ESC-Woche: Conchita und warum sie wichtig ist

Wisst ihr, mir ist auch klar, dass es Wichtigeres in der Welt gibt als den Eurovision Song Contest. Und dass Conchita Wurst nicht der unterprivilegierteste Mensch überhaupt ist. Natürlich steckt hinter der Kunstfigur Kalkül, natürlich ist sie auch eine aufmerksamkeiterheischende Rampensau. Aber sie ist dennoch zur – sicherlich auch gewollten – Symbolfigur eines nicht nur zwischen den Ländern, sondern auch jeweils national zerstrittenen Europa geworden. So zerstritten, dass ich mich manchmal frage, ob wir diesbezüglich je zusammenfinden werden. Wer mir nicht glaubt, soll einfach die Kommentare bei Twitter oder unter jeglicher Onlineberichterstattung über Conchita lesen.

„Hat man jetzt Jennifer Lopez mit Bud Spencer gekreuzt?“ ist da noch ein komplett harmloser Scherz. Zumindest im Vergleich zu Aussagen wie „Hitler was right“ oder „Oh Austria, first Adolf and now this?“. Oder wie wär’s mit „Look at #conchitawurst a lil abnormal girl who is honoured by a sick society . it has got nothing to do with real women or men“? Jo, das sind jetzt mehr so englische Aussagen. Auf Deutsch wird da dann gerne auf die Rückkehr von Vernichtungslagen gehofft. Und kann sich derdiedas denn nicht entscheiden, ob ersiees jetzt Mann oder Frau ist?

Erstens mal: Hat sie. Conchita Wurst als Performerin ist eine Frau, eine Drag Queen halt. Tom Neuwirth als Privatperson ist ein Mann. Wäre das also ein für alle Mal geklärt. Und zweitens: Niemand muss sich für ein Geschlecht entscheiden, wenn die Person das nicht will. Ich weiß, nonbinär ist kompliziert, aber ich mach’s mal einfach: Wer eins ist, entscheidet eins selbst. Nicht die Gesellschaft. Deal with it.

Übrigens: Wisst ihr, wer am souveränsten mit den ganzen unglaublich üblen Anfeindungen und dem Hass umgeht? Conchita selbst. Sie ist die Würde in Person, und sie hat die unermüdliche Geduld, wieder und wieder dieselben Fragen zu beantworten und sich dauernd zu erklären, ohne auch nur einmal in die wütenden Tiraden zu verfallen, durch die sich ihre Gegner auszeichnen. Das alleine ist schon bewundernswert und lässt mir die Kinnlade runtersacken vor Respekt. Ich könnt’s nicht. Aber ich kann ja auch das nicht:

Großartiges Lied, unglaubliche Performance, grandioses Kostüm, wunderschöne Frau. Alles da für einen möglichen Gewinn eines Wettbewerbs, in dem es immer noch um den Song geht, eigentlich. Und da ist halt noch der Bart. Der Bart der Prophetin, quasi. Die uns eine tolerantere Zukunft aufzeigen möchte.

Wenn wir sie lassen.

Ich hab gestern sehr viele SMS geschrieben. 06 06 06 06 06 06 und so weiter. Ich werde das auch morgen wieder tun (natürlich mit der entsprechenden Kennziffer, keine Sorge). Denn in einem ESC, in dem ein unsäglicher Verschnitt des noch unsäglicheren Robin Thicke für Weißrussland auftreten darf, in dem Frauen immer noch und immer wieder anhand ihrer Kostüme beurteilt werden, in dem der Erfolg auch davon abhängt, wie viel Show im Hintergrund abläuft (Hamsterräder, Trampoline und 360-Grad-Pianos, anyone?) – da ist mehr als genug Platz für Conchita Wurst. Ich finde ja, der Platz ganz oben auf dem Treppchen wäre der passendste.

(Deswegen hab ich ja auch die unerfolgreichste Solidaritätskampagne der Geschichte gestartet: #istandwithconchita auf Twitter. Keine Sorge, es muss niemand mitmachen, der nicht möchte.)

Und der Sohn? Der hat es ja schon vor langer Zeit gewusst.

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