Meltdown

Gestern hatte Bastian einen dieser öffentlichen Wutanfälle, wie sie vermutlich alle Eltern kennen. Ich finde das englische Wort „Meltdown“ dafür ganz passend, denn mein Sohn verschmilzt in diesen Momenten tatsächlich zu einem kleinen, schreienden, um sich schlagenden Wutball mit tausend Armen und Beinen. Das ist, gelinde gesagt, nicht schön. Aber es ist nun mal egal, wie ich es finde, ich muss damit umgehen. Und weil ich den Meltdown gestern in meinen Augen recht gut gemeistert habe, will ich jetzt mal beschreiben, wie ich das im Idealfall mache. Und nein, der Idealfall findet nicht immer statt, deswegen ist das hier vor allem auch eine Anleitung an mich selber. Mittels Apronym. Ich mag Apronyme.

B.E.R.U.H.I.G.E.N. Beruhigen ist das angestrebte Ziel. Und nun buchstabiere ich:

B – Bringt das Kind sich oder andere in Gefahr? Wenn ja, erst mal raus aus der Gefahrenzone, trotz der tausend Arme und Beine. Wenn nein, so wie gestern auf dem Dorfplatz vor dem Supermarkt? Lass der Wut Platz, auch körperlichen.
E – Einer sollte ruhig bleiben. Da das Kind es offensichtlich nicht ist, habe ich die Pflicht, Ruhe auszustrahlen. Alles andere schaukelt den Konflikt nur weiter hoch.
R – Respekt. Ich respektiere die Gefühle des Sohnes, ich verstehe, dass er sich gerade nicht im Griff hat, und ich bestätige ihm die Legitimität seines Empfindens, indem ich sie benenne. „Du bist wütend. Ich sehe das. Ich verstehe das.“ Ich „spiegle“ nicht in dem Sinne, dass ich seine Aktion mit meiner Reaktion imitiere, aber ich versuche, ihm die Mittel zu geben, dass er sich irgendwann auch verbal entsprechend äußern kann. Natürlich noch nicht im Moment des Anfalls, aber „Ich bin sauer!“, wenn er nur verärgert ist, kriegt er mittlerweile hin.
U – Umarmen ist ein schwieriges Unterfangen, wenn er am wütenden Wirbeln ist. Trotzdem versuche ich, jede kurze Atempause zu nutzen, um ihm positiven körperlichen Kontakt zu geben. Damit er in seinem Gefühlstohuwabohu auch etwas Sicherheit vermittelt kriegt. Und ganz wichtig: Loslassen, sobald die Umarmung nicht mehr erwünscht ist.
H – Hauen ist nicht gut, aber im Kind brodelt es gerade so, da muss die Wut sich irgendwie körperlich manifestieren. Und ja, da kriegt man durchaus was ab. Es ist eine heikle Mischung aus verständlich und unerwünscht, und für mich hilft da am ehesten ein Minimum an körperlicher Distanz und ruhiger Stimme. An Distanz reicht oft schon ein Schritt zurück, und dazu ein „Bastian, ich möchte nicht, dass du haust.“ Das „Du tust mir weh“ lasse ich beim absoluten Meltdown lieber weg, denn er braucht ja ein Ziel, und für ihn klingt das fast zu sehr nach einer Aufforderung. Was ich hier noch öfter einbinden möchte, ist ihm eine Alternative aufzuzeigen, wie z.B. „Stampfe mit dem Fuß auf!“ – auch wenn ich damit rechne, darauf erst einmal ein gebrülltes „NEIN!!!“ zu kassieren.
I – „Ich liebe dich!“. Nie ist es mir wichtiger, Bastian zu zeigen, dass ich ihn lieb habe. Ich will nicht, dass er vermittelt kriegt, dass Wutausbrüche unliebenswert (im wahrsten Sinne des Wortes) machen. Ich will, dass er weiß: Ja, auch in diesem Moment liebe ich dich, auch wenn ich dein Verhalten gerade nicht schätze, es ändert nichts an meiner Liebe. Siehe auch: „Ich liebe dich!“ nicht als Belohnung für besonders gutes Verhalten einsetzen …
G – Gehen lassen. Ja, wenn der Sohn zuhause einen Wutanfall hat und türenknallend in seinem Zimmer verschwindet, dann darf er das. Dann frage ich noch kurz durch die geschlossene Tür nach: „Möchtest du jetzt gerade lieber alleine sein?“, respektiere sein gegrummeltes „Ja!“ und sage: „Alles klar, wenn du zu mir möchtest, ich bin da und da im Haus.“ Er muss seine Gefühle nicht mit mir ausdiskutieren, wenn er das nicht will. Er darf aber jederzeit.
E – Egal. Bei Wutanfällen in der Öffentlichkeit ist es erst mal absolut wumpepiepegal, wer um uns rum ist. Wenn wir den Leuten nicht den Weg versperren oder das Risiko besteht, dass sie körperlich was abkriegen, sind sie für uns jetzt gerade nicht existent. Ich konzentriere mich auf das Kind und seine Emotionen, und versuche mich nicht davon ablenken zu lassen, dass doof geguckt wird, „Tsk!“ erklingt oder womöglich sogar „hilfreiche“ Tipps von Fremden gegeben werden. Andere sind nicht relevant. Außenwirkung ist unwichtig.
N – Nicht nachtragend sein. Wenn der Wutanfall vorbeigeht – und das wird er, auch wenn es sich nicht so anfühlt – , ist er nicht mehr erwähnenswert. Bastian ist nicht nachtragend, er vergisst so etwas schnell, also tue ich das ihm gegenüber auch. Für mich selbst bleibt noch die Aufgabe, meine eigenen Reaktionen kurz auszuwerten und zu gucken, was ich gut gemacht habe und was ich noch verbessern könnte. Aber das hat mit ihm nichts zu tun. Für die Beziehung zwischen uns beiden ist das Thema gegessen. Und wir haben wieder Spaß.

Wie gesagt: Das ist der Idealfall. Ich schaffe meistens nicht alles. Ich versuche es, aber meine Reaktion wird natürlich auch von meinem eigenen Befinden beeinflusst, und das erstmal wegzuschieben ist nicht immer einfach. Ich weiß aber, dass es so klappt, mal schneller, mal langsamer. Aber irgendwann ist dann wieder die Zeit, alberne Automatenfotos zu machen und sich gemeinsam darüber zu beömmeln, dass ich versehentlich ein Halloweenmotiv gewählt habe. „Es ist doch gar nicht Halloween, Mama! HAHAHAHAHAAAAA!“

halloween

(Und übrigens: Auch wer keine Kinder hat – diese Methode hilft auch beim Umgang mit der Menschheit im Allgemeinen …)

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7 Gedanken zu “Meltdown

  1. Genau so. Punkt. 🙂

    Gelingt mir auch nicht immer, aber du hast perfekt beschrieben, wie es zumindest ideal wäre, wenn meine Jüngste (5) tobt. Wutball mit tausend Armen und Beinen. <3

    Viele Grüsse, Christine

    • Ich denk mir jeweils, wichtig ist vor allem, dass ich unter den gegebenen Umständen mein Bestes getan habe. Und letztendlich wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ein einzelner Wutanfall der definierende Moment seiner Kindheit sein. 😉

  2. Ja. So isses. Genauso. Im Idealfall.
    Wobei ich ja den klassischen Wutball gar nicht soooo schlimm finde. Wenn man ihn 1-2 Mal hatte und nicht mehr geschockt ist.

    Schwierig finde ich diese Grenzsituationen zwischen Knatschen-Wut-Boykott-schlechte-Laune. Da gilt zwar grundsätzlich das gleiche Prinzip, aber mir persönlich fällt es schwerer als der klassische Erziehungsbilderbuch-Wutball. Lässt mich irgendwie kälter als der Mischball. 🙂

    • Ach ja, das klassische „Ich bin schlecht gelaunt und drücke jetzt alle erdenklichen Gefühlsknöpfe bei den Anwesenden, damit ja auch jeder schlecht gelaunt ist“. Kann ich auch gar nicht leiden. Da lass ich den Herrn aber gerne alleine schmollen, muss ich zugeben. Mit Ansage: „Wenn du keine Lust hast, hab ich auch keine.“ Nee, wirkt auch nicht zwingend. 😉

      (Ansonsten mag ich diesbezüglich das Buch „Der Dachs hat heute schlechte Laune“ sehr. Hilft allerdings auch eher mir als ihm …)

  3. Guten Tag,

    sehr anschaulich und sinnig – danke für die ausführliche Beschreibung. Raphael hat mit 18,5 Monaten noch keine Wutausbrüche – wie alt ist Bastian?

    LG
    Nicole

    • Bastian ist jetzt gut vier Jahre alt – er hat recht spät mit den Wutanfällen angefangen und hat sie auch selten, aber wenn … Hossa! 😉

  4. Hach danke. Du kennst mein Kind. Das mittlere zumindest, das wutwichtelt auch derart, dass „Meltdown“ der passende Begriff dafür ist. Deine Anleitung finde ich klasse, das druck ich mir aus und tapeziere den Flur damit, oder so ähnlich.

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