Die FalschmacherInnen: Ein Appell

Heute früh wurde mir ein HuffPo-Artikel in die Facebooktimeline gespült, in dem es sich darum drehte, dass wir unseren Kindern keine „magische“ Kindheit bieten müssen. Sprich: Wir müssen uns nicht ständig darum kümmern, dass das Kind spannende Momente erlebt, weil das Kind sich seine spannenden Momente auch selber suchen kann.

Eigentlich stimme ich dieser Ansicht zu. Eigentlich. Womit ich kurz haderte, war die für mein Empfinden unterschwellig vorhandene Suggestion, dass Eltern, die ihren Kindern eine „magische“ Kindheit bescheren wollen, etwas falsch machen. Kommt euch vage bekannt vor, dieses Gefühl? Aus so ziemlich jedem Beitrag über Eltern, über den man im Internet und anderen Medien so stolpert? Jep, geht mir auch so.

Und ich habe für mich einen Entschluss gefasst: Ich mach da nicht mehr mit.

Ich verweigere mich dem Gegeneinander-Ausspielen der Erziehungsmethoden. Ich beteilige mich nicht an Lästereien darüber, was andere Erziehungsberechtigte so mit ihrem Nachwuchs anstellen. Ausnahme: Missbrauch jedwelcher Art, aber dann hoffe ich, die Kraft zu haben, nicht nur zu lästern, sondern aktiv etwas dagegen zu tun.

Aber diese ganzen Texte, in dem die eigene Erziehungsmethode vorteilhaft mit einer anderen verglichen wird, mit dem vermutlich unbewussten Ziel, Absolution von anderen zu kriegen? Nee. Es ist doch so: Letztendlich weiß jede/r einzelne von uns insgeheim, wann wir gerade etwas verbocken und wann nicht. Wir wissen, dass wir vieles falsch machen. Und es hilft uns nicht weiter, wenn wir uns von anderen bestätigen lassen, dass das doch gar nicht so schlimm ist – es hilft uns weiter, wenn wir uns eingestehen, dass wir etwas verbockt haben und beim nächsten Mal versuchen werden, es besser zu machen.

Ich versage täglich als Mutter. Jetzt gerade sitzt das kranke Kind vorm Fernseher und guckt eine DVD, während ich hier tippe. Ist das vorbildlich? Nö. Aber es ist für ihn und mich gerade so okay. Mache ich es beim nächsten Mal anders? Vielleicht. Kommt darauf an, was dann für ihn und mich okay ist. Denn, und das ist die einzige Familiengrundregel, bei der ich darauf poche, dass sie allgemeingültig ist:

Es muss für uns passen. Für uns als Familie und als Einzelpersonen.

Damit meine ich nicht, dass wir immer tun und lassen können, was wir wollen. Natürlich ist es wichtig, auch auf das Umfeld und die Umwelt Rücksicht zu nehmen. Aber nur insofern ebendiese involviert sind. Und das ist im interfamiliären Bereich niemand außer die Mitglieder dieser Familie. Das Kind, der Mann, der Hund, ich. Was zwischen uns abgeht, muss für uns innerhalb der Familiendynamik stimmig sein, und jede individuelle Persönlichkeit in der Familie muss sich damit zumindest halbwegs wohlfühlen.

Und deswegen habe ich mit dem oben erwähnten Artikel nur kurz gehadert und mir gesagt: Meh. Manchmal liebe ich es, mit und für Bastian zu basteln, manchmal brauche ich aber auch Zeit für mich, und dann muss er sich seine Inspiration selber suchen. Mag sein, dass es für andere Familien wichtig ist, da immer eine klare Linie zu haben, aber für mich ist das nichts. Kindheit und Erziehung? Das sind für mich nicht mehr die unzähligen Ratgeber, die sich hier stapeln, das sind der Moment, das spontane Bauchgefühl, und immer, immer wieder Improvisation.

Bastian mag mir das später vorwerfen. Damit kann ich leben. Ich hoffe, dass ich ihm beibringen kann, sich vor dieser Konfrontation nicht zu scheuen. Und ich hoffe, dass ich dann den Mut haben werde zu sagen: „Ja, ich hab als Mutter immer wieder verkackt. Tut mir leid.“

Und wenn ich dann doch im Widerspruch zu dem, was ich hier gerade tippe, einen Appell an die Erziehungsberechtigten da draußen lancieren darf: Lasst euch nicht beirren. Wir alle sind verunsichert. Wir alle hoffen inständig, dass wir nicht immer alles falsch machen. Sehr vieles von dem, was so über das Elterndasein geschrieben wird, basiert auf der eigenen Unsicherheit und dem Wunsch, als RichtigmacherInnen bestätigt zu werden. Aber das sind wir nicht: Wir sind FalschmacherInnen – ob man uns das nun suggeriert oder nicht. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber meine Kindheit wurde nicht von einem einzigen Moment dominiert, in dem meine Eltern etwas falsch gemacht haben. Es gab nicht den einen, alles definierenden Augenblick, in dem mir alles klar wurde. Zumindest nicht, während ich Kind war. Also: Macht es falsch. Entschuldigt euch. Macht es beim nächsten Mal besser. Und lasst euch von nichts und niemandem einreden, dass das, was für eure Familie so passt, so nicht sein darf.

(Mit einem schönen Gruß an die Oma im Indoor-Spielplatz, die zuerst ihr Kind meinem Kind aufnötigte, obwohl beide nicht miteinander spielen wollten, und mich dann durch ihr Genörgel dazu brachte, mit dem Kind im Kletterturm rumzuhampeln, wo ich tausend Tode starb und am Ende durch meinen Sohn mit „Macht nichts, Mama, du hast es wenigstens versucht!“ getröstet wurde. Ich hab viel gelernt an dem Tag.)

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3 Gedanken zu “Die FalschmacherInnen: Ein Appell

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