Hoeneß

Gestern wurde bei Twitter darüber geredet, wer was vor fünf Jahren und sechs Monaten gemacht hat – das Strafmaß, das der Staatsanwalt für Uli Hoeneß gefordert hatte. Nachdem das Urteil gefallen war, redete interessanterweise niemand mehr darüber, was vor drei Jahren und sechs Monaten war. Dann ging es natürlich nur noch um eins: Ungerecht! Viel zu wenig! Viel zu viel! Lebenslängliche Einzelhaft! Bundesverdienstkreuz! Schlimmster Mensch aller Zeiten! Lichtgestalt! Die Wahrheit liegt natürlich wie immer irgendwo zwischen allen Meinungen. Hier ist meine.

Ich bin bekanntlich Bayernfan. Kein „eingefleischter“, der die Ära Hoeneß von Beginn an verfolgt hat (wäre bei 44 Jahren Dauer ja auch etwas schwierig). Vielleicht das, was die „wahren“ Fans als „Erfolgsfan“ bezeichnen würden – nur, wann ist man beim FCB denn in den letzten Jahren kein Erfolgsfan? Dann, wenn sie nur Zweiter werden? Also, bitte. Und überhaupt: Die Diskussion über Besser- und Schlechterfans habe ich im die ärzte-Universum über ein Jahrzehnt hinweg geführt, die spare ich mir mittlerweile einfach.

Ich bin Fan derer, die auf dem Platz stehen, der Mannschaft, nicht der Führungsriege. Damit hadere ich schon seit meiner Bekenntnis zum FC Bayern, denn ich kann sie nicht leiden, die Herren Hoeneß, Rumenigge, Beckenbauer (ich mag auch Sammer nicht, aber je nun). Ich mag „mia san mia“ nicht, wenn es als Rechtfertigung für jegliche Großkopfertheit blind zitiert wird, ich mag es nicht, wenn die Chefetage mal wieder große Töne spuckt, und ich will eigentlich gar nicht wissen, was sie zu sagen haben. Mir ist klar, dass das auf dem Platz nicht zuletzt ihnen zu verdanken ist, aber ich muss sie deswegen trotzdem nicht anbeten. Finde ich.

Deswegen fällt es mir auch so schwer, mich derzeit mit dem Verein und den Fans zu identifizieren – Solidarität in allen Ehren, aber ich kann doch nicht verleugnen, dass ich es wirklich schlimm finde, wenn jemand fröhlich dem Staat so viele Millionen vorenthält. Egal, wer er ist. Ich krieg das mit den Scheuklappen einfach nicht hin. Ich verspüre das so ungeliebte Fremdschämen, wenn nach Hoeneß-Sprechchören beim nächsten Spiel gebrüllt wird. Wenn in dem Zusammenhang von „wir Fans“ gesprochen wird. Ich will mich distanzieren, von diesen Forderungen, vom Vorstand des Vereins, der die Konsequenzen immer weiter hinauszögert, die für mich offensichtlich sind. Ich möchte mir die Finger in die Ohren stecken, die Augen schließen und laut „LALALA!“ singen. Und hoffen, dass das alles irgendwie weggeht.

Tut es aber nicht. Genau wie die Häme, der Spott, die Witze und die Verschwörungstheorien der ebenso „eingefleischten“ Bayernhasser, die auch was zu bekritteln hätten, wenn Pep Guardiola den Nahostkonflikt lösen würde oder Thomas Müller ein Heilmittel gegen Krebs erfände. Ja, plakativ, ich weiß. Aber ich werde nun mal nie nachvollziehen können, warum man so viel Energie investiert, um einfach nur Negativitäten rumzutröten. Oder mal eben einen billigen Spruch über Uli Hoeneß‘ Gesichtsfarbe oder Gewicht zu twittern. Kleiner Hinweis: Hoeneß hat nicht Steuern hinterzogen, weil er dick ist.

Hoeneß hat Steuern hinterzogen, weil er es konnte.

Und damit kommen wir zur Crux der Angelegenheit: Uli Hoeneß, ähnlich wie viele aktive und ehemalige Sportler und andere Promis, blickt auf die Welt hinunter von einem Denkmalsockel, den die Öffentlichkeit ihm über Jahrzehnte hinweg erbaut hat. Es ist schwierig, von dort oben die Welt der anderen korrekt wahrzunehmen. Wer über den anderen lebt, der lebt gefühlt auch über dem Gesetz. Wer alles hat, dem fehlt vielleicht der Nervenkitzel. Wer so sehr von der Liebe und Anbetung der anderen zehrt, der will sich ja auch eventuell selbst mal wieder beweisen, dass er der Größte, der Tollste, der Schlauste ist und mit etwas davonkommt, das andere sich nicht leisten können. Spekulationen meinerseits, klar. Ich kann ja auch nicht hinter die Fassade blicken. Dafür kenne ich nicht mal die Fassade gut genug.

Ich glaube aber trotz allem daran, dass dem Menschen Uli Hoeneß Anstand und Ehre wichtig sind, auch wenn nicht immer alle seine Auslegung goutieren – da gehöre ich auch dazu. Und während ich dies tippe, bestätigt er mich darin:

Nach Gesprächen mit meiner Familie habe ich mich entschlossen, das Urteil des Landgerichts München II in meiner Steuerangelegenheit anzunehmen. Ich habe meine Anwälte beauftragt, nicht dagegen in Revision zu gehen. Das entspricht meinem Verständnis von Anstand, Haltung und persönlicher Verantwortung. Steuerhinterziehung war der Fehler meines Lebens. Den Konsequenzen dieses Fehlers stelle ich mich.

Außerdem lege ich mit sofortiger Wirkung die Ämter des Präsidenten des FC Bayern München eV und des Aufsichtsratsvorsitzenden der FC Bayern München AG nieder. Ich möchte damit Schaden von meinem Verein abwenden. Der FC Bayern München ist mein Lebenswerk und er wird es immer bleiben. Ich werde diesem großartigen Verein und seinen Menschen auf andere Weise verbunden bleiben, solange ich lebe.

Meinen persönlichen Freunden und den Anhängern des FC Bayern München danke ich von Herzen für ihre Unterstützung.

Uli Hoeneß

Der FC Bayern ist nicht Uli Hoeneß. Aber Uli Hoeneß ist der FC Bayern. Ja, das ist ein Unterschied, auch wenn viele den nicht sehen mögen. Das Urteil war absolut gerechtfertigt. Diese Entscheidung seinerseits ist richtig. Und sie bricht ihm das Herz. Man muss kein Mitleid für ihn empfinden, aber die Leidenschaft für seinen Verein und die letztendlich doch vorhandene Bereitschaft, Konsequenzen zu ziehen, sie ringt mir trotzdem … nein, Respekt ist es nicht, denn es war die Entscheidung, die getroffen werden musste. Sie ringt mir ein gewisses Maß an Dankbarkeit ab.

Und wenn ihr Uli Hoeneß wirklich etwas Gutes tun wollt, liebe Fans, dann lasst die Sprechchöre in Solidarität mit einem Mann, der gerade zugegeben hat, dass er sie derzeit nicht verdient hat. Und schickt ihm Post, wenn er von seinem Sockel runtergeklettert ist und in der JVA sitzt. Auf Augenhöhe mit den anderen.

Der Präsident Uli Hoeneß ist Geschichte. Der Mensch Uli Hoeneß wird die Liebe, die ihr für ihn empfindet, nie mehr so dringend brauchen wie in der Zeit der Anonymität, die ihm nun bevorsteht.

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