Dem Sterben ein Ende gesetzt

Ich weiß nicht, warum mich Wolfgang Herrndorfs Tod so beschäftigt. Ich habe keins seiner Bücher gelesen, nur seinen Blog. Jetzt gerade eins seiner Werke zu kaufen, hat für mich etwas Leichenfledderisches, etwas von Pflichterledigung, von Geringschätzung seines Schreibens – „Oh, er ist tot, besser schnell mal lesen, was er so geschrieben hat“. Nicht der richtige Anlass. Später dann vielleicht.

Ich habe noch nie über die Nacht gesprochen, in der meine Mutter starb. Ich möchte das jetzt tun.

(Merkwürdig, nicht wahr, dass manche Dinge leichter auszusprechen sind, wenn man sie in die fragwürdige Anonymität des Internets hinaustippt, statt sie jemandem von Angesicht zu Angesicht zu erzählen. Man vermeidet die direkte Reaktion, auch eine Form von Selbstschutz, nehme ich an. Genau wie die Verwendung von „man“, wenn eigentlich „ich“ gemeint ist …)

Meine Mutter wurde in den 50er Jahren, als sie neun war, mit der Diagnose „Diabetes“ konfrontiert. Heutzutage ist das bekanntlich eine Volkskrankheit, damals … nun ja, alles war etwas anders. Was durfte ein Diabetiker tun und was nicht? Welches Leben erwartete einen Diabetiker? Man kombiniere diese Fragen mit der generellen Denkweise der damaligen Zeit und einer Mutter, bei der das Selbstmitleid, eine kranke Tochter zu haben, mit im Vordergrund stand, und man erhält: Ein gebremstes Leben voller unerfüllter Träume. Ach ja, und inklusive Depressionen.

(Ja, ich habe den genetischen Hauptgewinn in der Familie erwischt – aber ich habe glücklicherweise gelernt, damit anders umzugehen. Ich will jetzt auch gar nicht groß auf das Thema „Unerfüllte Träume und eine Tochter haben, die einem ähnlich scheint, die könnte doch dann diese Träume …“ eingehen. Andere Geschichte, anderes Mal.)

Der Diabetes meiner Mutter war immer schwierig zu regeln, schwere Folgeschäden waren ein Thema, das mich durch meine Kindheit und Jugend begleitet hat. Dass uns grob geschätzt einmal pro Jahr eine von der Gemeinde angestellte Dame betreute, weil meine Mutter im Krankenhaus war: War halt so. Kannte ich nicht anders. Auch rückblickend denke ich: Ja, es war eigentlich ziemlich scheiße, das alles. Aber war halt so. Was soll man schon ändern, bereuen, rückwirkend bemitleiden, und vor allem auch: Wen? Es war ja für alle schwierig. Und keiner war „schuld“.

Jahrelang Dialyse. Ich konnte mir nicht wirklich etwas darunter vorstellen. Ich weiß nicht, ob man mich diesbezüglich vor der Wahrheit behütet hat, oder ob ich einfach mal wieder nichts mitgekriegt habe, weil meine eigene Welt so viel spannender war. Egozentrik als Selbstschutz des Seelenheils, vielleicht.

Eine Nierentransplantation. Mehrere amputierte Zehen. Wir scherzten darüber, dass sich der Chirurg von den ganzen OPs diverse Luxusgeräte leisten konnte. Der Zeh da, das war ein neuer VHS-Recorder. Noch heute verwirre ich viele Leute oder stoße sie vor den Kopf, weil ich einen ziemlich morbiden und fatalistischen Humor in Anbetracht von schlimmen Situationen an den Tag lege. Was soll ich sagen, es half uns damals, es hilft mir noch heute.

Dann funktionierte Mitte der 90er die transplantierte Niere nicht mehr richtig. Dialyse, wieder. Die brave Tochter muckte im Auslandssemester auf und schrieb einen Brief, dass sie ihr eigenes Leben leben wolle. In Australien. Ja, cherchez l’homme, natürlich. Er hat unsere Beziehung beendet, als ich ihn gleich nach dem Einwerfen des Briefes anrief. Ich hab’s trotzdem durchgezogen, aus Sturheit und als Befreiungsschlag. Ich bereue es nicht.

(Und tief in mir drin gibt es dennoch den Teil von mir, der in ganz besonders dunklen Stunden hochbrüllt, dass ich meiner Mutter damit den Todesstoß versetzt habe.)

Im Jahr darauf, ich war gerade zwei Wochen in Australien und richtete mir das Leben als Journalismusstudentin ein, kam eines Abends der Anruf: „Du musst nachhause kommen. Mami will sterben.“

Das war damals mit die schlimmste Nacht meines Lebens, aber was will man tun? Versuchen, es der geliebten Person auszureden? Es ist nicht mein Leben, es ist nicht mein Recht. Es ist ihre Entscheidung. Also zurück in die Schweiz, Abschied nehmen. Sie war bereits im Krankenhaus, als ich ankam, aber noch wach. Wer die Dialyse verweigert, stirbt innerhalb einiger Tage an Nierenversagen: Der Patient dämmert weg und ist irgendwann fort.

Der Anruf kam mitten in der Nacht, eine Schwester ließ uns wissen, dass wir kommen sollten, es gehe zu Ende.

(Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, solche Anrufe tätigen zu müssen. Die Ärztin, die bei meiner Fehlgeburt diagnostizierte, dass das Herz nicht mehr schlug, unterdrückte ihre Tränen unterdrückt und sagte „Scheiße“. Ich erinnere mich daran, dass das für mich mit die hilfreichste Reaktion überhaupt war.)

Meine Mutter war seit einiger Zeit nicht mehr bei Bewusstsein gewesen, nun war ihr Atem unregelmäßig, angestrengt, hohl. Immer häufiger stockte er, und ich weiß noch, dass ich mich über meinen Vater ärgerte, der ihr sagte, sie solle atmen, denn ich wünschte ihr nichts sehnlicher, als dass sie gehen konnte. Heute ist mir klar, dass jeder mit dem Tod anders umgeht und dass es nicht mein Recht ist, die Gefühle und Handlungen anderer zu missbilligen. Damals … nun ja, Wut war schon immer meine Bauchreaktion, wenn ich etwas als ungerecht empfand.

(Und mal ehrlich: Wir empfinden den Tod einer kranken Person doch immer erst mal als ungerecht, wenn wir diejenigen sind, die zurückbleiben. Wir reden in solchen Situationen von Erlösung, aber wir gestehen uns nicht zu, uns selber erlöst zu fühlen. „Darf“ man ja nicht.)

In meiner Erinnerung bilde ich mir ein, den Moment erkannt zu haben, in dem sie starb, die Veränderung in ihren Gesichtszügen, die Empfindung „Sie ist weg, nur ihre Hülle ist noch da.“ Woran ich mich nicht erinnere, sind meine Gefühle. Erleichterung, Trauer, Betäubung, alles davon? Ich weiß es nicht. Vermutlich am ehesten Verdrängung, denn ich wusste ja, dass ich bald zurückfliegen würde, ans andere Ende der Welt, studieren, weitermachen.

(Verdrängung ist übrigens die schlechteste aller Verhaltensweisen in so einer Situation. Trust me. I know.)

Und eine Beerdigung mitorganisieren. Meine Güte, wir haben doch zu quasi allem Ja und Amen gesagt, ich wurde nur wütend, als der Pfarrer vorschlug, bei der Abdankung „Nun danket alle Gott“ zu singen, denn verdammt noch mal, meine Mutter war anstrengend, und sie konnte ordentlich Gift verspritzen und in seelischen Wunden rumpopeln, aber Dankbarkeit über ihren Tod?!?! Ja, ich weiß, ich hab das missverstanden, aber siehe oben: Wut. Durchatmen und einen Schritt zurücktreten als Lebenslektion.

Meine Mutter hatte mal gesagt, die zwei Todesarten, die sie am fürchterlichsten fand, seien Ertrinken und Ersticken. Ich empfand es als grausamste Ironie überhaupt, dass sich beim Tod durch Nierenversagen Flüssigkeit in der Lunge sammelt, bis man keine Luft mehr kriegt. Ertrinken und Ersticken. Yay. Und wieder eine Lotterie gewonnen.

Weswegen hat aber nun der Tod Wolfgang Herrndorfs all dies hervorgespült? Nun, das liegt vermutlich an der Parelelle Krankheit vs Krankheit. Die eine: Tödlich. Nicht mehr behandelbar. Die andere: Tödlich, wenn sie nicht behandelt wird. Die Vorzeichen sind also ähnlich, aber auch grundverschieden. Ebenso die Konsequenzen: Auf der einen Seite das gewaltsame, durch eine Schusswaffe herbeigeführte Lebensende. Auf der anderen Seite das langsame, gewaltfreie Sterben durch Behandlungsverweigerung. Welches der beiden ist der würdigere Abgang, der in unseren ewig nach Begreifen und Verstehen des Unfassbaren (weil unbekannt und Unerforschlich) suchenden Köpfen nachvollziehbarer ist?

Ich wünsche mir mehr Wertfreiheit im Angesicht eines aus freien Stücken herbeigeführten Todes. Der Mensch verdient Respekt, im Leben wie im Sterben, er verdient es, selber zu entscheiden, wann er gehen will, wenn ihm sein Dasein als Kranker unerträglich geworden ist. Wolfgang Herrndorf und meine Mutter teilen trotz so unterschiedlicher Krankheitsgeschichten diese große Gemeinsamkeit: Sie haben nicht ihrem Leben ein Ende gesetzt. Sondern ihrem Sterben.

Man muss das nicht bewundern. Man kann das verdammen. Aber ich finde: Man sollte es respektieren.

Ich war übrigens noch nie am Grab meiner Mutter. Sie ist für mich nicht dort. Sie ist in den Frisuren vorbeigehender Frauen, im Duft von Freesien, in Momenten, in denen ich mich „ganz“ fühle.

Sie ist bei mir. Und ja, ich vermisse sie manchmal immer noch, obwohl ihr Tod mitterweile 17 Jahre her ist. Nicht wie sie in den letzten Tagen, Wochen, Monaten ihres Lebens war, zu oft reduziert auf ihr Leiden, was sie übrigens mit am unerträglichsten fand. Sondern so, wie sie in den Momenten war, als sie sich selbst war, ohne das ganze Drumherum, dass ihre Krankheit und ihr Leben ihr aufgebürdet hatten.

Und sie ist in mir, in meinem Mutterdasein, im Guten wie im Schlechten. Ich bin mir dessen bewusst, zum Glück, und ich versuche das Gute zu fördern und das Schlechte zu filtern. Es gelingt nicht immer.

Aber ich versuche es immer. Nicht zuletzt aus Respekt ihr gegenüber.

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.