„Journalismus“

Kennt ihr die Sorte Wut, die euch körperlich fast verbrennen lässt? Die euch den Magen umdreht? Wegen der ihr instinktiv in den Wald rennen und den lautesten Urschrei der Zeitgeschichte ausstoßen möchtet? Ich verspüre diese Wut seit gestern Nacht, und sie will nicht abklingen.Durch Sophia Banks wurde ich bei Twitter auf eine Geschichte aufmerksam, die mich nach Worten ringen lässt. Mich schaudert vor Wut, während ich dies tippe. Die Geschichte? Nun, laut ihrem Autor Caleb Hannan ist sie „seltsam und traurig zugleich“. Und ohne Caleb Hannan könnte es gut sein, dass ein Mensch noch am Leben wäre.

Hier. Via Do Not Link verlinkt, damit die Story nicht noch mehr Klicks kriegt. Ich würde ja sagen, sie hat aufgrund ihres Inhalts keinen einzigen verdient, aber: Das müssen alle lesen. Und hinterfragen. Und verstehen.

Denn Caleb Hannan hat mit dem Einverständnis seines Herausgebers (und dem Lob vieler Twitteruser!) eine Transfrau gegen ihren Willen geoutet, ihre möglichen psychischen Probleme der Welt mitgeteilt, ihre neu aufgebaute Identität zerstört und sie damit in den Selbstmord getrieben.

Melissa McEwan hat den Artikel bei Shakesville bereits meisterhaft analysiert. Ich kann das leider nicht so sachlich tun wie sie.

Die Tatsache, dass der Artikel veröffentlicht wurde, obwohl die Frau sich bereits das Leben genommen hatte. Dass dieser Fakt im Artikel im Detail beschrieben wurde und der Text selber als „Grabrede“ bezeichnet wird. Als Grabrede. Von dem Menschen, der – wie der Artikel meiner Ansicht nach aufzeigt – mitverantwortlich am Tod von Dr. V war.

Die Tatsache, dass nach der Entdeckung von Dr. Vs früherer Geschlechtsidentität die absolut debattierbare Ausschmückung des neuen Lebenslaufs, mit der sie mögliche Klienten und Investoren zu überzeugen versuchte, absolut zweitrangig wurde. Es ging von da an nur noch darum: „Sie war mal ein Mann!“ Pardon, „er war mal ein Mann“, denn mit den korrekten Geschlechtsangaben hat es Hannan ja auch nicht so. „A troubled man“, übrigens. Dessen kompletter Name und genaue Herkunft übrigens genauso erwähnt wird wie Dr. Vs voller Name.

Und apropos „troubled“: Was in der Story mit eine Hauptrolle spielt, sind die Andeutungen, dass Dr. V psychisch krank war. Der Selbstmordversuch aus der Vergangenheit wird detailiert beschrieben, inklusive Abschiedsbrief an die Partnerin. Die verwirrende Korrespondenz mit Dr. V und ihre Abruptheit, was Kommunikation angeht. Die Drohungen, die sie in ihren letzten, verzweifelten Mails an Hannan ausstieß. Er geht so weit, sogar einen Investor darüber erzählen zu lassen, wie „schwierig“ es war, mit Dr. V zusammenzuarbeiten. (Kennt man ja, Frauen sind schwierig.)

Überhaupt, dieses Gespräch. Caleb Hannan empfindet es als erwähnenswert, dass der Investor Dr. V als hübsche Frau bezeichnet, die man aufgrund ihrer Größe, ihres roten Haares und ihres Minirocks schlecht übersehen konnte. Dies erzählt der Investor aber natürlich, bevor er darüber informiert wird, dass Dr. V transsexuell ist, wie Hannan weiter betont. Und dann eröffnet ihm der Autor, dass „the woman he thought was an aerospace engineer had once been a man, and a mechanic.“ Man beachte die Reihenfolge. Was ist wichtiger, das Geschlecht oder die erfundene berufliche Vergangenheit? Was ist wichtiger als Qualifikation für den Job? Genau.

Entschuldigung, ich muss kurz tief durchatmen gehen.

Aber sprechen wir doch einmal über den Golfschläger. Ich verstehe nichts von Golf, aber was für mich bei dem Artikel durchklingt, ist dies: Der Schläger hat ein relativ revolutionäres Design, diverse sehr gute Golfer fanden ihn super, bei anderen hat er nicht so toll funktioniert. Was nichts Außergewöhnliches ist, vermute ich, denn Sportgeräte sind doch für jeden Sportler etwas Individuelles, oder nicht? Interessant ist dabei vor allem Caleb Hannans persönliche Reaktion auf seine Nachforschungen:

When I was under the impression that Dr. V was a brilliant engineer, my putting improved dramatically. As soon as I learned she had simply been a struggling mechanic, the magic was lost. Today, Dr. V’s Oracle is collecting dust in my garage.

Für mich sagt das vor allem eins aus: Hannan ist nicht nur ein Transphobiker, er ist auch zutiefst klassistisch. Ein Gerät, das von jemandem mit ausgezeichneten Qualifikationen entwickelt wurde? Suuuuper. Ein von einer simplen Mechanikerin erfundenes Gerät? Taugt nichts. Er gesteht zwar anderen Leuten zu, dass sie mit dem Yar-Putter besser Golf spielen, aber für ihn ist das nichts. Eine persönliche Entscheidung? Sicher. Aber auch eine Entscheidung, die Bände spricht.

Letztendlich lässt sich aber auch zwischen den Zeilen herauslesen, dass Caleb Hannan sich selbst nicht sicher ist, was er da aufgedeckt hat. Er zweifelt daran, dass Dr. V irgendetwas besonders Schlimmes getan hat, als sie ihren Lebenslauf neu erfand, er ist sich im Klaren darüber, dass er eigentlich gegen eine kleine, harmlose Firma recherchiert, und er hört nichts wirklich Übles über dieses Unternehmen, wenn er mit Involvierten spricht. Es läuft alles darauf hinaus, dass die Frau hinter dem Ganzen die Hauptstory ist. Eine Frau, die sich garantiert aus guten Gründen ein neues Leben erschaffen hat. Eine Frau, die eine Erfindung gemacht hat, die vielleicht nicht so golfweltverändernd ist, wie sie angepriesen wurde – aber auf diesem Konzept baut die gesamte Werbebranche auf, verdammt.

Eine Frau, die nicht wollte, dass ihre Lebensgeschichte bekannt wird. Die verzweifelt darum kämpfte. Bis zum Letzten.

Die Frau ist tot. Und Caleb Hannan schreibt ihre „Grabrede“ und bezeichnet ihre Geschichte in einem Tweet als „die seltsamste Geschichte, die er je geschrieben hat“. Und ein Teil von Twitter applaudiert ihm dafür.

Das ist nicht „seltsam“. Das ist eine der widerlichsten Geschichten, die ich je gelesen habe.

 

 

 

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Ein Gedanke zu “„Journalismus“

  1. Dies “” sind englische An- und Abführungszeichen. Richtig geht es so: „Journalismus“. Eselsbrücke: 99 und 66.

    Nichts zu danken.

    Das Patriarchat.
    Building successful civilizations since 10.000 BC

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