#waagnis, The Backlash

So. Und jetzt bin ich wütend. Wütend, weil es mal wieder so abläuft wie immer. Wütend, weil ich es nicht mehr hören kann. Wütend, weil ich mir jetzt wieder die Finger wund tippen werde und sich nichts ändert.

Hueregopfertamisiech, wie ich in meiner Muttersprache sagen würde.

Manche Initiantinnen und Unterstützerinnen von #waagnis fühlen sich unfair angegriffen, weil sie doch eigentlich eine positive Aktion starten wollten – und weil sie ja nun mal auch nichts dafür können, dass sie in die gesellschaftlich definierte „Norm“ passen. Und auch sie haben doch ein Recht darauf, sich über ihre alltäglichen Frustrationen in Bezug auf ihren Körper und dessen öffentliche und private Wahrnehmung zu beschweren und diese zu bekämpfen, mit dem Mittel ihrer Wahl. Oder nicht?

Viele Fat- und Body-Acceptance-Bloggerinnen fühlen sich übergangen, weil sie die Liebe zum eigenen Körper oder wenigstens dessen Akzeptanz nicht zuletzt in der Öffentlichkeit doch schon seit einiger Zeit predigen und nun mitansehen müssen, dass „ihr“ Thema von Frauen mainstreamisiert wird. Von Frauen, die – es lässt sich nicht leugnen – trotz ihrer Alltagsprobleme eben doch von einem gewissen Thin Privilege profitieren, unbewusst natürlich, aber trotzdem. Und das ist legitim frustrierend. Oder nicht?

Also folgt Tweet auf Blogeintrag auf Hashtag auf Rant, Emotionen kochen hoch, und am Ende sind wir wieder bei: Being a woman. U R DOIN IT WRONG.

Und ich sitz irgendwo dazwischen und denk mir „HIMMELHERGOTTSACKZEMENT ES IST WIE IMMER DIE GLEICHE SCHEISSE!!!einself!“

Klar, ich könnt jetzt was über die viel beschworene und angeblich nicht existente Sisterhood schreiben und darüber, wie die Männer ihren eigenen Club haben, der viel besser funktioniert, because the first rule of MENZ club is you don’t talk about MENZ club, und guckt mal, die Weibchen zerfleischen sich mal wieder gegenseitig, höhöhö, so kommen sie nie weiter, klappt alles bombig, Prost.

Aber darauf hab ich keinen Bock. Ich hab keinen Bock mehr darauf, die Geschlechter gegeneinander auszuspielen, ich hab keinen Bock mehr darauf, Frauen gegeneinander auszuspielen, ich hab keinen Bock mehr auf eine weitere Runde „Wir sind derselben Meinung, aber irgendwie anders, deswegen Hass Hass Hass“.

Ich will, dass der ständige Deutungshoheitskrieg aufhört. Ich kann es nicht mehr hören, was ich als Feministin zu tun oder zu lassen habe, damit ich meine Klubkarte behalten darf. Ich krieg das Kotzkreischen, wenn mir noch jemand versichert, dass ich aufgrund meines Privilegs als Nichtarbeitende die Klappe halten soll – und dann im nächsten Atemzug damit kommt, dass ich ja als Nichtarbeitende sowieso feministisch minderwertig bin und kein Recht auf eine Meinung hab. Und wenn noch ein flink dahingeschlenzter Dickenwitz seines Weges kommt, dann … dann …

Dann rufe ich erst recht dazu auf, diese Wut zu instrumentalisieren, die ich empfinde. Die wir alle empfinden. Aus unterschiedlichsten Gründen. Aber hey: Aus Gründen. Und mehr brauchen wir im Internet ja bekanntlich nicht, gell?

Hier, lest euch mal diesen Blogeintrag zum Thema Wut durch. Und ganz besonders das hier:

Robert August Masters (ein amerikanischer Therapeut) sagt: “Die meisten von uns verwechseln Wut mit Aggression, das ist schonmal das Erste. Aber Wut, in ihrer reinen Form, ist eine verletzliche Emotion. Sie ist eine Art zu zeigen, dass einem etwas wichtig ist und dies energetisch zu betonen. Das ist keine Scham und keine Beschuldigung, nur Feuer. Es ist eine Energie, die eine Beziehung vertieft, wenn sie gut aufgenommen wird.

Wenn sie gut aufgenommen wird. Und daran, so deucht es mich, krankt es ganz gewaltig. Ich hatte mal eine recht intensive Diskussion mit meinem Mann darüber, wie man reagieren sollte, wenn jemand in blinder Wut feststeckt – soll man beschwichtigen und aufzeigen, dass doch alles nicht so schlimm ist und dass die betreffende Person eventuell überreagiert? Oder soll man die Wut akzeptieren und einfach mit einem „Ich sehe, dass du wütend bist. Ich bin hier, wenn du darüber reden willst“ reagieren? Mein Mann tendierte zu Ersterem, ich habe sehr vehement die letztere Variante verteidigt. Tu ich auch jetzt noch. Wut in ihrer reinen Form ist ein legitimes Gefühl, sie zu negieren hilft niemandem weiter.

Erst recht nicht übrigens, weil wir als Frauen ja sowieso darauf konditioniert werden, unsere Wut nicht auszuleben, denn das ist ja so unweiblich und unattraktiv und igitt bäh, und argh, ich krieg schon wieder das Kotzkreischen.

Und deswegen: Ja, ich bin jetzt gerade wütend auf uns alle. Akzeptiert das. Und ja, ich kann auch verstehen und akzeptieren, dass ihr gerade wütend aufeinander seid. Nur: Wie wäre es damit, diese Wut auf das eigentliche Problem zu kanalisieren? Das Problem sind nicht wir. Wir missverstehen einander nur. Und das ist ein ganz anderes Thema, das relativ einfach aus der Welt geschaffen werden kann, durch klare Kommunikation, inklusive Zuhören und Ablegen der eigenen Defensivmechanismen.

Wütend hingegen sind wir auf etwas ganz anderes: Auf die „Norm“, die uns auferzwungen wird. Und die „Norm“, das sind keine Einzelpersonen, das ist eine ganze Gesellschaft, die befeuert wird von Medien, Werbung, Politik et cetera. Klar können wir uns als einzelner Mensch vornehmen, uns gegen diese Norm aufzulehnen. Aber es darf nicht von uns erwartet werden. Sonst wären wir dann wieder bei der Dove-„Sketches“-Kampagne, in der uns der Konzern, der auch für die Axe-Werbung verantwortlich zeichnet, weismachen will, dass wir doch gefälligst die Schönheit in uns selber zu finden haben. Die Schönheit, die wir natürlich nur durch Verwendung gewisser Produkte erlangen.

Ja, ich als einzelne Frau versuche auch, mich gegen diese Norm zu wehren. Aber ich werde mich hüten, es anderen Frauen als einzig seligmachendes Rezept zum Glücklichsein anzudrehen. Mir hilft’s. Euch vielleicht nicht. Aber es wäre allen geholfen, wenn wir unsere Wut kanalisieren und gegen diejenigen richten würden, die uns die Norm als Nonplusultra einzubläuen versuchen. Und das sind nicht diejenigen, die sich dagegen auflehnen, indem sie ihre Waage wegwerfen, und genausowenig sind es diejenigen, die darauf hinweisen, dass sie als Dicke zusätzlich unter Repressionen zu leiden haben, ganz abseits der Zahlen. Die Oppression Olympics fallen dieses Jahr aus, danke sehr. Stattdessen gibt es Angry Women Everywhere. AWEsome.

Nein, wir müssen einander nicht alle lieb haben. Aber wir könnten doch mal gemeinsam wütend sein. So dass es die Richtigen trifft.

Ich sag ja nur. Und ja, jetzt ist meine Wut verpufft, zumindest die auf die ganze #waagnis-Debatte. Geht doch.

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10 Gedanken zu “#waagnis, The Backlash

  1. Oh, du wunderbare Natalie, habe ich dir in letzter Zeit gesagt, wie AWEsome du bist?! Danke für diesen Post! Ich habe aufgehört, mich durch die Debatte zu klicken, weil es mich derartig aufregt, dass ich ungesunden PULS kriege, aber du hast meiner ge-muteten Wut gerade den Kanal gegeben. Du hast so recht. Besser geht’s nicht.

  2. Danke für den Text, dem ich in vielen Punkten zustimmen kann.

    Ganz schade finde ich die Position „Ich kann es nicht mehr hören, was ich als Feministin zu tun oder zu lassen habe, damit ich meine Klubkarte behalten darf“.
    Wenn „wir“ streiten und einander Dinge sagen wie: „Hier haben sich schon viele Feministinnen engagiert, macht das bitte nicht unsichtbar.“ oder „Setz das mal in größeren Kontext“ (selbstverständlich in einem weniger aufgeräumten und emotionalen Ton/Formulierung, aber heh, echt, tone-argument?), dann ist das kein Deutungshoheitskrieg. Das ist die Weitergabe von Wissen und im Endeffekt Erklärbärinnen-Service.

    Feminismus ist kein Club. Feminismus ist aber die Bereitschaft, eigene Haltungen und Handlungen zu hinterfragen und ggf. Kritik anzunehmen, umzusetzen und gerne auch andere kritisieren.

    • Mir geht es nicht darum, etwas unsichtbar zu machen oder abzustreiten – ich hab einfach ein Problem damit, dass es sich manchmal anfühlt, als müsse man eine Checkliste abhaken können, bevor man sich Feministin nennen darf.

      Nehmen wir als Beispiel, dass ich mit meiner Entscheidung, als Hausfrau und Mutter zu leben, eine ganz klar nicht feministische Wahl getroffen habe. Dessen bin ich mir absolut bewusst. Es ist aber nun mal das, was zu diesem Zeitpunkt für mich passt und was ich mir – Privileg sei Dank – leisten kann. Ich entspreche allerdings damit einer Rolle, die dem konservativen patriarchalischen Weltbild gut in den Kram passt. Darf ich mich trotzdem als Feministin betrachten angesichts der Tatsache, dass mein sonstiges Denken und Handeln darauf ausgerichtet ist? Das mag für manche albern klingen, aber ich stelle mir diese Frage nun mal. Dito was klischeemäßig „Weibliches“ angeht – mir ist es wichtiger, solche Dinge aufzuwerten, i.e. ihnen die gleiche Berechtigung zu verschaffen wie „männlichen“ Themen, als sie zu verteufeln. Andere sehen das komplett anders, und sie liegen damit auch richtig, aber bedeutet das, dass meine Ansicht falsch ist?

      Mir wird viel zu wenig oft unterschieden zwischen „Feministin sein“ und „feministische Entscheidungen treffen“. Das sind nicht zwingend Synonyme – auch Leute, die nicht als Feministinnen betrachtet werden wollen, fällen mal feministische Entscheidungen. Und nicht jede Feministin fällt immer die feministische Entscheidung.

      Aber genau das wird nach meinem Empfinden oftmals erwartet bzw. suggeriert, wenn auch unbewusst: Dass man sich nur Feministin nennen darf, wenn man immer überall das nach der Deutungshoheit der jeweils betreffenden Person „Richtige“ tut. Und das prangere ich an. Weil es (mich zumindest) verunsichert, verletzt und unnötig filtert.

      • Puh. Ja. Vielen Dank für diesen Post und das, was Du in dem Kommentar hier schreibst. Das gibt mir gerade sehr viel.
        Meine Wahrnehmung ist eine ähnliche. Ich hab ganz ganz spät, erst vor etwas über einem Jahr, angefangen, mich (dann aber gleich sehr) intensiv mit Feminismus auseinanderzusetzen, Bücher und vieleviele Blogs zu lesen – und mich zu fragen, was das für mich bedeutet. Meine aktuelle Situation ist nun, dass ich weiß, wie wenig ich weiß, besonders im Vergleich zu vielen, die sich schon sehr lange feministisch engagieren. Nur – wann wäre ich in der Position, mich äußern zu „dürfen“, ohne Gefahr zu laufen, die Arbeit von Frauen unsichtbar zu machen, einfach nur, weil ich nicht genug weiß? Das ist ein Punkt, mit dem ich lange hadere. Und die andere Sache ist: ich habe, ganz ehrlich, und auch wenn das wirklich dämlich klingt, oft einfach Angst. Zum Beispiel, mich zu Themen, und sei es nur per Kommentar, ganz zu schweigen von eigenen Posts, zu äußern. Nicht Angst vor Kritik. Angst davor, falsch feministisch zu sein. (Das liest sich wirklich schlimm, so hingeschrieben. Aber genau das ist es.) Angst, nicht so feministisch zu sein, wie frau sein „sollte“, wie es „richtig“ ist (ich nutze bewusst so viele Anführungszeichen, rational weiß ich, dass es das nicht gibt. Geben sollte. Aber diese Angst ist auch nicht gerade rational).

        Ich habe für mich das Gefühl, Vieles einfach für mein eigenes Leben noch nicht ganz durchgedacht oder „durchgelebt“ zu haben. Und deshalb sind Themen, die vielleicht vom Feminismus(TM) bzw. bestimmten Strömungen längst durchdiskutiert wurden und „klar“ sind, das für mich noch lange nicht. Nur ganz allein für mich persönlich, zu dem ich für mich erst noch eine Haltung finden muss. Dann nähere ich mich einem Thema an, das vielleicht längst klar ist, es für mich bis dahin nicht war, das ich dann erst für mich erschließe und vielleicht be-schließe. Ich glaube auch, dass das eine Ursache für diese „Deutungshoheitsdifferenzen“ sein könnte – dass einfach nicht alles für jeden so klar auf der Hand liegt, wie es liegen könnte, wenn wir bspw. anders sozialisiert worden wären oder diese Gesellschaft eine bessere wäre. Womit wir wieder bei unserer Konsenschance wären, von der Du so schön schreibst – wir könnten mal gemeinsam wütend sein.

        (Das war übrigens mein erster Kommentar zu einem feministischen Blogpost. Huch.)

  3. Bezüglich der Frage, wie man mit Wut umgehen sollte, geb ich dir auf jeden Fall recht. Wenn man behauptet, es wäre ja halb so schlimm, fühlt derjenige sich nicht ernst genommen in seinem emotionalen Anliegen und wird eventuell noch wütender, weil er seine Wut verteidigen muss.
    Mein Freund war ein sehr wütendes Kind und er erinnert sich aus seiner frühesten Kindheit an dieses schreckliche Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.
    LG Lotti

  4. Pingback: Hemminismus | Natalies Blog

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