Mehr Mut zum Ich – Wie wird mein Junge ein guter Mann?

Bei berlinmittemom läuft derzeit eine Blogaktion zum Thema „Mehr Mut zum Ich“. Dabei geht es darum, Mädchen in ihrer Individualität zu bestärken. Eine wichtige Angelegenheit, offensichtlich. Wie sehr ich selber ein Lied von Schönheitsidealen und Wunschträumen singen kann? Nun, ich habe ein Buch dazu verfasst.

Aber sehen wir den Tatsachen ins Auge: Ich bin keine Mädchenmama. Ich bin Mutter eines Jungen. Also, was geht mich dieses Thema überhaupt an?

Viel. Sehr viel. Alles. Denn was hilft es, wenn wir den Mädchen Stärke vermitteln, wenn wir nicht gleichzeitig auch den Jungs beibringen, wie man mit Mädchen und Frauen umgeht? Was nutzt es uns, wenn unsere jungen Frauen irgendwann alle verstanden haben, dass unsere Gesellschaft sie systematisch unterdrückt (ja, immer noch. Punkt.), wenn die jungen Männer da draußen blind gegenüber ihren geschlechtsgegebenen Privilegien sind und folglich erst mühsam und oft mit mäßigem Erfolg von einer empathischeren Denkweise überzeugt werden müssen?

Halt. Stopp. Nee. Ich hatte hier schon einen ellenlangen, sehr rationalen Text darüber geschrieben, wie ich das hier handhabe, wie ich mir das vorstelle, was ich damit bezwecke. Aber wisst ihr was? „Quatschpatsch!“, wie Bastian sagen würde. Ich schreibe lieber über die Situationen, in denen ich so unsagbar stolz auf meinen Sohn bin, weil er trotz aller Macken und Motzereien, die das Dreibisvieralter so mit sich bringt, einige Dinge einfach schon sowas von richtig macht:

Der Moment, in dem er Geld von seinem Opa bekam, sich in der Spielwarenabteilung etwas aussuchen durfte und dann den Rest des Tages stolz seine neue pinkfarbene Puppe in ihrem knallrosa Puppenbuggy durch die Stadt fuhr.

Sein Freddy-Mercury-Fandasein bis hin zur Imitation der Bühnenshow. Ich darf ja nur John Deacon sein. (Der Mann ist Roger Taylor, der Hund ist Brian May …)

Die Tatsache, dass er im Kindergarten immer noch schnell guckt, dass es den Puppen im Puppenhaus auch gut geht.

Dass er sich beim Kauf einer Ersatzmütze für sein in der Straßenbahn liegengebliebenes Lieblingsteil für eine Kopfbedeckung mit rosa und Herzchen entschieden hat und diese immer noch mit Vorliebe trägt.

Wie er uns immer wieder in sein Kinderzimmer einlädt, weil er gekocht hat, und uns dann ein Riesengelage serviert.

Die Begeisterung, mit der er beim Putzen „hilft“. (Nota bene: Putzen. Nicht Aufräumen seines Krams. Das ist ganz was anderes!)

Wie er darauf besteht, dass seine Haare nicht geschnitten werden. Will er nicht.

Dass er derzeit fest davon überzeugt ist, dass der Berliner Fernsehturm ein „Gebetsturm“ ist und die Dresdner Frauenkirche eine Moschee, weil die Mama vom Harun neulich im Kindergarten war und von der Türkei erzählt hat.

Die Sanftheit, mit der er mich neulich „geschminkt“ hat, als mein Make-Up-Zeug rumlag.

Und generell seine Fürsorglichkeit. Da müssen drei Bretzeln gekauft werden, damit jede/r von uns eine hat. Die Mama liegt krank im Bett, also bring ich ihr mal die Fernbedienung. Der Hund braucht noch Futter, also wird der Napf vollgeschaufelt.

Natürlich, das ist vor allem altersbedingt, er imitiert seinen Alltag und macht einfach diese Unterschiede noch nicht, die wir so deutlich wahrnehmen. Gerade hab ich ihn zum Thema Mädchen befragt: „Bastian, magst du mit Mädchen spielen?“ – „Nö. Ich will nur mit Kindern spielen.“ Ihr versteht.

Aber: Diese Ansätze, die da vorhanden sind, die gilt es zu bewahren. Die Bereitschaft, ohne Hinterfragen Dinge zu tun, die als traditionell weiblich – und ja, damit auch minderwertig – betrachtet werden. Der Griff zu dem Ding, das einem am besten gefällt, unbelastet von irgendwelchen Geschlechtsassoziationen. Die Empathie, sich um andere zu kümmern, die sich gerade selber nicht kümmern können.

Denn wenn er sich diese Haltungen bewahren kann, dann wird er später auch ein guter Unterstützer für starke Mädchen. Und für schwache. Weil er den Menschen sieht.

Und es liegt an mir, an uns, ihn dabei zu unterstützen, ihm immer wieder klarzumachen, dass man es so machen kann, wie es einem die traditionelle Umgebung vorschreibt (und ooooh, die Umgebung hier ist traditionell!). Oder man kann es so machen, wie es einem richtig erscheint. Das ist nicht immer dasselbe, und das hat manchmal Konsequenzen. Und die können weh tun. Aber, um einen Spruch zu paraphrasieren und zurückzuerobern, den sich die Werbung für Weibliches gekrallt hat: Man muss es sich wert sein.

Es ist alles schon da, damit Bastian ein guter Mann wird. Wir dürfen es nur nicht kaputt machen.

Einfach wird das nicht. Aber es ist mein Job, meine Pflicht, und vor allem: Es ist mir eine Ehre.

stewardessen

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15 Gedanken zu “Mehr Mut zum Ich – Wie wird mein Junge ein guter Mann?

  1. Starke Jungs braucht die Gesellschaft!

    Klar, Mädchen stark machen, ist wichtig – habe schließlich 2 mini Prachtexemplare hier zu Hause rumflitzen. Und ich finde, dass dafür schon einiges getan wird. Girls Day und so.

    Aaaaaber: Leute, gebt Acht auf unsere Jungs!!! Wo ist der Boys Day?? Den Jungs müssen wir – mindestens ebenso wie den Mädchen – klarmachen, dass sie alles sein und machen können!! Erzieher, Krankenpfleger, Unternehmer, Hausmann, Pilot, Verkäufer, Lektoren… Familienvater…!

    Nein, es geht nicht darum, die größte Karre zu fahren und die Fuffis in den Club zu schmeißen.

    Ich mache als Lehrerin jedes Jahr auf’s Neue die Erfahrung, dass Jungs unsere Unterstützung auf ganz besondere Weise brauchen. Sie sind es, die sehr früh das Lesen einstellen. Habe gerade mehrere 10-Jährige, die einen Text nicht sinnbetont vorlesen können. Warum? Weil sie in ihrer Freizeit nicht lesen. „Ey, Frau Stine, das ganze Wochenende PS3 gezockt.“ …Na, besten Dank!
    Oft erlebe ich, wie Jungs (…äh… wohl eher junge Männer) begeistert von Praktika in Kindergärten wiederkommen. Alle Kids lieben sie. Ja, Erzieher wolle man werden. Oder vielleicht sogar doch Lehrer. Cool! Ein halbes Jahr später: Nee, Geld. Viel Geld wolle man verdienen. Und eine jüngere, 906090 Frau. Aber erst ganz spät. Erstmal die Fuffis und der Club.

    Aaargh…!! Was da los? Was leben wir den Jungs – und, ja, auch den Mädels – vor, dass sie so verquere Vorstellungen haben, wie Männer und Frauen so sein sollen? Und was typisch ist für die einen oder die anderen?

    Meine Große, 3.5, spielt hauptsächlich mit Jungs. Ihre Lieblingsfarbe ist blau. Dreckig zu sein findet sie gut. Bloß nix inne Haare an Spängchen und Jedöns. …Ich lass das mal so laufen, ne. Sie macht das schon – als kleiner, ganz toller Mensch!

    Danke für deinen Beitrag!
    Hab deinen Blog heute erst entdeckt. Komme wieder. Word!

    • Ich hoffe, der Sohn hier wird kein Nichtleser – aber derzeit zeichnet sich eher das Gegenteil ab, abends müssen immer mindestens zwei Bilderbücher vorgelesen werden, und wann immer er kann, schnappt er sich ein Lustiges Taschenbuch aus dem Regal, guckt die Bilder an und erzählt uns dann gerne mal, was seiner Meinung nach darin passiert. 😉
      Aber stimmt schon, das Bild, dass die Jungs von Medien/Gleichaltrigen in Sachen Männlichkeit vermittelt kriegen, ist immer noch sehr erfolgsbetont im kapitalistischen Sinn. Schade.

      • Ja, und statt dass wir einfach mal davon absehen, dass eine erfolgsorientierte Gesellschaft nicht funktioniert und nicht jeder Führungsqualitäten hat, müssen Frauen in das männliche Bild integriert werden, obwohl das vielleicht auch nicht jede kluge Frau möchte. Warum kann man nicht seinen Weg gehen, ohne sich ständig seine Geschlechtsstereotypen beweisen oder ihnen entgegentreten zu müssen? Wo ist der individuelle Mittelweg?

    • Ich finde es wichtig, beides und alles dazwischen ausprobieren zu dürfen, ohne dafür be- oder verurteilt zu werden. D.h. er soll seine Rolle finden, ohne dass ihm suggeriert wird, das traditionell geschlechterorientiertes Benehmen besonders lobenswert oder zu verdammen ist. Ich lob ihn auch nicht spezifisch, wenn er etwas „Mädchenhaftes“ tut, sofern es nicht gerade auch etwas menschlich Wertvolles ist. Ich lob ihn aber auch nicht extra, wenn er gerade besonders „männlich“ ist. Die „Bist halt ein Bub!“/“Das tun doch nur Mädchen!“/“So, jetzt machen wir wieder einen richtigen Jungen aus dir!“-Kommentare hört er ja sonst ungefragt überall – letzteren z.B. gerade gestern wieder beim Friseur… (Er wollte übrigens hin. Er wollte eine „Kämpferfrisur“. Auch da: Unkommentiert meinerseits. Sein freier Wille.)

      Kurz: Er soll sich selbst finden. Wo er sich dann innerhalb oder außerhalb der Geschlechterrollen ansiedelt, ist seine Entscheidung. Ich lass ihn nur ausprobieren, ohne zu werten.

    • Ich finde es so wichtig, dass sie diese Seite ihrer Persönlichkeit auch ausleben können. Okay, man muss nicht immer mit Mamas Wildlederpumps durchs nasse Gras stolzieren, aber trotzdem … 😉

  2. „ja, immer noch. Punkt.“
    Also die Finanzierungsauskünfte der Sozialversicherung sagt etwas anders: 70 % von Männern bezahlt und zu 40% von Männern genutzt.
    Woran erkenne ich genau die Unterdrückung der Frau?
    In der Rentenversicherung sieht es ähnlich aus.
    Dein „Punkt“ erinnert fatal an Herrn Schröder – was nicht so ist, wie ich denke ist … Punkt.
    Danke.

    • „Woran erkenne ich genau die Unterdrückung der Frau?“

      Nun, offensichtlich nicht. Und ganz ehrlich, ich greife hier zur Maxime „Mein Blog, mein Hausrecht“ und sehe nicht ein, warum ich den Erklärbär spielen soll für jemanden, dessen Meinung genau so vorgefasst ist, wie du meine einschätzt.

      (Und bevor du jetzt aufheulst: Diese Haltung gilt sowohl für manche Maskulisten als auch für manche Feministinnen. Ich diskutiere mit Leuten jedwelchen Geschlechts, bei denen ich Diskussionsbereitschaft wahrnehme. Bei schlichtem Meinungsdumping behalte ich mir vor, nicht weiter darauf einzugehen. Das gilt erst recht bei dem Derailing, das du hier gerade betreibst.)

      • „Das gilt erst recht bei dem Derailing, das du hier gerade betreibst.“
        Bitte meinen Beitrag insgesamt löschen, da verfälschend oder die Referenz auf die Gesetzesla4e wiederherstellen.

        Das wäre sehr nett. Besten Dank.

  3. Noch einer : SGB IX §44
    http://www.sozialgesetzbuch.de/gesetze/09/index.php?norm_ID=0904400 .
    „ärztlich verordneten Rehabilitationssport in Gruppen unter ärztlicher Betreuung und Überwachung, einschließlich Übungen für behinderte oder von Behinderung bedrohte Frauen und Mädchen, die der Stärkung des Selbstbewusstseins dienen,“, das klingt mal richtig so nach Unterdrückung.
    Bei diesem Thema fällt es mir sehr schwer nicht sarkastisch zu werden.
    Oder sind Männer die behindert oder von behninderung bedroht sind … egal?

  4. Pingback: It’s just another man-ic Monday | Gemischtwahnlädchen

  5. Einen sehr netten Jungen scheinst du da zu haben. Es ist wirklich toll, dass es Mütter gibt, die sich ordentlich Mühe geben. 🙂
    Ich komme auch mehr und mehr zu der Meinung, dass wir in der heutigen Gesellschaft vor allem an der Rolle des Mannes arbeiten müssen. Die Frauen haben lange ihren „Mann“ erkämpft (obwohl ich gar nicht meinen „Mann“ stehen will – ich will einfach ich selbst sein): Wir tragen selbstverständlich Jeans, werden Physiker und Ingenieure und niemand wundert sich mehr darüber. Und das ist toll. Wenn ich mit meiner Tochter (die ich nicht habe) über die Auswahl an Mädchenkleidung unzufrieden wäre, würde ich eben in die Jungsabteilung gehen.
    Aber andersrum? Die meisten Jungs würden wahrscheinlich immer noch kein Rosa tragen – oder zumindest würden es ihre Mütter ihnen nicht anziehen. Sie würden keinen „Frauenberuf“ erlernen, Ballett tanzen oder länger als drei Monate Elternzeit nehmen. Das finde ich traurig.
    Ich möchte als Frau nicht zum „stereotypen Mann“ gemacht werden, der nur Latzhosen trägt und kurze Haare und in der Führungsposition auf dem Bau arbeitet. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der jeder akzeptiert, dass man nicht rein „Mann“ oder „Frau“ ist.

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