Montagmorgenwut

ORR, ECHT EY. Ich hab keine Ahnung, ob es am rückläufigen Merkur liegt, an der bevorstehenden und nun erfolgten Zeitumstellung oder an irgendetwas anderem, aber mal ehrlich: Letzte Woche? Alle bekloppt. Vor allem hier im virtuellen Spielplatz Internet.

Ich meine, offline war es natürlich auch total spaßig, dass der Ehemann bereits um sechs Uhr früh im Büro war und den ganzen Tag mit irgendwelchen störrischen Programmen kämpfen musste, dass der Sohn im Kindergarten im Moment so zappelig ist, dass die eine Erzieherin meinte „Ich krieg noch die Krise!“ (worauf ich mir dachte: „Okay, das ist eine total unangebrachte Formulierung, vor allem im Beisein des Kindes – nicht dass ich dem Sohn gegenüber nicht auch schon Ähnliches geäußert hätte, aber hallo, ausgebildetes Fachpersonal?!) und dass ich von Dienstagmittag bis Donnerstagnachmittag immer zwischen 500 und 1000mg Paracetamol intus hatte von wegen Zahnschmerzen. Und die Zahnärzte nehmen ja keine neuen Patienten oder die Sprechstundenhilfen sagen was wie „Nun ja, ’notfallmäßig‘ ist relativ, nicht wahr?“ und aaaaaaargh.

Anyway. Online. Irgendwie waren Los Anderen Sagen Wie Man Zu Leben Hat Wochos, oder was weiß ich. Und deswegen gibt’s heute eine Runde Links zu Themen, die mich wirklich, wirklich FAT MENTAL HEALTH INTERSECTIONAL FEMINIST HULK SMASH wütend gemacht haben.

– „Zwarte Piet“. Habt ihr mitgekriegt, ja? So nehmt den armen Niederländern doch nicht ihre Tradition weg, Leute schwarz anzumalen und im Namen der Kinderunterhaltung Blackface als salonfähig zu betrachten! Aber nicht doch, der Piet ist nur so schwarz geworden, weil er durch den Kamin gerutscht ist! Mhm, klar, genau so sehen die Kostüme aus. Ich überlasse das Wort mal Flavia Dzodan von Red Light Politics. Und ja, natürlich kann man darauf hinweisen, dass ihre Texte einseitig sind – aber ich behaupte mal, die Gegenseite agiert minim irrationaler. Aufrufe zum Lynchen, anyone?

– Dann ging Anke Gröners Text zum Friedenschließen mit dem Dicksein bei Brigitte online. Ihr dürft euch gerne die Kommentare durchlesen, ich lasse sowas meistens bleiben, außer ich will gerade „Hass und Wut, stehn mir gut“ zur Melodie von „Hänschen Klein“ trällernd durch die Gegend laufen. Es spricht auf jeden Fall Bände, dass Anke kurz nach Veröffentlichung des Beitrags das Bedürfnis verspürte, auf diverse Aussagen in den Brigitte-Kommentaren in ihrem Blog einzugehen. Denn: Oh mein Gott, eine dicke Person, die dazu steht, dass sie mit diesem Körper leben kann, ohne ständig Selbsthass zu zelebrieren! Das geht ja mal gar nicht!! Einself1!!!

Himmelherrgottsackzementgopferdamihueresiech.

Seien wir doch mal ehrlich: Als dicker Mensch muss man sich ständig für seine schiere Existenz rechtfertigen, nur weil so ziemlich die ganze Menschheit dem Perfektionswahn verfallen ist. Und nicht nur als Dicker. Das gilt für jegliche innerliche und äußerliche Eigenschaft abseits der strikt festgelegten Norm, der so ziemlich niemand ohne Photoshop und Heuchelei entspricht. Wer nicht perfekt ist, der hat sich gefälligst zu hassen. Und keiner ist perfekt. Also, wie kannst du, der/die offensichtlich weniger perfekt ist als ich, mit dir selber mehr im Reinen sein als ich? Does. Not. Compute.

Nein, ich unterstelle niemandem Neid. Ich unterstelle dem System, dass es absolut beschissen ist und uns alle viel unglücklicher macht, als wir sein sollten. Aber ich kann ja auch nicht von Mensch zu Mensch rennen und jeden schütteln und ihn anbrüllen: „Wach auf! Du bist wunderbar! Besonders, wenn du die anderen sein lässt, wie sie sind!“

Abgrundtiefer Seufzer.

– Apropos Imperfektion: Behinderte auf Werbeplakaten? Total inspiriiiiiereeeeend, nicht wahr? Behinderte beim Essen sehen? Ih bäh. ARGH!!!

– Und dann entstand bei Twitter diese Woche noch der Hashtag #isjairre und sein positiver Gegenpol #nichtirre. Negative und positive Beispiele, die Leute mit psychischen Problemen im Umgang mit ihrer Krankheit erlebt haben. Für mich persönlich – aus Gründen – eine interessante Aktion, für diverse Leute bei Twitter verständlicherweise triggernd, und um die geht’s mir auch nicht. Mir geht es um die Leute, die dann gleich mal wieder brüllen: „MIR HILFT DAS NICHT, ALSO IST DAS DOOF UND IHR DÜRFT DAS NICHT!!!“ oder „ALLES NUR SELBSTDARSTELLUNG, BRINGT NIEMANDEM WAS!!!“ und natürlich „MÜSST IHR NACH #aufschrei SCHON WIEDER RUMJAMMERN!!!“.

Oooookay. Aaaaalso.

1.) Es ist eine gängige Annahme, dass etwas, das einem selber nicht hilft, grundsätzlich nicht gut sein kann (das mag mitunter auch mit dem Streben nach Perfektion zusammenhängen, ne? Wollen wir nicht alle Musterschüler sein, perfekte Patienten, keinen Ärger verursachen und gleich beim ersten Versuch die richtige Lösung finden? Nur ich? Auch okay). Es ist aber ebenso eine Tatsache, dass die Erlebnisse und Erfahrungen einer einzelnen Person nicht universell sind. Will sagen: Was mir hilft, muss dir nicht helfen. Was dir hilft, muss mir nicht helfen. Das macht weder das eine noch das andere schlechter, es macht sie nur unterschiedlich. You say potato, I say Citalopram.

2.) Natürlich ist Twitter Selbstdarstellung. DUH. Aber wenn ich jetzt nur von mir ausgehe: Ich hadere gerade extrem mit dem Herbst, dem Geregne und der Panik vor einem weiteren, endlosen, grauen Winter. Ich weiß, dass die für mich schwierigste Zeit des Jahres bevorsteht. Und da ist es für mich zumindest extrem hilfreich zu wissen, dass es da draußen andere Menschen gibt, die sich manchmal nicht sicher sind, ob sie ein Loch in sich haben, ob sie in einem Loch stecken oder ob sie selber das Loch sind. Sie sind da. Es gibt sie noch. Sie kämpfen, sie stolpern, sie stehen wieder auf, sie machen weiter. Und sie verstehen mich auf einer ganz anderen Ebene als dies mein direktes Offline-Umfeld zu großen Teilen je tun wird. Kurz: Ja. Das bringt was. Nicht allen. Aber siehe oben.

3.) Natürlich kann man darüber diskutieren, wie privilegienbeladen solche Twitteraktionen sind, wie wirksam sie langfristig sein könnten, wie plakativ sie wirken. Aber #aufschrei ist nicht #schauhin ist nicht #nudelnmitketchup ist nicht #isjairre. Man kann Befindlichkeitsfixiertheit hinter allen sehen, klar. Aber meiner Ansicht nach werden sie alle bereits durch eine grundlegende Gemeinsamkeit abseits der einzelnen Thematiken legitimiert: Zusammenhalt. Die Erkenntnis des Nicht-Alleinseins. Natürlich mag eine solche virtuelle Geborgenheit manchen trügerisch erscheinen. Aber das heißt nicht, dass andere sie nicht empfinden dürfen. Und vor allem: Diese Hashtags stehen nicht in Konkurrenz zueinander. It’s not the Hashtag Olympics. Im Gegenteil. Auch hier: Die gesellschaftliche Norm und das tatsächliche Leben.

– Ach ja, und dann fühlte sich Sarah Kuttner bei Facebook gestern Abend noch genötigt, anderen Leuten vorzuschreiben, wie sie ihrer Trauer über Lou Reeds Ableben Ausdruck verleihen sollen. Nun ja. Ich persönlich habe keine große Beziehung zu Reeds Musik oder Person, ich hab mir gestern aus aktuellem Anlass bei Youtube eine Dokumentation über ihn angesehen, und mir ist durchaus klar, wie extrem einflussreich er war. Ich hab nirgends in meinen Social Media-Auftritten „R.I.P.“ hingetippt, weil ich die Formulierung nicht mag. Aber ich würde mir nie und nimmer anmaßen, anderen zu unterstellen, dass sie nur um der „Imagepflege“ Willen diese drei Buchstaben verwenden. Manchen Leuten fehlt nun mal die Eloquenz, um viel mehr zu schreiben. Andere finden vielleicht, mit einem solchen Statement sei alles gesagt. Und ja, natürlich: Sehr viele da draußen schließen sich einfach dem allgemeinen Trend an, weil alle anderen ja auch und hey, ich weiß wer Lou Reed ist und in der Tat, Imagepflege. Aber diese Grundsatzannahme, dass man selber die traurigste Trauerperson ist, die trauert, und dass keiner anders zu trauern hat als man selbst? Geht. Mir. Weg. Damit. Trauer hat so viele unterschiedliche Gesichter und Facetten. Das mag meinetwegen auch einen Rundumschlag gegen andere beinhalten. Aber das ist dann der Moment, in dem ich mich wehre, denn letztendlich geht es in allen diesen aufgezählten Wütendmachthemen doch nur um eins:

Leben. Leben lassen. Auch wenn man sich nicht mit dem anderen identifizieren kann. Nicht besser. Nicht schlechter. Nur anders.

Und zum Glück gibt es Patrick Stewart.

stewart

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