umfeld vermutlich ganz anders aus. Also ist es gut möglich, dass er dort dieser Problematik kaum begegnet. Das heißt aber nicht, dass sie nicht existiert.

Andersrum hat er vermutlich in Bezug auf sein für einen Bundespräsidenten eher ungewöhnliches Privatleben (bitte hier keine Wertung herauslesen, mir ist das absolut wumpe, meinetwegen kann er mit 15 Männern verheiratet sein und ebensovielen Frauen zusammenleben) so einiges einstecken müssen in der Vergangenheit und auch jetzt – das Argument wird ja gleich mal in diversen Leserkommentaren gegen ihn ins Feld geführt. Also reagiert er, ich spekuliere jetzt einfach mal wild rum, vielleicht deswegen heftiger auf öffentlich geführte Debatten in Bezug auf Moral und Ethik zwischen den Geschlechtern. Vielleicht hat er anderes seelisches Gepäck, von dem keiner was weiß. Keine Ahnung, es tut letztendlich auch nicht wirklich zur Sache, aber es illustriert als Theorie mein Argument:

Wir wissen nicht, aus welchen Beweggründen jemand so handelt, denkt und spricht, wie er bzw. sie es tut. Wir wissen es aber von uns, also können wir es nachvollziehen. Nur: Das macht unsere eigene Erfahrung nicht automatisch wertiger als die von jemand anderem. Persönliche Erfahrung ist nicht universell.

Aber als Nicht-Betroffener sollte mir klar sein, dass die Erfahrung Betroffener vermutlich mehr Aussagekraft hat als mein Urteil über ihre Situation.

Ein Beispiel: Ich war nie arm, also kann ich mir nicht vorstellen, wie das wirklich ist. Ich sollte Aussagen von Leuten am Rande des Existenzminimums oder unterhalb also berücksichtigen und ihnen Glauben schenken, wenn ich mir ein Bild davon machen will, wie es mit der Armut in der Gesellschaft aussieht. Das bedeutet, dass ich die Gemütlichkeit meiner Filterbubble verlassen und mich mit unbequemen Gedanken auseinandersetzen muss.

Ein weiteres Beispiel: Wer nie dick gewesen ist, sollte dicken Leuten nicht erklären, wie einfach Abnehmen doch eigentlich ist. Dito übrigens Leute, die mal dick waren und jetzt dünn sind. Bei ihnen hat die eine Methode funktioniert, bei jemand anderem vielleicht eine andere, und viele, viele, unzählige haben schon alle Methoden ausprobiert, ohne dass etwas geholfen hat.

Kurz: Wer nicht drinsteckt, sollte nicht glauben, dass seine Wahrnehmung die korrekte ist. Auch die Wahrnehmung desjenigen, der drinsteckt, mag nicht die korrekte sein – aber sie ist meiner Meinung nach dennoch wertiger als die eines Außenstehenden.

Und deshalb, Herr Gauck: Mit Furor und Tugend hat das nichts zu tun. Wie flächendeckend das ist, könnte man nur mit intensiven On- und Offlineumfragen rauskriegen, und selbst da käme wiederum das Argument mit der Dunkelziffer ins Spiel.

Aber bitte, tun Sie das Thema nicht als emotionales Gezeter einiger weniger mit Einzelerfahrungen ab. Da könnten Sie den Betroffenen genausogut den Kopf tätscheln und “Alles wird gut” sagen.

Oder eine Fähre taufen.

flattr this!

5 Gedanken zu “Tugendfuror

  1. Hey Natalie-
    ich fand Deinen ersten Beitrag zum Auschrei Thema schön, weil nachdenklich und überlegt. Vor allem den Teil zum Thema “Jungs, bitte nicht defensiv werden, auch wenn’s schwer ist, lasst uns einfach mal unsere Erfahrungen ungefiltert und unsortiert in den Raum werfen, das tut gut”. Denn genau das war der Aufschrei ja – venting. Und in diesem Sinne sicher wichtig. Nur: eine echte Debatte kann auf der Basis nicht geführt werden, weil eben unsortiert und unbedacht und alles in einen Topf geworfen wird. Und auch wenn Hysterie ein problematisches Wort ist, ohne Zweifel, es war eines, das sicher vielen in dem Zusammenhang durch den Kopf gegangen ist: nicht im Sinne einer individuellen Diagnose, aber eben doch im Sinne einer Beschreibung der Debatte auf der Makro-Ebene. So wie Du das auch formuliert hast – “da geht einiges durcheinander, aber nehmt das erst mal hin”. Und dann kann man irgendwann drüber reden, wie man die Gedanken und Erfahrungen sortiert und sich dann gegenseitig zuhört. Nur: Bei den Initiatorinnen habe ich nicht den Eindruck, daß es darum geht (im Gegensatz zu Dir, nur lese ich Dein Blog jetzt erst zum zweiten Mal), sondern schlicht um die Etablierung von Deutungshoheit zum Thema, auch wenn sich ihre Einschätzung der Situation von der der breiten Mehrheit der Frauen (und sogar akademischen Feministinnen) inklusive derjenigen mit Twitter Account zumindest in meiner Umgebung, signifikant unterscheidet – siehe auch: http://blogs.faz.net/deus/2013/01/27/frau-guttenbergs-nichten-wie-man-den-feminismus-und-den-netzdiskurs-ruiniert-1055 .

  2. Hallo Sam,

    ja, das Problem mit der Deutungshoheit und die Gefahr des “Wenn du nicht so und so bist, denkst und handelst, darfst du keine Feministin sein”-Ausschlussverfahrens beschäftigt mich auch schon seit einiger Zeit. Hab mir vorgenommen, am 8. März ein wenig darüber zu sinnieren. Passend zum Datum und so. ;)

  3. Ich bin durch Zufall auf diesen dümmlichen Kommentar gestoßen und teile hier die Sicht des Bundespräsidenten. Er sagt “Mit Sicherheit gebe es in der Frauenfrage noch einiges zu tun. Aber eine besonders gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen kann ich hierzulande nicht erkennen”. Gravierend und Flächendeckend! Vielleicht war das Wort Tugendfuror unglücklich. Sich aber auf ein unglückliches Wort zu stürzen und hieran Kritik festzumachen (anstelle seine Gesamtaussage zu bewerten), dass hat für mich Züge der Besessenheit. Übrigens ist “Besessenheit” die Bedeutung von Furor. Nur im Falle, dass man einer Frau Besessenheit unterstellt wird daraus die Form “Furie”. Wenn also die 25 Unterzeichner behaupten das Wort “Furie” wäre Frauenbeleidigend, dann stürzen sie sich sogar auf eine Wortform die Gauck gar nicht gesagt hat. Er hat eben bewusst die Geschlechtsneutrale Form verwendet und sich somit eben gerade nicht auf “Die Frauen” bezogen.

    • Dieser Kommentar wiederum, dem ich kein wertendes Adjektiv zuordne, da er für sich selbst spricht, befand sich ohne jegliche Zufälle in meiner Inbox zwecks Genehmigung. Interessanterweise lasse ich andere Meinungen zu. Über unsere Lateinkenntnisse können wir uns gerne weiter austauschen. :)

  4. Hallo Natalie,

    den SPIEGEL kannst Du ohne schlechtes Gewissen oder Angst weiterverlinken. Die haben erklärt, daß sie keinen Vorteil aus dem LSR ziehen wollen, genauso z.B. der heise-Verlag aus Hannover. An Copyright mußt Du natürlich genauso halten, wie es immer schon der Fall war, insbesondere bei Fotos.

    LG Dieter

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>