Bleib gesund!

Ich muss immer ein bisschen schief lächeln, wenn mir zum Geburtstag oder sonst „Bleib gesund!“ gewünscht wird. Denn die Fakten sind diese: Ich bin nicht gesund. Ich bin auch nicht krank im klassischen Sinne von eingeschränkt, bettlägerig, nicht funktionsfähig. Ich habe Typ-2-Diabetes und Depressionen. Beides Krankheiten, mit denen man meistens halbwegs problemlos leben kann, und Krankheiten, die man mir nicht ansieht. Das ist einerseits natürlich von Vorteil für mich, weil ich mich so nicht mit den üblich üblen Reaktionen wie Mitleid, übergriffiges Hilfsbedürfnis, intrusive Fragen oder stummes Gaffen herumschlagen muss. Andererseits nehmen wir allzu oft Krankheiten, deren Konsequenzen wir nicht auf Anhieb erkennen, nicht wirklich wahr. Sei’s drum, damit kann ich leben. Womit ich nicht leben kann? Mit dem Kult des gesunden Körpers.

Denn es ist doch so: Aus dem Gedanken „Gesundheit ist das höchste Gut“, dem ich von der Grundidee gar nicht so sehr widersprechen möchte, wurde schon immer auch das Mantra „DU MUSST GESUND SEIN, SONST BIST DU MANGELHAFT“ gedrechselt. Hallo, hi. Ich bin so ein Mängelexemplar, auch wenn man das erst merkt, wenn ich bereit bin, diese Information zu teilen. Und ich lasse mich nicht als „weniger“ bewerten deswegen – weniger brauchbar, weniger liebenswert, weniger gut. Denn mitunter geht es ja auch darum: Wer sich um seine Gesundheit kümmert, ist auch moralisch gesehen ein besserer Mensch. Gesundheitsober- und Gesundheitsunterschicht, wenn man so will.

Und wie widerwärtig ist das denn bitte?

Mal abgesehen davon, dass es so viele Leute gibt, die Gesundheit nie erlangen werden, auch wenn sie mit aller Macht danach streben. Mal abgesehen davon, dass es so viele Leute gibt, die sich Gesundheit schlichtweg nicht leisten können. Und so weiter und so fort.

Ich stelle jetzt einfach mal eine kontroverse Idee in den Raum: Es muss in einer freien Gesellschaft auch so viel Körperautonomie erlaubt sein, dass man sich entscheiden können sollte, ob man sich um seine Gesundheit kümmern will oder nicht. Ohne moralische Zeigefinger auf sich gerichtet zu fühlen.

Ja, ich selber bin ein Mensch, der sehr viel Selbstzerstörerisches in sich trägt. Schon immer. Und es ist ein ewiger Kampf. Dem ich mich manchmal nicht stellen kann. Den ich manchmal verliere. Und das Letzte, was ich in solchen Momenten brauche, ist das Gefühl, moralisch versagt zu haben. Ich esse etwas Ungesundes – ich bin ein schlechter Mensch. Ich rauche eine Zigarette – ich bin ein schlechter Mensch. Ich kriege irgendwelche medizinischen Werte nicht in den Griff – ich bin ein schlechter Mensch. Und da soll man noch irgendwie aus dieser Spirale rausfinden.

Ich war gestern beim Arzt, meine Zuckerwerte sind derzeit super, ich muss kein Insulin mehr spritzen und kann wieder zurück zu der reinen Tablettentherapie. Das ist für mich natürlich etwas Positives, klar. Aber warum fühle ich mich, als hätte ich gerade eine Prüfung bestanden? Warum arbeite ich eher darauf hin, an diesen Terminen zu „bestehen“, als mich täglich daran zu erfreuen, dass es mir gerade recht gut geht? Natürlich, einerseits weil meine einprogrammierte Gefallsüchtigkeit und mein gieriger Perfektionismus davon zehren, dass andere mich loben. Und weil ich immer noch daran arbeite, meine eigene Wertigkeit nicht durch andere definieren zu lassen.

Aber es liegt nicht nur an mir, verdammt. Guckt euch doch um. Unsere Gesellschaft ist voll von quasi-religiösen Metaphern, wenn es um das Thema Körperkult geht (siehe auch: Das Wort Körperkult an sich). Wir assoziieren „gut“ und „böse“ mit einzelnen Lebensmitteln. Wir bitten um Absolution, wenn wir „sündigen“: „Normalerweise esse ich ja keine Torte, aber die jetzt, hi hi hi!“, im Tonfall von „Bitte bestätige mir, dass ich das jetzt essen darf, ohne ein schlechter Mensch zu sein!“. Wir rauchen „normalerweise“ nicht. Wir trinken „normalerweise“ keinen Alkohol. Oder wenn wir diese Dinge tun, dann nur „aus Genuß“. Nicht weil wir sie gerade wirklich brauchen. Tja, ich brauche manchmal Essen, um das emotionale Loch in mir zu stopfen oder um runterzukommen. Und ich brauche manchmal die kurze Pause, die mir eine Zigarette verschafft. Ich bin ein extrem suchtorientierter Mensch, damit muss ich klarkommen. Aber ich sehe keine Pflicht darin. Und ich lasse mich deswegen nicht abwerten.

Das einzige Caveat, das für mich gilt, ist mein Umfeld. Ich möchte mein Umfeld nicht mit diesen Aspekten meiner Persönlichkeit belasten, auch wenn es mitunter passiert. Aber noch weniger möchte ich, dass mein Umfeld durch mich in dem Glauben bestärkt wird, dass man nur etwas wert ist, wenn man seinen Körper nicht immer wie einen Tempel behandelt, sondern auch mal wie eine Müllhalde.

Müllhalden haben auch ihren Reiz.

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