Die Wurst und „wir“

Ich geb’s zu, am späten Samstagabend haben sie mich genervt, die „Wir sollten bei allem Jubeln nicht vergessen, dass ….“-Tweets. Denn ich wollte einfach mal eine Runde glücklich sein und feiern, dass Conchita Wurst bei allen Anfeindungen einen absolut souveränen Auftritt absolviert und letztendlich beim Eurovision Song Contest sogar triumphiert hatte. Eine Runde ungetrübte Euphorie, bitte. Der Alltag darf gleich wieder ran.

Nun gut. Der Alltag ist also wieder da. Reden wir darüber.

I’m getting sick
Of you calling it ”chic”
To describe what it is that I am
when I know that I’m damned,
cause I got no own place to go


Ich mach jetzt garantiert keine Wurstwitze, der Spruch im Titel muss reichen. Ich werde jetzt auch nicht darüber predigen, welch ein „Sieg der Toleranz“ das am Samstag war, denn machen wir uns nichts vor: Es war ein seltener Glücksmoment, aber ob sich dadurch langfristig was ändert? Mein zynischer Verstand sagt „Nee“, mein naives Herz wehrt sich entschieden und brüllt aufstampfend: „ES MUSS ABER! IRGENDWANN MUSS ES DOCH! KÖNNT IHR DAS NICHT VERSTEHEN?!?! AAAAARGH!!!“. Mein Herz ist leider … nee, zum Glück unbelehrbar. Und dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Aber lassen wir zuerst den Verstand zu Wort kommen.

I’m getting sick and tired
You say you know my kind
But I’m a one of a kind
I’m blind leading blind
Cause we got no own place to go

Der Verstand sagt: Ihr wisst doch, wie es ist. So ab und zu mal, natürlich gerne zum ESC, weil es da eh ins Image passt, feiern wir unsere Toleranz ab, ohne zu merken, was für ein widerliches Wort „Toleranz“ überhaupt ist. Ich toleriere deine Existenz. Na gut, du darfst weiterleben. Aber bitte tu das doch irgendwo, wo ich es nicht dauernd sehen muss, sonst merke ich irgendwann, wie bigott ich bin.

Aber im Alltag? Pustekuchen. Der alte Mann da mit der Halbglatze, der sich im schlecht sitzenden Kleid in den Supermarkt traut, den darf man ruhig ungehemmt anglotzen. Der will das doch so. Die dicke Frau, die sich traut, öffentlich etwas Ungesundes zu essen? Der hilft es sicher weiter, wenn man sie irritiert anguckt und ihr zu verstehen gibt, dass sie so etwas nicht darf. Ist doch zu ihrem eigenen Besten. Und der geistig Behinderte da soll gefälligst nicht so laut sein. Kümmert sich da eigentlich gar keiner? Mein Weltbild, mein Weltbild! Ich hab doch schon zu Weihnachten für Unicef gespendet, kann ich nicht jetzt gefälligst meine Ruhe haben?!

Sollen die mal etwas Besonderes tun, damit ich mich inspiriert fühlen kann. Denn darum geht’s doch: Was nicht der Norm entspricht, muss sich sonst irgendwie auszeichnen, um „toleriert“ zu werden. Das komische Etwas in Abendkleid und Bart? Das kann toll singen, das find ich einmal im Jahr gut. Die dicke Frau da in der Castingshow, die kann auch singen, die sollte nur etwas abnehmen, sie hätte doch so ein hübsches Gesicht. Der Behindertensportler, der schneller ist als ich? Wow, an dem sollten wir uns ein Beispiel nehmen, was der kann, obwohl er doch vom Schicksal so schwer gebeutelt ist! Was für eine Inspiration!

But we’re the pounding of the drums
We’re your next-door neighbour
You sure must have known
You got nowhere to go

Und wisst ihr, was das Herz euch jetzt sagt? Ihr Arschlöcher. Wir Arschlöcher. Muss denn wirklich alles, was „anders“ ist, irgendwie etwas extra Positives aufweisen, damit es uns in den Kram passt? Und wir Durchschnittsmenschen, wir können sein, wie wir wollen, denn wir sind ja Durchschnitt, bei uns gleicht sich das irgendwie aus? Können wir das Andere nur in unser Leben lassen, wenn es sich mit besonderen Fähigkeiten bei uns bewirbt?

(Der Verstand keckert ein sarkastisches „Ja!“ in den Raum. Der Verstand kriegt heute keinen Nachtisch.)

Manchmal bringt es mich zum Verzweifeln, hier in meiner Ecke zu sitzen und zu wissen, dass alles, was ich tue, eigentlich nur Preaching to the Converted ist und ich nichts wirklich erreiche, egal wie viel ich schreibe. Aber ich kann nun mal nicht anders. Neulich, als die Zeugen Jehovas vorbeikamen und mir erzählten, dass Gott bald eingreift und alle Übeltäter tilgt, hab ich mir nur gedacht: „Ich kenne keine Übeltäter, die getilgt werden müssten“. Was soll ich sagen, mein offensichtlich wirklich sehr naives Herz glaubt immer noch fest daran, dass irgendwann alle verstehen werden, dass Liebe nicht sortiert. Dass alle Menschen gleichwertig sind. Imagine und so.

Lacht doch.

I’m building an army of misplaced lovers
Known as ”the others”
Working under covers
of love
Cause we got nowhere else to go

Und deswegen muss ich daran glauben, dass sich durch Momente wie den am Samstag vielleicht doch irgendwo irgendetwas geändert hat, das auch im Alltag seinen Effekt zeigt. Ich muss daran glauben, dass vielleicht irgendwo bei irgendwem der Funke einer möglichen Gesprächsbereitschaft gezündet übergesprungen ist, dass es besser wird für die vorverurteilten Sonderlinge und die vermutet Sonderbaren, die eben nicht besonders sind. Ich muss daran glauben, dass diejenigen unter uns, die ebenfalls daran glauben, wirklich „unstoppable“ sind.

Sonst bleibt mir nur der Verstand. Und das will doch wirklich keiner.

Gonna enlist every baldheaded chick with a dick
Every queer that is here so you stupid gits
Know You’re fucked-up, nowhere to go

Hear the pounding of the drums
from your next-door-neighbour

You sure must have known
You got nowhere to go

Flattr this!

2 Gedanken zu “Die Wurst und „wir“

  1. likelikelike würde man auf einem blau.weißen Mega Forum nun sagen. Wer bist du? Und warum finde ich dich jetzt erst? Ola sei Dank. Egal woher du bist, schreib mir. Meine E-Mail Adresse kannst du vielleicht sehen. Wenn nicht, ich habe Benachrichtigungen eingestellt. Ich liebe deine Gedanken 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.