Über Wagnisse, Abwägungen und andere gewichtige Themen

Meine Waage zeigte heute früh 88,1 Kilogramm an. Körpergröße: 1,61 Meter. Kleidergröße: 48. So, mal eben in die Welt rausgepustet und huch, Überraschung! Tut gar nicht weh! Sind ja nur Zahlen.

Nur. Und nicht nur.

Das Problem sind nicht die Zahlen selber, sondern die Assoziationen, die diese Zahlen hervorrufen, bei mir, bei anderen, in meinem Kopf, in „der Gesellschaft“, in der weiblichen Welt und in der männlichen Welt.

Für mich bedeuten diese Zahlen: Okay, ich hab mich in der letzten Zeit schlecht ernährt und zu wenig bewegt. Ich möchte in der Theorie sehr gerne wieder runter auf mein Wohlfühlgewicht um die 73-75 Kilogramm. In der Praxis liegt mein Set-Point-Gewicht vermutlich eher so um die 81 Kilo mit steigender Tendenz nach jedem Abnehmversuch, aber ich weiß, dass ich die 75 auch problemlos und ohne Leid halten kann, wenn ich mich entsprechend gut ernähre und entsprechend viel bewege. Und nein, mit „guter“ Ernährung meine ich nicht automatisch „gesunde“ Ernährung im herkömmlichen Sinne. Essen ist nicht „gut“ oder „böse“, Lebensmittel haben keinen moralischen Wert (Copyright Kate Harding & Marianne Kirby).

Mir geht’s unter folgenden Umständen am besten:

– Ich koch so viel wie möglich selbst. Weil Kochen für mich Meditation und schöpferische Tätigkeit ist. Und Hobby. Und Spaß. Und es entsteht was Leckeres dabei. Eine Win-Win-Win-ad-infinitum-Situation.

– Ich gestatte es mir, auch mal zu fressen um des Fressens Willen, wenn ich wirklich das Bedürfnis dazu habe. Ja, auch wenn es sich dabei um Frustfressen handelt. Und ich bewerte auch dieses Ereignis nicht moralisch. Keine Schuldzuweisung, kein Selbsthass, kein Teufelskreis.

– Ich bewege mich in einer Weise, die mir Freude bereitet. Das kann ein blödes Wii-Fit-Spiel sein, dem Kind durch den Flur hinterherrennen, eine Runde Spielen mit dem Hund. Spazierengehen. Whatever.

Alle diese Punkte haben eins gemeinsam: Kein Zwang. Kein Ehrgeiz. Kein genau zu benennendes Ziel. Das Lustprinzip halt.

Und hell yeah, es ist wahnsinnig schwierig, nach dieser Maxime zu leben. Vor allem für jemanden wie mich, der eigentlich einfach nur ein Ball voller Suchtpotenzial und Perfektionismus mit ein bisschen Mensch drumrum ist. Denn ich könnte doch in all diesen Dingen absolut herausragend sein, wenn ich nur ein bisschen organisierter, engagierter, konzentrierter …

We’ll love you just the way you are if you’re perfect.

Und deswegen also trotzdem irgendwie ein Zwang, nämlich das Sich-dazu-Zwingen, sich zu nichts zu zwingen, und sich zu vergeben, wenn man scheitert. Denn ehrlich, mit diesem Zwang lässt sich leben. Mit diesem Zwang lässt sich überleben.

Deswegen also: Jau, ich hab mir vorgenommen, wieder auf diesen Pfad des körperlichen, geistigen und seelischen Lustprinzips zurückzufinden. Und ich möchte weder mir noch irgendjemand anderem vorgaukeln, dass ich nicht auch insgeheim die Hoffnung dabei habe, einige Pfunde zu verlieren. Einige meiner Lieblingsklamotten sind zu eng. Find ich doof. Darf also gerne passieren. Mir geht es aber um die Rangfolge der Wünsche: „Ich mag mich wieder besser und fitter fühlen“ steht dabei ganz klar im Vordergrund. Danach kommt – ich Musterschülerin, ich – „Ich möcht gerne bei der nächsten ärztlichen Kontrolle im Juli anständige Werte haben“, und nee, die Kilos spielen dabei keine Hauptrolle, es geht um Blutzucker, Blutdruck, Cholesterin usw., Gewicht ist ein Nebensatz.

Äußerlichkeiten? Sind aber eben dennoch mit ein Auslöser. Wie gesagt, ich mag mir nicht in die Tasche lügen. Auch das stresst und belastet. Und das ist das, worauf ich am allermeisten verzichten möchte: Auf den Stress und die Belastung der mangelnden Ehrlichkeit zu sich selbst und zu anderen und vor allem auf die Scham, die damit einher geht.

Scham tötet.

Und nun komme ich zum webaktuellen Teil meines Sermons: Ich hab meine Zahlen eingangs genannt, weil heute gerade ein Hashtag bei Twitter heftig debattiert wird, in dem es um Gewicht, um Wiegen und Wohlfühlen geht: #waagnis, basierend auf diesem Eintrag bei Kleinerdrei.

Was soll ich sagen, bei dem Thema kickt mein innerer pawlowscher Hund aufs Heftigste ein. (Mmmmh, Pavlova.) Ja, ich finde das Thema wichtig und die Diskussion richtig, allein mich irritiert die Aufforderung zum Nachmachen. Deswegen greife ich nun zu den Bullet Points. Denn natürlich ist es absolut legitim und für viele Leute absolut befreiend, nicht mehr auf die Waage zu gucken, aber:

  • Die essgestörte Person, die zwecks Kontrolle nicht von ihrer Waage lassen kann, braucht mehr als ein „Lass los, dann geht es dir besser!“. So etwas kann sich extrem wertend anfühlen, und glaubt mir, darauf kann man in so einer Situation sehr gut verzichten. Werten, am liebsten sich selber ab, kann man nämlich da am allerbesten.
  • Die „Zahlen sind nicht wichtig“-Haltung hat mitunter etwas sehr Privilegiertes. Siehe auch diesen Artikel bei xojane (interessanterweise auch heute erschienen): Wenn ich der Mainstreamzielgruppe entspreche, ist es sehr viel einfacher, solche Dinge als unwichtig zu betrachten. Will sagen: Wer Klamotten in Läden findet, die nur Größen verkaufen, die der gesellschaftlichen Norm entsprechen, der muss sich auch einiges weniger um sein Gewicht bzw. seine Kleidergröße kümmern. Für mich hingegen ist es ganz und gar nicht unwesentlich, ob ich derzeit gerade in eine 46 oder doch eher in eine 48 reinpasse, denn mittlerweile kriegt man in manchen Läden auch in der „normalen“ Abteilung ab und zu eine 46. Eine 48 hingegen nur sehr selten. (Und Internetshopping für große Größen? Ja, dafür muss ich meine genauen Maße kennen. Das Gewicht? Nicht unbedingt. Aber ob es den Kopf so viel freier macht, seinen Bauchumfang zu messen statt auf die Waage zu steigen? Nicht wirklich.)
  • Und dann wäre da noch das ganz persönliche Problem meinerseits, dass ich wie oben erwähnt mit Selbstbetrug habe: Ich empfinde es als Symptombekämpfung, seine Waage wegzuwerfen. Mag sein, dass es sich wie ein Befreiungsschlag anfühlt, aber ist es nicht letztendlich eher so, dass man sich der Wahrheit verschließt, die in den angezeigten Zahlen steckt? Wäre es nicht besser, sich von den Assoziationen zu befreien, die man mit sich auf die Waage schleppt? Sollte das Ziel nicht viel eher sein, morgens auf die Waage zu steigen, schulterzuckend „Eh“ zu sagen und die Zahl auf der Waage als wertfreie Tatsache zu akzeptieren?

Es gibt natürlich zig weitere mögliche Kritikpunkte, und mir ist klar, dass ich selber vom privilegierten Standpunkt der Mittelstandshausfraumutter aus argumentiere. Aber ich kann eben nur von diesem Standpunkt aus argumentieren, weil es mir meiner Meinung nach nicht zusteht, für andere Standpunkte mitzusprechen außer dem von mir durch Erfahrungen und Erlebtes erreichten.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich will niemanden davon abbringen, seine Waage wegzuwerfen. Wenn das den Initiantinnen und ihren Mitstreiterinnen hilft, dann gibt’s von mir ein absolut unironisches „Super!“. Aber ich mach halt nicht mit. Und beide Verhaltensweisen sind weder mutig noch feige, sie sind einfach unterschiedlich.

„Unterschiedlich“ wie in „anders“. Übrigens auch so ein Wort, das eigentlich wertfrei sein sollte. „Anders“ ist nämlich weder ein Synonym für „besser“, noch eins für „schlechter“. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und die sollen bekanntlich ein anderes Mal erzählt werden.

 

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4 Gedanken zu “Über Wagnisse, Abwägungen und andere gewichtige Themen

  1. Hey, ich fand diesen Artikel toll, obwohl ich erst die Hand vors Gesicht schlagen wollte, weil du am Anfang dein Gewicht und deine Grösse geschrieben hast. Das las ich schon woanders, und ich weiss nicht wieso, aber mich stört das. Vielleicht weil es einen „messbaren Anhaltspunkt“ bietet, nach dem alle, die dies hier lesen, sich anmaßen können, deine Worte laienpsychologisch zu beurteilen.
    Naja, aber bis auf das: Mir gefiel vor allem der entspannte, dem Lustprinzip folgende Ansatz aufs eigene Körperausmaß zu achten, den du vorgestellt hast. Ich koche viel zu selten und aus den Gründen die du genannt hast finde ich das super schade, und ich versuche im Moment meine Ernährung zu verbessern indem mehr lecker gekocht wird.

  2. Genau um diese mögliche Beurteilung geht es mir. 😉 Ich muss lernen, mich von der Scham zu befreien, die die Gesellschaft mir durch mein Körpergewicht auferlegen möchte – und das klappt für mich am besten, indem ich mich hinstelle und sage: „Hallo, ich bin dick. Hier sind die Zahlen und Fakten, die diese Aussage belegen. Und diese Zahlen und Fakten sind ebenso wie der Begriff „dick“ ein reines Deskriptivum, kein Pejorativum. Ihr könnt mich nicht mit einem Wort beleidigen, dessen Bedeutung ich mir zurückerobert habe.“

    So lautet zumindest die Theorie. In der Praxis bin ich noch einiges von dieser Haltung entfernt, aber der Weg dorthin führt für mich eben über solche Aktionen. 😉

    (Der Lustprinzipansatz ist übrigens meine frei interpretierte Variante des Intuitive Eating, irgendwie)

  3. Hi Natalie, danke für die Antwort. Ich habe das mit den Zahlen gar nicht so in Bezug auf dein Dicksein gemeint, sondern mir fiel auf, dass einige der Waagnis Artikel (ich glaube, sogar alle der Initiatiorinnen) Auskunft darüber gaben, wie schwer denn nun die Autorinnen sind. Bei einer stand auch explizit drüber, wie groß und schwer und darunter waren Kommentare wie „Du bist ja BMI mässig total okay und brauchst dir keine Sorgen machen“. (andere dann offenbar schon)
    Also, dass bei Vielen möglich war zu denken: Och, das ist ja noch „normal“ oder „hm, schon bischen dick“ oder „ja, zu dick“.
    Ich kann mir ganz schwer anhand von solchen Zahlen vorstellen, wie die Person aussieht – es gibt auch ziemlich muskulöse Menschen deren Zahlen dann aussagen würden, sie wären dick, aber sie bemessen dann die Muskelmasse. Oder es gibt dicke Menschen die gleichzeitig sportlich und muskulös sind. Ich habe mal gelernt, dass dicke Menschen auch eine starke Muskulatur entwickeln, weil sie eben ständig das Gewicht trägt und dadurch entsprechend trainiert wird. Und dann stehen da Zahlen und die Leute denken, diese Zahlen belegen irgendwas, aber eigentlich belegen sie nicht viel. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen wie du aussiehst und ärgere mich eher über all die Leute, die denken, sie könnten’s dann, und dass dem dann Vorschub geleistet wird.

    Aber so wie du das in deiner Antwort erklärt hast habe ich das jetzt verstanden, warum die Zahlen da stehen, danke!
    Ich hoffe dass es im dt. sprachigen Raum immer mehr von diesen Beiträgen gibt die Gesundheit, Wohlbefinden und von mir aus auch Sportlichkeit unabhängig vom normschlanken Körper thematisieren und nicht Dicke immer in die Ecke ungesund und unsportlich geschoben werden.

  4. Pingback: Nach dem #waagnis | Kleinerdrei

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