Gesichter vom Herrn K.

Ich hab ja als Bayernsupporter eigentlich allen Grund, Jürgen Klopp aus Prinzip nicht zu mögen. Ist aber schwierig, denn ich halte es in meinem Fandasein eher damit, mein Team gut zu finden und mich nicht auf Rivalitäten einzuschießen. Rivalitäten sind anstrengend, und irgendeiner ist am Ende immer beleidigt. Dafür fehlt mir der Nerv.

Deswegen hab ich das Drama am Mittwoch auch mehr so zwiegespalten mitverfolgt. Einerseits war der kleine Fiesling in mir zugegebenermaßen schon am Gickern, andererseits, hey: Deutsches Team in der Champions League, italienischer Gegner, da sind meine fußballerischen Sympathien doch eher klar verteilt.

(Könnt ihr jetzt verurteilen, wie ihr mögt, aber ich kann mit dem italienischen Fußball nun mal nicht viel anfangen. Da sind sicher die Unterhosenwerbeplakate der Italiener während der WM 2006 mit schuld. Too much information.)

Ich hege gegen Dortmund eigentlich auch nur dann eine spezifische Abneigung, wenn es gegen den FCB geht. Na gut, mal abgesehen davon, dass ich Kevin Großkreutz für, nun ja, nennen wir es mal „verbal ungeschlacht“ halte und bitte bitte bitte nie die Schlagzeile lesen möchte, dass Lewandowski nun doch zum FC Bayern kommt. (Und zugegeben, Weidenfeller ist mir einfach gefühlt zu timwiesig, irgendwie.) (Und Subotic, blargh.) (Ich hör jetzt auf.) (Ich mag Hummels. Aber seine Shampoowerbung ist doof.)

Und dann ist da noch Jürgen Klopp. Ich hadere mit Jürgen Klopp. Natürlich, auf der einen Seite ist er sympathisch, eloquent, attraktiv, kumpelig, man müsste ihn eigentlich mögen. Aber auf der anderen Seite … hm. Ich nehm ihm das halt nicht immer ab. Ich finde es unglaubwürdig, wenn jemand, der auf diesem finanziellen und sportlichen Niveau arbeitet, immer noch auf Bolzplatznostalgiker macht. Das gilt übrigens auch für den gesamten BVB: Ja, natürlich habt ihr weniger Kohle als unsere Millionarios, die sich böserweise damit eine angeblich unschlagbare Mannschaft zusammenkaufen. Nur, Tipp am Rande: Gekauft werden immer noch Spieler. Eine Mannschaft daraus zu machen, ist etwas ganz anderes. Das klappt bei Bayern auch nicht immer. Aber es ist dennoch so, dass der BVB eben auch nicht Fürth ist oder Sandhausen oder der FC Schönau. Das Ruhrpott-Arbeiterclub-Klischee ist genau das: Ein Klischee. Und eine „Pöhler“-Kappe zeigt höchstens die Vergangenheit, nicht die Gegenwart. Wenn überhaupt – ist ja nicht so, dass Klopp seine ersten fußballerischen Schritte als Kind auf Bolzplätzen im Pott wagte.

Das ist also das eine: Die viel heraufbeschworene Authentizität, die auf mich einfach nicht immer echt wirkt. Ich kann absolut verstehen, dass es BVB-Unterstützer genau anders sehen, und hey, die kennen ihn ja auch besser, also mag es durchaus sein, dass mein Gefühl trügt. Ich meine, ich sitz hier ja auch im Jogiland und versuche Außenstehenden zu erklären, wie die Leute hier so drauf sind und dass du den Jungen aus dem Wiesental rausnehmen kannst, aber nicht das Wiesental aus dem Jungen. Nicht mit allen Espressos und Kaschmirschals der Welt.

Das andere ist sein Glaube. Nein, ich hab kein Problem damit, dass Jürgen Klopp ein gläubiger Christ ist – in meinem eigenen, halbwegs undogmatischen Rahmen bin ich das auch. Ich find’s einfach nur schwierig, seine wiederholten Ausbrüche auf dem Fußballplatz damit in Einklang zu bringen. Bitte nicht falsch verstehen: Ich verstehe sehr gut, wie Leidenschaft funktioniert. Hell yes. Ich verstehe auch sehr gut, dass man in so einer Situation komplett ausrasten möchte. Ich gestehe das jedem Menschen ein, egal an was er glaubt oder nicht glaubt. Aber wäre es nicht eher im traditionell christlichen Sinne, tief durchzuatmen, einen Schritt zurückzutreten und das große Ganze zu betrachten? Oder, um den berühmten Satz zu bemühen, die andere Wange hinzuhalten? Ich weiß, schwierig bis unmöglich. Gerade in dem Job. Und doch: Für mich ist es Bestandteil des christlichen Glaubens, an sich zu arbeiten, damit man dem Ideal des anständigen Menschen immer wieder ein Stückchen näher kommt. Das ist verdammt anstrengend, und Rückschläge sind vorprogrammiert. Jedoch, mir fehlt der Glaube an Klopps diesbezüglichen Fortschritt. Beziehungsweise: Es folgt immer eine Entschuldigung – hinterher. Es wäre nur schön, auch mal wahrnehmen zu können, dass die Einsicht, die dahinter steckt, eine langfristige Änderung mit sich bringt.

Ich seh davon nur nichts. Und das ist jammerschade.

(Disclaimer: Ich schreibe nie rational oder faktisch korrekt über Fußball. Ich schreibe, wie bei allen anderen Blogeinträgen, zu hundert Prozent aus dem Bauch heraus. Daher dürfen hier jetzt gerne alle mit Statistiken oder Fußballhistorie oder was auch immer um sich werfen, um mich zu widerlegen – da kann ich nicht mitreden. Ich weiß nur, dass ich Jürgen Klopp nicht mehr als potenziellen Hulk sehen möchte.)

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