Warum ich nicht mehr Journalistin bin

Einerseits natürlich, weil ich hier in Deutschland als Schweizerin keinen entsprechenden Job finde, obwohl ich das scharfe ß mittlerweile halbwegs beherrsche und zwischendurch immer noch Helvetismen benutze. Klar. Andererseits bin ich auch sehr froh, dass ich schon lange nicht mehr in meinem früheren Beruf als Radionewsredakteurin arbeite. Denn erstens: Schichtdienst. Fucking Schichtdienst. Und zweitens: News sind mir zu trocken, und ich leide darunter, von irgendwelchen Tragödien Dauerberichterstattung betreiben zu müssen und mir dabei nichts anmerken lassen zu dürfen. Mir geht das alles zu nah und ich bin außerdem – man mag’s nicht glauben – tendenziell zu schüchtern, um Leute in die Pfanne zu hauen. Außer sie springen fröhlich selbst hinein, nicht wahr, liebe SVPler und Konsorten …

Ich musste mir immer Nischen schaffen, um Spaß am Job zu haben: Musikerinterviews, welche die Hörerschaft vermutlich als langweilig empfand, weil’s halt nur um die Musik ging. Kinokritiken und die Interviews dazu. „Soft News“ eben. Aber dazu war ich dann wieder zu respektvoll meinen Interviewpartnern gegenüber. Ich weiß noch, wie entsetzt ich war, als der Sänger von „Kane“ (nicht Keane, Kane) sich von meiner komplett unschuldig gemeinten Fragestellung vor den Kopf gestoßen fühlte und das Interview abbrechen wollte, was seinem Bandkollegen extrem unangenehm war. Oder wie bedröppelt ich mich fühlte, als Colin Firth meine Frage, die auf Infos aus dem Pressematerial basierte (never believe the Presseschrieb!!!), als latent homophob auffasste und schwer angepisst war. Ja, ich bin die echte Bridget Jones, leider.

Kurz: Ich bin wohl einfach zu emotional für den Job. Aber, und manchmal denke ich, das unterscheidet mich dann doch von den heutigen Leuten, die „irgendwas mit Medien“ machen: Ich wurde gut ausgebildet.

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Ich hab an der University of South Australia drei Jahre lang Journalismus studiert. Davor hatte ich es mit einer Kombination aus Englisch und Medienwissenschaften an der Uni Bern probiert, aber: zu trocken. Zu theoretisch. Und dann hatte ich außerdem während meines Auslandssemesters in Australien einen Mann kennengelernt …

… der auf meine Bekanntmachung, dass ich in Australien weiterstudieren möchte, mit einem „I was thinking, maybe we should see other people“ antwortete. Hach ja.

Ich hab’s trotzdem durchgezogen. Alleine schon, um mir und ihm und allen zu beweisen, dass ich nie so etwas wegen eines Typen tun würde. Ähem.

Allerdings bereue ich diese Entscheidung nicht im Geringsten, denn auch wenn das Studium teuer war, so war es sein Geld auch wert. Okay, die Ausbildung fand Mitte bis Ende der 90er statt, und ja, englische Stenografie hab ich seither nur benutzt, wenn ich in irgendwelchen Medienkonferenzen schriftlich über die Anwesenden lästern wollte. Auch der Unterricht in Word, Access, Excel und „Internet“ könnte vermutlich wegfallen. Aber ansonsten war’s halt extrem praxisorientiert. Unsere Professoren arbeiteten alle neben der Uni noch im journalistischen Bereich, so dass man das Gefühl hatte, dass sie auch wissen, wovon sie reden. Medienrecht wurde uns von einer darauf spezialisierten Anwaltskanzlei beigebracht. Für eine Hausarbeit über Sport wurden wir alle an das größte Pferderennen der Gegend, den Adelaide Cup geschickt. Als es darum ging, wie man als Journalist mit dem Thema Tod umgeht, besuchten wir eine Bestattungsfirma und ein Krematorium, wo uns die Leute ihre Aufgaben schilderten und wie sie mit der Belastung umgehen. „Fun“ Fact: Viele Scheidungen und viel Alkoholismus im Bestattungswesen. Und unser Professor erzählte von seinen Erlebnissen, wenn er für seinen Job bei Leuten klingeln musste, die gerade jemanden verloren hatten – der „Death Knock“.

Zwei Maximen sind mir gerade von diesem Professor geblieben, der seinerseits zwar ein alter Chauvi war, aber wirklich Ahnung hatte.

1. People, Prices, Princes, Places

Darüber wird berichtet. Das interessiert die Leute. Zur Erklärung:
People = Wie viele Menschen sind involviert?
Prices = Geht es um viel Geld?
Princes = Ist ein Promi betroffen?
Places = Passiert es in der Nähe?

Nehmen wir das Beispiel Uli Hoeneß: Drei von vier. Ein Promi aus Deutschland hinterzieht eine Riesenmenge Steuern. Daher auch die Liveticker, die Sondersendungen, die Brennpunkte. Ja, viele von uns ärgern sich darüber, dass über so ein Thema so ein Riesentamtam gemacht wird, aber: Es bringt Klicks, es bringt Quote.

Andererseits erinnere ich mich noch genau an den Tag des Tsunamis 2004. Als erste Zahlen eintrafen, war es – da nicht in der Nähe und (noch) nicht so viele Opfer – nur eine Meldung wert. Dann stiegen die Opferzahlen schier ins Unermeßliche, auch Europäer waren betroffen, und schon bald war es das einzige Thema, ich hing quasi dauernd am Telefon, um neue Interviews zu beschaffen, und kippte am nächsten Tag nach 36 Stunden Quasi-Dauerarbeit ins Bett. Die bittere Wahrheit: Was nicht in der Nähe passiert, braucht viele Opfer, damit es berichtenswert wird. Oder Opfer, die wie wir sind.

Natürlich sollten die Journalisten das ändern können, denn sie entscheiden ja, was in den Nachrichten kommt … zumindest bis die Einschaltquoten wieder mal eintrudeln und der Oberchef sich beschwert.

2. „Doctors bury their mistakes, lawyers jail their mistakes, journalists publish their mistakes“

Ich hab in einem meiner ersten Kinobeiträge am Radio Martin Scorsese als Regisseur von „Der Pate“ bezeichnet. Niemand hat sich beschwert. Ich schäme mich noch heute dafür. Und weil ich mich über solche Fehler (siehe Colin Firth …) so extrem nerve, ärgert es mich noch mehr, wie lieblos in den Medien oft mit Fakten umgegangen wird. „When in doubt, find out. When still in doubt, leave out“ war auch so eine Regel, und so versuche ich es auch noch hier im Blog zu halten. Von falsch ausgesprochenen Namen und gestammelten Moderationen im Radio fang ich gar nicht erst an. Okay, für mich war beim Nachrichten lesen zwar immer die Räuspertaste mein bester Freund, aber … *räusper* trotzdem.

Ich finde ja: Das Internet und insbesondere Twitter hat viele Medienschaffende faul gemacht. Dabei ist Twitter genausowenig eine verlässliche Quelle wie Wikipedia, Twitter ist immer noch Meinungsmedium und kein reines Faktenmedium. Aber so ein Widget mit einer Hashtagsuche ist halt schnell eingerichtet, und man hat so immer was Aktuelles zu berichten, auch wenn da ungefiltert jeglicher Quatsch auftauchen mag, wenn er nur den richtigen Hashtag hat. Kam mal wieder irgendwas Nennenswertes im TV? Gucken wir doch mal, was Twitter dazu sagt, das macht nicht sooo viel Arbeit und bringt viele Klicks, weil jeder, der zum Thema getwittert hat, natürlich gleich mal nachschaut, ob er in den „richtigen“ Medien gelandet ist. Und den entsprechenden Link dann twittert, und so weiter, und so fort.

Das Internet ist so eine grandios großartige Quelle von Information, dass es mir in der Seele wehtut, wenn es dafür im journalistischen Bereich nicht genutzt wird, sondern nur als Direkt-Füllmaterial.

Ich war vielleicht eine miese Journalistin, aber hey: Ich war wenigstens immer gut vorbereitet und gut informiert.

Und dass Ron Perlman nach unserem Gespräch zu „Hellboy“ gesagt hat: „That was a really good interview. I enjoyed that!“ – DAS KANN MIR KEINER NEHMEN.

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Ein Gedanke zu “Warum ich nicht mehr Journalistin bin

  1. Da musst Du Ron Perlman aber tief beeindruckt haben, denn ich vermute mal, dass solche Komplimente während einer Promotour mit Dauerinterviews sehr, sehr selten gemacht werden. So wie ich das als Konsument mitbekomme, werden Promis eh immer mit den gleichen Fragen belästigt. Das nervt dann ja sogar mich schon.
    Aber dass Du tatsächlich mal Keanu Reeves interviewt(?) hast (= wirklich in Person getroffen hast *kreisch*), macht mich ja schon ein klein wenig neidisch … (das musste ich mal loswerden). 🙂

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