Ich hab nichts zu verbergen, aber …

Ich erspar uns mal allen die Fakten, okay? Ihr wisst schon: Snowden, PRISM, O Tempora, o mores. Ich mach mir mal eben einfach eine Runde unsortierte Gedanken.

Ehrlich gesagt, ich bin ziemlich sorglos, was meine Daten angeht, und ja, ich gehöre auch zur „Eh, ich hab ja nichts zu verbergen“-Fraktion.

Aber.

Nur weil man meinetwegen überall in meiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft rumpopeln könnte, heißt das nicht automatisch, dass man das darf. Oder sollte. Ich hab zwar nichts zu verbergen, aber das geht trotzdem nicht immer alle etwas an. Ich möchte zumindest theoretisch immer noch eine gewisse Entscheidungsfreiheit darüber haben, wer was wann wo und wie erfährt. Dass das mittlerweile illusorisch ist? Logo. Dass ich aber trotzdem bereit bin, mir diese Entscheidungsfreiheit zurückzuerobern? Auch logo.

Und deswegen, auch wenn er privatpersönlich ja mehr so wie ein Unsympath wirkt: Ja, natürlich würde ich Snowden bei uns aufnehmen (er dürfte dann die Wäsche erledigen, um die ich mich gerade drücke, har har har). Zumindest vom Standpunkt der grauen Theorie aus gesehen. Wie wir dann wirklich reagieren in so einer Situation, wissen ja die meisten von uns zum Glück nicht. Für solche Gedankengänge verweise ich die des Französisch Mächtigen mal eben auf „Né en 17 à Leidenstadt„. Ich würde gerne glauben, dass ich die Eierstöcke hätte, mich hinzustellen und zu sagen „Ja, ich nehme das Risiko auf mich. Egal, was passiert, dafür stehe ich ein.“ Ich schätze mich als Menschen ein, der stark für seine Meinungen und Überzeugungen eintritt, und es gibt sicher genug Leute, die mal anderer Ansicht waren als ich, die das bezeugen können. Ähem. Aber garantieren kann ich es nicht.

Und ich bin sehr froh, dass ich es nicht muss.

Ich bin aber auch kein Staat. Ich weiß allerdings, was ich mir sowohl von meinem Herkunfts- als auch von meinem Aufenthaltsstaat wünschen würde: Den Mut, in der Praxis das zu tun, worüber ich nur in der Theorie spekuliere. Snowden ist ein politischer Flüchtling. Gewährt ihm Asyl. Und wo ihr gerade dabei seid, überdenkt eure Asylpolitik bitte auch mal in Bezug auf die Flüchtlinge, die keine Schlagzeilen machen. Danke.

Ich geh dann mal meine Wäsche selbst erledigen.

Wichtige weiterführende Links:

Anke Domscheit-Berg im Interview mit der Schwäbischen Zeitung

Wir haben kein Sicherheitsnetz, um Whistleblower zu schützen. Dabei sind diese Menschen so wichtig als Korrektiv für Fehlentwicklungen, die es auch in einer Demokratie immer wieder gibt. Wir brauchen endlich rechtliche Regelungen, wie wir sie schützen können, auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene.

Nico Lumma: Überwachung überall

Überwachung führt zu einem Klima der Angst. Alle sind verdächtig, niemandem kann man mehr trauen, die Algorithmen können Daten so rekonstruieren, dass man schuldig ist. Kafka lässt grüssen.

Ich weiss nicht, wie es Euch geht, aber wenn ich vermehrt Polizeiwagen Patrouille fahren sehe, fühle ich mich nicht sicherer, sondern unsicher.

berlinmittemom diskutiert mit ihrer Tochter über das Thema

Ja, wir würden ihn verstecken. Das wäre wahrscheinlich sogar die beste Lektion für unsere Kinder. Denn das ist es, was ich ihnen beibringen will: dass sie ihre Freiheit höher einschätzen als ihre Angst oder ihre (vermeintliche) Sicherheit. Dass sie durchschauen lernen, was die wichtigen, die “richtigen” Werte in unsere Gesellschaft und im Zusammenleben mit anderen sind. Dass sie nicht ihre Grundrechte dran geben aus Angst um ihre Sicherheit.

„Vivir con miedo es como vivir a medias“, wie Fran zu sagen pflegte.

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