Und manchmal so: Fuck Fandom

Ich war schon immer ein Fan. Seit ich denken kann. Das Winnetoubild über dem Bett, später die Captain-Future-Poster, der Duran-Duran-Starschnitt, das Morten-Harket-Autogramm. Wenn ich jetzt von meinem Schreibtisch aus nach links gucke: The Ark, signiertes Poster der 2005er Tour und gleich ein Kloß im Hals, weil ich sie immer noch so sehr vermisse. Lebensband. Wenn ich nach rechts blicke, seh ich Autogramme der drei Hauptdarstellerinnen aus „Faster Pussycat Kill Kill“, Will Wheaton, Ola Salo, Matt Lauer, Jonathan Frakes, Roch Voisine und Desirée Nick. Kurz: Meine Fanschaft ist vielfältig. Und immerwährend. Hier tippe ich und kann nicht anders.

Schon damals in der Grundschule trafen meine Freundin und ich uns zur Pause immer beim gleichen Baum im Schulhof und fabulierten Geschichten über uns und unsere jeweilige Leidenschaft. Der bereits erwähnte Captain Future, Goldorak (hierzulande vermutlich eher als Grendizer oder Grandizer bekannt?), diverse andere Anime und Trickfilme … heutzutage würde man uns Geeks nennen und unsere Geschichten Fanfiction. Damals waren wir einfach seltsam.

Sprich: Damit, dass man als Fan (zusätzlich wenn man a) weiblich und b) in meinem Alter ist) etwas schräg angeguckt und nicht für voll genommen wird, habe ich schon lange zu leben gelernt.

Was mich allerdings immer wieder fertigmacht, sind fandominterne Streitereien. Nirgends grassiert der Gollumismus so sehr wie unter den Leuten, die dasselbe lieben, aber unterschiedlich. „Mein Fansein! Mein Schatz! Meinssss!!!“

Und ich habe es sooo satt.

Ich hab neulich mal nachgerechnet: Ich war während zehn Jahren in irgendeiner offiziellen Aufgabe ehrenamtlich für die ärzte tätig. (Wie sehr mich das geprägt hat, merkt man übrigens daran, dass ich „die ärzte“ gerade markieren und Bold machen wollte, weil das unsere offizielle Schreibweise war …) Und mal abgesehen von den Querelen mit der Band, der ich bis heute nicht verzeihen kann, dass sie einfach nie begriffen haben, in welch unterschiedlichen Machtgefügen und unter welch unterschiedlichen Voraussetzungen wir arbeiteten: Das Fandom. Jesus Christ and all the bloody Saints, das Fandom. Ich erinnere mich an einen Fall, in dem ein Forumsmitglied zig Newsletter auf meine Mailadresse abonnierte, nachdem ich einen absurden Kleinkrieg ihrerseits im Forum öffentlich gemacht hatte. Immerhin war’s eh nur meine Spamadresse, aber trotzdem. So viel Zeit muss man sich erst mal nehmen. Oder die Drohung, dass man bei uns zuhause vorbeikäme, um uns zu verprügeln, falls die Ankündigung des Fanclubkonzerts am 1. April nur ein Scherz sei. Nicht zu sprechen von den Intrigen, die in anderen Ecken des Internets gegen uns gesponnen wurden und dem Hass, der uns von manchen Nicht-Mitgliedern oder manchmal auch von Mitgliedern selbst entgegenschlug, weil … na ja, weil halt. Warum nicht, ist ja nur das Internet. Denen geht’s doch eh viel zu gut, die sind sowieso viel zu arrogant, kann man ja mal machen.

Blut, Schweiß, Tränen. Jahrelang. Ja, natürlich gab es extrem viele schöne Momente, aber letztendlich: Ich weiß nicht, ob ich das nochmal machen möchte. Siehe auch Sportereignis- oder Conventionvolunteereinsätze: Ich such mir immer den Job aus, bei dem ich die volle Breitseite der Kundenbeschwerden abkriege. Und glaubt mir, man will nicht der Puffer zwischen unzufriedenen Conbesuchern und deren Möglichkeit, ihre Idole zu sehen sein. Echt nicht.

Und nu? Nun bin ich gerade in der Phase „No more fandom never ever again bah fooey!“. Unschön.

Ich weiß doch auch nicht. Ich fürchte einfach, die Debatte um die dritte Staffel Sherlock hat mir den Rest gegeben. Und ich hab ja sogar nur die erste Folge gesehen … aber damit fing’s an: Wieso wollt ihr Kriminalfälle, es geht doch um die Figuren. Guckt halt Tatort. Johnlock hier, Johnlock da, war doch alles total lustig, ihr Miesmacher. Tja, für mich war’s halt nicht so lustig, ich bin der Meinung, dass man sich entscheiden sollte, ob jemand nun ein „high functioning sociopath“ ist oder echte Gefühle hat, denn beides geht irgendwie auch nicht, und vor allem: Ich shippe nun mal nicht. Ich bin keine Fanfictionleserin, ich interessiere mich nicht für Alternative Universen, in denen Dinge möglich sind, die nicht zum Canon gehören, und Slashfic macht mich nicht an. Ist halt so, persönliche Präferenzen.

Aber ich käme nicht auf die Idee, irgendwem das Shippen verbieten zu wollen. Und deswegen wär ich ganz froh, wenn man mir auch erlaubte, Johnlock nicht als heimlichen Canon zu sehen. Wenn ich auch der Meinung sein dürfte, dass mir persönlich diese Entwicklung von Sherlock zum wandelnden Emoji nicht so wirklich zusagt. Nur: Wer Fan ist, der bzw. die ist automatisch in der Defensive. Weil man „seins“ verteidigen will. Weil man „seins“ gut finden will. Insofern kann ich auch komplett nachvollziehen, dass die geliebten Ships bis aufs Blut verteidigt werden, diesbezüglich bin ich eigentlich vor allem auf Moffat, Gatiss et al. sauer, weil sie mit genau diesen Emotionen spielen und es ihnen letztendlich nur darum zu gehen scheint zu beweisen, dass sie die Allercleversten sind. Weil es ja so spaßig ist, den Shippern eine homoerotische Karotte ganz knapp außer Reichweite hinzuhalten. (See also: Supernatural, Destiel)

Bitte nicht falsch verstehen: Wenn Johnlock oder andere Slash-OTPs Realität werden sollten, bin ich die erste, die applaudiert, schon aus Prinzip. Ich würd mir nur einen glaubwürdigeren Story-Aufbau wünschen. Und etwas mehr Akzeptanz für die andere Meinung seitens der Shipper.

(Was die Shipper sich übrigens wünschen? Mehr Akzeptanz ihrer Meinung seitens der Nicht-Shipper. Denn machen wir uns nichts vor: Die Fan-Gollums sind überall.)

Und heute dann bei Twitter so die Mistgabelauspackerei, als rauskam, dass Benedict Cumberbatch nun wohl doch nicht zur Starfury Elementary Convention kommt, obwohl das gestern offiziell bekannt gegeben wurde. Find ich das scheiße? Ja, natürlich. Auch wenn ich das Ticket nicht bezahlen muss, so muss ich doch von London nach Birmingham fahren, weil ich meinen Flug umgebucht habe, und die Gebühr fürs Umbuchen krieg ich auch nicht zurück. Aber: Es ist eine Convention. Da passiert sowas. Da gibt es dauernd Absagen. Diesmal scheint es besonders grauslig schief gelaufen zu sein, aber es ist kein Grund, die Macher deswegen abgrundtief zu hassen und ihnen die Pest an den Hals zu wünschen. Als Conmacher hast du das gleiche Problem wie als Ehrenamtlicher der untersten Stufe: Klappt alles, bedankt sich kaum wer. Geht was schief, wirst du zur virtuellen Dartscheibe. Und ich hab einfach nicht mehr die Energie und die Lust, mich da als Stimme der Vernunft dazwischen zu werfen. Da kriegt man nämlich die ganzen Pfeile ab.

Aber je nun. Es ist was es ist, sagt die Liebe.

Heute ist es Sherlock, morgen irgendetwas anderes. Was ich eigentlich sagen will: Ich kann mich nicht nicht mit voller Leidenschaft und Herzblut für etwas interessieren. Ich wünschte, es wäre anders, denn es ist verdammt anstrengend. Aber wir sind letztendlich alle im gleichen Boot, also sollten wir vielleicht nicht unsere Feels aneinander auslassen. In einer perfekten Welt und so. In dieser nicht perfekten Welt wünsch ich mir meinen Schulhof und meinen Pausenbaum zurück, da war alles so viel einfacher. Und Han Solo war auch einiges jünger.

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